Liebe FAZEmag-Leserin, lieber FAZEmag-Leser,

wovon träumt so ziemlich jeder Musikproduzent? Erfolg natürlich, aber vor allem, einen wiedererkennbaren Signature-Sound zu erschaffen, der im besten Fall von der breiten Masse geliebt wird.

Stellen wir uns ein prallgefülltes Festival vor: Gute Laune, Sonnenschein und ein maskierter DJ auf der Bühne. Ein wunderschönes episches Klavier ertönt, gefolgt von glitchenden Synthies. Langsam spürt man, wie die Energie ansteigt und nachdem eine Frauenstimme flüstert: „Fade into Darkness“, schiebt sich der brachial-rollende Bass durch die Mengen. Es ist der perfekte Festival-Moment.

High Tech Minimal

Hier werden verschiedene Welten authentisch zusammengeführt. Vom Einsteiger bis zum Minimal-Veteran kommt jeder bei diesem Sound auf seine Kosten. High Tech Minimal nennt Boris Brejcha das Subgenre, das einen auf dem Dancefloor, aber auch in jeder anderen Situation abholt.

Doch was macht dieses Genre so besonders? Das prägnanteste am High Tech Minimal sind wenige, aber knackige Elemente, die sehr präzise abgemischt werden müssen. Doch was bedeutet „knackig“ in diesem Zusammenhang? Keine einzige Hüllkurve eines Klanges wird dem Zufall überlassen. Kein Sound ertönt zu lang oder zu kurz. High Tech Minimal fordert puren Perfektionismus von seinem Produzenten.

Fast wie bei der Architektur muss jedes Element optimal mit dem nächsten kombiniert werden, um das große Konstrukt zu tragen. Sonst läuft man Gefahr, seinen Mix mit zu vielen Sounds zu überladen.

Minimal steht bekanntlich für simpel gehaltene Loops, die gerade dadurch eingängig werden. Der Platz zwischen den Klängen sorgt dafür, dass es nie zu stressig wird, sondern genau so gut nebenbei, wie auch auf voller Lautstärke gehört werden kann.

Damit es aber nie langweilig wird, versieht man die wenigen Elemente im Mix mit reichlich Automationen. So bleibt der Klang durchgehend in Bewegung.

Grooves helfen hier, den typischen Minimal-Shuffle heraufzubeschwören. Das und Velocity-Anpassungen in den Noten schaffen eine durchaus wichtige Menschlichkeit in einem Genre, das sonst wohl zu kalt und programmiert klingen würde. Vor allem, weil das analoge und warme Gefühl, das wir sonst vom Sound Design kennen, hier fehlt. Boris’ Sound Design ist steril. Nicht kalt, aber pragmatisch – und das erreicht man am besten mit ganz bestimmten Klangerzeugern.

Tools

Was für viele eingeweihte Produzenten vielleicht erstmal wie ein Nachteil klingt, ist für Boris mit Sicherheit eine große Stärke: Cubase von Steinberg. DAWs sind nicht für Genres vorbestimmt oder umgekehrt, aber die Wahl dieser DAW könnte tatsächlich mit Boris’ großer Liebe zur Filmmusik zusammenhängen.

Die Komplexität dieser Musik fasziniert ihn und inspiriert ihn auch in seinen Produktionen.

Daher kommen dann vermutlich die Anregungen für seine epischen Breakdowns und dramatischen Build ups.

Für Inspiration greift Boris häufig zu Spectrasonic Omnisphere, Trilian, reFX Nexus oder Synth wie Camel Audio Alchemy, bevor es Teil von Apples DAW Logic wurde. Alle diese Klangerzeuger haben die Eigenschaft, dass sie mit ihrer cineastischen Klangfarbe schnell zum Ergebnis führen.

Zur Effektierung der Sounds benutzt Boris sowohl Steinbergs interne PlugIns (Steinberg Stereo Delay), als auch Dritt-Anbieter PlugIns wie D16 Sigmund oder Stereotools wie den Audio Damage Auto-Panner.

Außerdem nimmt er Fabfilter One für saftige Bässe, die auch mal knarzen können und nur so vor Digitalität sprudeln.

Ear Candy

In der vorletzten Ausgabe haben wir über die Bestandteile von 2012er Minimal gesprochen. White Noise war dabei zum Beispiel auch eine Komponente. Auch beim High Tech Minimal-Sound ist es ein sehr hilfreiches Element, um Stimmung auf- und abzubauen.

Wenn sich im Prozess Happy Accidents ergeben, greift auch ein zielgerichteter Produzent wie Boris Brechja zum Resampling. Denn jeder interessante Zufall kann ein Ausgangspunkt für neue Ideen und neue Inspirationen sein.

Arrangement

Bei der Arrangement-Arbeit sollte man fokussiert sein. Wie üblich im Techno, kann man hier erstmal grob nach Baukasten-Prinzip seine Elemente an den festen Zeitmarkern ausrichten. Der Mix-In- und Mix-Out-Teil bei jedem Track beträgt eine Minute – das ist fest, da diese Tracks eindeutig dafür gemacht werden, um in DJ-Sets eingearbeitet zu werden.

Um das Arrangement auszubauen, sollte man den Track auch mal außerhalb seiner Arbeitsumgebung hören. Abseits des Schreibtisches lässt sich einfach besser beurteilen, an welcher Stelle des Arrangements wichtige Elemente wie der Drop kommen müssen.

Mixdown

Um einen perfekten Mixdown abzuliefern, ist es wichtig, das Frequenzspektrum nicht mit zu vielen Elementen zu überladen. Es ist besser, die Frequenzbereiche mit weniger, dafür aber sauber definiertem Material aufzufüllen. Sowohl in Bezug auf die Effekte, als auch frequentiell betrachtet. Dynamische Equalizer sind perfekte Tools, um alle Elemente optimal im Mix zu platzieren.

Brejcha bewegt sich geschickt zwischen kommerzieller Massentauglichkeit und innovativer Klangforschung. Trotzdem fliegt er uns nicht auf der Radiowelle davon, sondern bleibt mit seiner Musik authentisch. Auf der Bühne ist Boris eine Vorbildfunktion für viele aufstrebende Künstler, denn seine Shows, sein Branding und die Tracklists sind sehr charakteristisch. Das kann ihm keiner nehmen.

Wenn du wissen möchtest, wie wir den Boris Brejcha Sound nachempfunden haben, check unser neuestes Video auf dem SINEE Youtube-Kanal oder schau vorbei auf SINEE.de und sicher dir das Template.

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Text: Johann Köhnen