Funkhaus Berlin
No alternative could grow. Where love can not take root. Das hat schon Anne Clarke 1982 in ihrem Underground-Hit „Sleeper in Metropolis“ beschrieben. Ist jedoch jemand mit Liebe bei der Sache, kann es mit dem Wachsen einer Alternative ganz fix gehen – selbst in einer noch wintergrauen Metropole wie Berlin. Die Fashion-, Musik- und übrige Kreativszene machen es seit Jahren vor. Jetzt zieht die Musiktechnik mit einem frischen Event nach. Zum einen, weil die Hauptstadt immer schon Schwerpunkt bei der Entwicklung innovativer Klangerzeuger war. Zum anderen, weil der bisherige Messe-Hot-Spot Frankfurt schwächelt. Das veränderte Konzept der diesjährigen Musikmesse soll mit neuer Aufteilung die Hallen zu neuem Leben erwecken. Es könnte speziell für den Bereich DJ- und Producer-Technik aber auch das genaue Gegenteil bewirken. Viele Aussteller sind irritiert und fühlen sich sprichwörtlich zurückgesetzt. Vielleicht weil bei der Entwicklung dieser Alternative niemand mit Liebe zum elektronischen Klang bei der Sache war. In diese Lücke stößt nun Kult-Vertriebler Andreas Schneider von SchneidersBüro aus Berlin, um sein eigenes Event zu starten. Sein multipel fiepsender Besuchermagnet „Superbooth“ wird auf der Musikmesse also nicht zu finden sein. Vielmehr feiert er rund 400 Kilometer Luftlinie entfernt vom 31. März bis zum 2. April als eigenständige Synthesizer-Messe seine Neugeburt. Wir haben den Initiator zu den Gründen und Planungen befragt.


Andreas, wie weit bist du mit den Planungen?

Ich bin gerade unter Volldampf. Die Sache ist schon jetzt wesentlich größer als erwartet – und wächst immer noch. Ein paar große Hersteller haben zwar etwas kalte Füße bekommen, als sie erfahren haben, dass die Teilnahme natürlich etwas kostet. Das war in deren Budget nicht vorgesehen. Aber auch sie werden zumindest in kleinem Umfang ausstellen. Die bereits bekannten kleinen und viele neue innovative Buden inklusive der DIY-Szene werden auf jeden Fall am Start sein.

Wie viele Aussteller dürfen wir insgesamt erwarten?

So an die 100 aus allen Teilen der Welt.

Dass die großen Hersteller mitmachen, überrascht jetzt doch. Bislang hat man den Kleingerätekosmos von SchneidersBüro ja eher als Gegengewicht zu den Big Playern verstanden.

Ich habe da keine Berührungsängste. Wenn die Möglichkeit besteht, versuche ich natürlich, das gesamte Spektrum darzustellen. Eher sollte umgekehrt die Frage gestellt werden, warum die Großen plötzlich Interesse an einer Superbooth-Teilnahme haben. Die erste Antwort lautet: Frankfurt nervt. So ist zumindest der allgemeine Grundtenor.

Also darf man Superbooth zumindest als Gegengewicht zur Frankfurter Musikmesse sehen. Du siehst also nicht, dass deren neues Konzept für die Synthesizer-Hersteller aufgeht?

Nein, überhaupt nicht. Unsere kuschelige Halle 5 wurde ja praktisch abgerissen und der gesamte DJ- und Synthesizer-Bereich in die unpersönliche Halle 9 verschoben. Dazu wurde von der Messeleitung in einer Pressekonferenz etwas von neuen Emotionen durch Installationen geredet … Das überzeugt alles nicht. Man hat offenbar das Gefühl für die Sache verloren und ist sich nicht bewusst, dass die Musikmesse keine Teppichmesse ist. Für mich ist der Drops gelutscht.

Dich wird es in Frankfurt also nicht geben. Die anderen Hersteller planen doppelt?

Die kleinen schon aus Budgetgründen sicher nicht. Einige große Hersteller ja. Aber ich denke, auch nur im ersten Jahr. Die schauen erst einmal, was bei uns passiert. Aber wenn ich mich nicht ganz dumm anstelle, dürften auch sie nächstes Jahr komplett in Berlin dabei sein. Denn so eine schöne Location wie das Funkhaus Berlin findet man wohl kein zweites Mal. Ein echter Glücksfall. Wie viele Superbooth-Messen dort stattfinden werden, hängt allerdings davon ab, ob der neue Eigentümer erkennt, dass er jetzt so etwas wie ein Kulturkurator ist. Das erfordert Sensibilität und die künftige Nutzung ist nicht abschließend geklärt. Wir werden das Gebäude mit dem gebührlichen Respekt behandeln und auch inhaltlich drauf eingehen. Von den Planungen des Eigentümers hängt dann ab, ob wir es noch zwei, fünf oder noch mehr Jahre als Veranstaltungsort nutzen können.

Erzähl mal ein bisschen was zum Gebäude!

Das Funkhaus Berlin ist die ehemalige Radiostation der DDR. Es wurde Anfang der 1950er-Jahre von den russischen Besatzungsmächten errichtet, weil sie das Funkhaus in Westberlin abgeben mussten. Herausgekommen ist ein architektonischer Prachtbau, der ebenso in akustischer Hinsicht seinesgleichen sucht. Dazu existiert eine Menge Literatur. In den zahlreichen großen Sälen und kleineren Studios wurden sowohl DDR-Popproduktionen als auch philharmonische Konzerte und Hörspiele aufgenommen. Da die technische Ausstattung und Akustik einzigartig sind, werden die Räume auch heute noch genutzt. Das Studiogebäude haben wir zusammen mit den Außenflächen komplett gemietet und die einzelnen Aufnahmeräume zu einer Messe- und Eventfläche zusammengeführt. Ein idealer Ort also, um eine Messe, die vom Hören lebt, zu veranstalten. Eine Messehalle ist akustisch dafür ja eher ungeeignet. Entsprechend bekommen die ganzen kleinen Hersteller, die man von Superbooth in Frankfurt kennt, endlich mehr Raum zur Entfaltung. Auf der Musikmesse war das aufgrund des Quadratmeterpreises ja unmöglich.

Abgesehen davon, dass Frankfurt, wie du sagst, nervt und die Location außergewöhnlich ist – was glaubst du, könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass die Ausstellerzahl so explodiert?

Den größeren Herstellern scheint die Innovationskraft der kleinen abhandengekommen zu sein. Sie müssen halt in großen Stückzahlen verkaufen und da ist es naturgemäß schwierig, herumzuexperimentieren. Sie wirken also sehr gesetzt. Ich vermute also schon, dass sie mit der Teilnahme vom Image unserer Wildheit und Vitalität profitieren möchten. Dadurch dass beispielsweise Roland Eurorack-Module herausgebracht hat und wohl auch Moog in den Startlöchern steht, ist die Sache jetzt im Mainstream angekommen. Den kleinen Herstellern nutzt das wiederum, da sie mehr Aufmerksamkeit erhalten. Früher wurden wir ja von den Fachgeschäften eher belächelt, inzwischen können sie das Thema nicht mehr außen vor lassen. Und da wir diejenigen sind, die die Materie erklären können, kommen sie immer häufiger auf uns zu.

Wo sollen gerade im Modulbereich überhaupt die ganzen Käufer herkommen?

Auf die großen Hersteller bezogen gibt es natürlich schon eine ganze Menge Fans, die die Instrumente kaufen, weil sie gerade angesagt sind. Die kaufen also praktisch erst einmal einen Hammer, obwohl sie noch gar nicht wissen, welchen Nagel sie einschlagen wollen. Das ist eine andere Sorte Mensch neben der, die sich intensiv damit beschäftigt und zur Erreichung eines bestimmten musikalischen Ziels gezielt ein Instrument kauft. Die Sorte Mensch also, die einen Nagel besitzt und nun einen geeigneten Hammer sucht. Viele der Major-Kunden werden die Module erst einmal kaufen, aber aufgrund der Komplexität auch schnell wieder in die Ecke schieben. Einige wenige werden dann hängen bleiben und auf die kleinen Exoten stoßen. So zumindest meine Hoffnung. Ich betrachte die Großen also quasi als Scharnier für die Kleinen. So wie auch in der Musik bekannte Acts dazu führen können, das man sich mit dem Underground beschäftigt. Meine einzige Sorge dabei ist, dass bei dem derzeitigen Hype eine Menge inkompatibler, minderwertiger und nicht dauerhaft genutzter Elektroschrott produziert wird. Auch das wird bei Superbooth 16 ein Thema sein. Ich weiß, dass da jetzt viele die Augen rollen. Aber dieser ökologische Aspekt treibt mich schon um. Vielleicht kommen wir ja mal dahin, dass es eine Art Siegel für Nachhaltigkeit und Kompatibilität gibt.

Jetzt deutest du bereits das Rahmenprogramm an. Superbooth 16 ist offenbar als mehr denn reine Messe konzipiert.

Das ist richtig. So wird es zum einen eine Serie von Workshops geben. Sowohl für Einsteiger, die Klangsynthese von Grund auf erklärt bekommen, aber eben auch für die DIY-Szene und Fortgeschrittene, die sich ihre Komponenten selbst zusammenbauen wollen. Ein weiteres Highlight bilden zudem die Gesprächskonzerte. Dabei können dann Hersteller morgens ihr neues Instrument XY dem Fachpublikum und der Presse vorstellen. Nachmittags finden dann Gerätevorstellungen für das allgemeine Publikum statt. Dort werden Künstler im Rahmen eines Kurz-Gigs die klanglichen Möglichkeiten bestimmter Instrumente zum Besten geben. Diese Konzerte werden gebührend im Konzertsaal 1 stattfinden, damit sich die Zuhörer voll auf den Klang konzentrieren können. Auf der Musikmesse lief es ja immer auf ein unschönes Lautstärkemassaker hinaus. Ab 20:00 Uhr wird dann der offizielle Messebetrieb eingestellt und die Leute können noch Podiumsdiskussionen mit Leuten von Rang und Namen oder im Konzertsaal 2 weiteren Kurzkonzerten lauschen. Und für alle, die dann immer noch Energie haben, finden im Anschluss des zweiten und dritten Tages ausgewachsene Live-Konzerte im Nebengebäude statt.

Kannst du da schon Namen nennen?

Nicht wirklich, am finalen Programm arbeite ich gerade noch. Das reiche ich gerne nach, kann aber in Kürze auch auf unserer Webseite eingesehen werden. Aber so Leute wie Tobi Neumann oder Schneider TM, also befreundete Künstler aus unserem Kundenstamm, haben ihr ausdrückliches Interesse bekundet.

Superbooth 16
31.03.2016–02.04.2016
Funkhaus Berlin
Nalepastraße 18–50
12459 Berlin
www.superbooth.com
www.schneidersladen.de

 

Öffnungszeiten:
Fachbesucher: 10:00–22:00 Uhr
Publikumsverkehr: 14:00–22:00 Uhr

Preise:
Tagesticket: 35 EUR
Wochenendticket: 85 EUR

Tägliches Programm:
14:00–18:00 Uhr: Starter-Workshops, Einführung in die Synthesizer-Welt
15:00–19:00 Uhr: DIY-Workshops, selbst bauen, modden, reparieren
10:30–19:30 Uhr: Gesprächskonzerte, kommentierte Produktpräsentationen
09:00–22:30 Uhr Bootsshuttle Jannowitzbrücke (Chinesische Botschaft) – Funkhaus

Events:
Freitag, 1. April
22:00–02.00 Uhr: Kultursaal @ Funkhaus:
Superbooth 16 electronics, concert night

Samstag, 2. April
23:00 Uhr – open end: Kultursaal @ Funkhaus:
Superbooth 16 nightshift, live music celebration

Specials:
Täglich von 09:00 Uhr bis 22:30 Uhr:
Kostenloser Bootsshuttle-Service über die Spree
zwischen Jannowitzbrücke (Chinesische Botschaft) und Funkhaus Berlin

Aussteller (Stand Januar 2016):
4ms Company
Ableton
Abstract Data
ADAM Audio
ADDAC System
AJH Synth
ALM/BusyCircuits
Analogue Systems
Audio Damage
audiowerkstatt
AQA ElektriX
Bastl Instruments
Befaco
birdkids
Bitwig
Black Market Modular
BR LASER
CFM
CG Products
DinSync
Doepfer
Dreadbox
E-RM Erfindungsbüro
East Wick
Elektron Music Machines
ENDORPHIN.ES
eowave
Erica Synths
Expert Sleepers
EVE Audio
Frap Tools
Future Artist
Gezeiten
Ginkosynthese
Haken Audio
Hornberg Research
Irrupt
JoMoX
KOMA Elektronik
KORG & ARP
LEP
Macbeth Studio Systems
Make Noise
Maker.ie
Manikin Electronic
MFB
Modal Electronics
Modor Music
ModularGrid
Moon Modular
Mordax
Music Thing Modular
Musik App Manufaktur
Native Instruments
Nonlinear Labs
Novation
Patchblocks
Pittsburgh modular
Radikal Technologies
Rebel Technology
Roland
Roll Your Own
Rossum Electro-Music
Seismic Industries
Snazzy FX
Sonic Potions
Soundmachines
Steinberg
Submodular Systems
Sugar Bytes
SynMag
Tegeler Audio Manufaktur
The Harvestman
Tiptop Audio
Touellskouarn
U-HE Heckmann Audio
Verbos Electronics
Vermona
VIDEOVOX
Waldorf Music
WMD
Yamaha Music
Zähl

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