Wenn man etwas mit Leidenschaft macht, kommt der ganze Rest von allein. Für Rocky Valente, geboren in Südafrika, aufgewachsen in Portugal und nun in Amsterdam lebend, gilt dieser Satz zu 100 Prozent. Die Energie, die sie aus ihren ersten Raves zog, gibt sie ihren Fans seit Jahren zurück – als DJ in fesselnden, treibenden Sets oder in ihren vor Kraft strotzenden, hymnischen Produktionen. Nach einem sehr produktiven Jahr und einem brandneuen Release auf Elevate war es endlich Zeit für ein Gespräch.


Guten Morgen, Rocky. Wie ist die Lage?

Hi, sehr gut, danke. Gerade ist es noch sehr früh, kurz nach meiner Morgenmeditation. Ich bin glücklich, gerade in Portugal zu sein, denn obwohl es Winter ist, sieht es nach einem sehr sonnigen Tag aus. Nun ist es Zeit, mich um E-Mails und meine Socials zu kümmern.

Besser kann man kaum in den Tag starten. Lass uns auch bei deinem Werdegang ganz vorne anfangen. Wie ging bei dir alles los?

Als ich noch ganz frisch in der Szene war, ging ich mit Freunden in Gay-Clubs, wie das Trumps in Lissabon, das es tatsächlich immer noch gibt. Zeitgleich lernte ich meine ersten Lektionen beim DJing und irgendwann kam das Mixing dann einfach von selbst. Produziert habe ich erst einige Jahre nach dieser Zeit. Ich bin davon überzeugt, dass man ein besserer Produzent ist, wenn man die Erfahrung als DJ hat, die Crowd zu lesen, und sie glücklich machen kann.

Seit einiger Zeit bist du eine von vielen erfolgreichen Frauen im Techno-Business. Wurdest du zu Beginn deiner Karriere anders behandelt aufgrund deines Geschlechts?

Damals, vor elf Jahren, sagten manche Leute mir immer wieder, dass ich es als Frau viel einfacher habe, weil ich nur gut aussehen müsse und der Crowd meine Musik eigentlich egal sei. Manche Leute versuchten ständig, mir Steine in den Weg zu legen. In den letzten Jahren fühle ich, dass Frauen eine lautere, eigene Stimme bekommen haben. Wenn Menschen endlich über Gender-Grenzen hinwegsehen und sich auf die Musik konzentrieren, merkt man, dass wir in einem guten Prozess sind, der auch noch etwas mehr Zeit brauchen wird.

Dann lass uns endlich über deine Musik reden! Deine EP „Rebirth“ ist gerade frisch releast und hörbar inspiriert von Oldschool-Vibes. Welche Producer-Heroes aus dieser Zeit haben deinen eigenen Stil beeinflusst? Und wie kam es zum Signing auf Elevate, dem Label von Pig & Dan?

Der Zufall hat mich mit Pig & Dan bekannt gemacht: Ich war schon immer ein Fan der beiden. Dann spielten wir auf derselben Stage bei einem Festival im Sommer, was zu großartigen Gesprächen geführt hat. Ich liebe es, Musik zu diggen, mit allem, was dazugehört: den Menschen dahinter, den Labels und der gesamten Entwicklung der Musikindustrie. Jeff Mills sticht für mich aus verschiedensten Gründen aus einer riesigen Menge an gutem Oldschool-Stuff heraus. Darüber hinaus bin ich besessen von Acid, was du definitiv in meinen nächsten Releases noch stärker hören wirst.

Wie realisierst du deine Ideen dann im Studio?

Bevor ich starte, habe ich mir schon Gedanken gemacht, wohin die Reise gehen soll. Es beginnt immer mit einem Feeling – sei es meine Gefühlswelt oder eine Emotion, die ich für den Hörer kreieren möchte. Mir ist auch das Visuelle immer sehr wichtig und ich lasse mich auch gerne von Fotos oder Videos im Studio inspirieren. In einer gewissen Weise kreiere ich einen Soundtrack, nur mit einem imaginären Film. Mit dieser Idee wird dann experimentiert. Ich kann dir kein Schema nennen, nach dem ich immer wieder verfahre, es geht stets um die Inspiration. Jetzt zur Technik: Ich greife, wann immer ich kann, auf Hardware zurück, doch unterwegs kann ich richtig gute Dinge auch nur mit einem Basic-Setup realisieren.

Und wie gehst du dann an deine tiefen, raumgreifenden Kickdrums ran?

Hier geht es vor allem darum, wie ich den Grundsound mit verschiedensten Saturation- und Distortion-Plugins bearbeite, um eine Textur der Kick zu erzeugen. Kombinat von Audio Damage beispielsweise gibt den Drive und die Power zu allen Signalen, die man durch das Tool schickt.

Welchen deiner Tricks aus dem Studio kannst du uns noch verraten?

Ich liebe es, Sounds zu designen und diese dann runterzupitchen. Das gibt dem Klang eine ganz andere Dimension und verändert den Charakter sehr entscheidend. Alle Produzenten nutzen ähnliche Quellen – man muss diese Ursprungssounds manipulieren, um zu seinem eigenen Sound zu kommen.

Amsterdam ist deine Basis seit einigen Jahren. Wie hast du dieses Jahr das ADE erlebt?

Yeah, ich liebe es! Einerseits ging es um meine Zukunft und ich hatte Business-Meetings mit meinem Management und einigen anderen. Andererseits konnte ich meinen Lieblings-DJs zuschauen bzw. auch mit ihnen spielen. Die Party im The Basement bleibt in Erinnerung!

Abseits vom ADE gilt die Stadt als Geheimtipp für elektronische Tanzmusik.

Ich habe hunderte Partys hier miterlebt, seit ich in Amsterdam lebe, und für mich ist es die Hauptstadt für qualitativ hochwertige Tanzmusik. Zwischen Belgien und Deutschland ist eine starke Techno-Szene entstanden, die sich immer weiterentwickelt.

Erzähl uns etwas über deine wöchentliche Podcast-Serie „In Session“.

Eine Plattform, mit der ich andere Acts supporten und meine Tracks einer neuen Hörerschaft zeigen kann, wollte ich schon immer. Im Podcast haben sich schon feste Rubriken entwickelt: „My Favorite Track“ präsentiert einen Track, den ich in der Woche immer gespielt habe, zusammen mit einer Story über den Künstler dahinter. „Look Back Track“ ist ein Rückblick auf ein legendäres und ikonisches Release. Den Podcast gibt es erst seit kurzer Zeit und ihr könnt ihn immer zuerst bei Mixcloud hören.

Was ist deine Lieblingsplaytime beim Auflegen?

Jede Playtime ist mir willkommen, denn ich versuche immer, das Gegenteil von einem Standard-Programm zu machen: Ich werde die Zeit meines Lebens haben, und das werde ich der Crowd mit einem Lächeln und meiner Performance auch zeigen. Das sind schließlich die Menschen, für die ich arbeite.

Auf deinen Socials zeigst du oft, dass du noch einige andere Leidenschaften außerhalb der Musik verfolgst, die dein künstlerisches Schaffen wiederum beeinflussen.

Die Fotografie hat es mir angetan: Da ich ein paar Jahre als Model gearbeitet habe, bin ich begeistert von guten Porträts. Und es überrascht dich vielleicht, doch ich liebe es, Salsa und Bauchtanz zu tanzen. Diese beiden Tänze haben so viel weibliche Energie in sich. Darüber hinaus koche ich gerne und serviere meiner Familie dann und wann ein veganes Menü. Ich finde es unglaublich spannend, was für bezauberndes Essen man kochen kann, ohne tierische Produkte zu benutzen. Hier in Portugal gibt es so viele tolle Gemüsesorten und Früchte, das ist unglaublich.

Was können wir nächstes Jahr von dir erwarten?

Ihr werdet mich beim Touren durch Südamerika, China und Japan erleben. Außerdem werde ich auf ein paar meiner Lieblingslabels releasen und einige starke Techno-Sets für alle spielen, die mich sehen wollen: Es wird wieder ein spannendes Jahr!

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Bastian Gies
Foto: Antonio Medeiros
www.facebook.com/rockyvalentemusic