Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir mit Tom Wax ein Interview geführt haben. Für die Dezember-Ausgabe 2019 unterhielten wir uns über seine anstehende „TeamWorx“-Compilation. Dennoch fühlt sich das Gespräch dieser Tage an, als wäre das letzte schon vor einer halben Ewigkeit geführt worden, war doch damals nicht annähernd mit einer Pandemie und derartig großen Auswirkungen zu rechnen. Eine Sache, die sich jedoch bereits 2019 abgezeichnet hatte, war das zweite Solo-Album von Tom Wax, das zu dieser Zeit schon weit fortgeschritten war. Nun erscheint am 18. September das Werk, das den Titel „Driven By Passion“ trägt und auf seinem eigenen Label Phuture Wax erscheint.

 


Ein passender Titel, gilt Wax doch in der Szene generell als jemand, der angetrieben von Leidenschaft überdurchschnittlich viel Output generiert. Diese Produktivität hat COVID-19 eher noch verstärkt: „Durch den Lockdown im März haben ich zunächst einmal einfach wie im Tunnel weiter Musik produziert! Allerdings habe ich dann doch täglich viel Zeit damit verbracht, mich über diesen ganzen Corona-Wahnsinn zu informieren und mir selbst ein Bild davon zu machen. Tatsächlich habe ich mich dadurch in politische und wirtschaftliche Themen eingelesen und so auf vielen Gebieten meinen Horizont erweitert. Ich glaube, ich habe noch nie so genau verstanden, wie Politik und Wahlkampf funktioniert, wie in dieser Zeit, und habe neben den täglichen Nachrichten im TV auch viele alternative Medien im Internet genutzt. Allerdings war ich sehr froh, als im Mai endlich die ersten Lockerungen kamen und ich wieder meiner zweiten großen Leidenschaft, dem Tennis, nachgehen konnte.“ Das nun anstehende Album ist das Follow-up zum 2017 veröffentlichten „45 RPM“: „Ich möchte auf meinen Alben Musik veröffentlichen, die mich und meinen DJ-Sound passend repräsentieren und mit der ich mich auch mal abseits vom straighten Techno bewegen kann, so wie bei dem Opener ,My Idea Of Making Music‘ oder dem Closing-Track ,What Makes You Happy?‘ auf dem neuen Album.“ Stilistisch gesehen bezeichnet er das neue Werk als oldschooliger: „Ich habe viele meiner musikalischen Roots darin verarbeitet, neben schönen analogen Sounds auch viele Rave- und House-Chords eingebaut und sogar mal wieder die TB-303 an den Start gebracht. Ich habe die letzten Jahre viel mit Samples und Loops gearbeitet und produziere jetzt wieder mehr mit VST-Synths, um mehr Leben und Modulation in meine Tracks zu bekommen.“

Mit „The Best“ ist vor einigen Wochen die erste Single-Auskopplung des Albums erschienen. Darauf thematisiert Wax – unter anderem in den Vocals, für die er selbst verantwortlich zeichnet – die aktuellen Geschehnisse: „Es geht mir dabei um das Streben der heutigen Gesellschaft nach immer mehr und dem ,next big thing‘. Das habe ich in den Club- und Musikkontext transportiert – die Message ist, dass das Beste erst noch kommt. Der beste Track, der beste Rave, die beste Droge usw. Aber wir müssen auch mit unserer Einstellung dafür sorgen, dass alles noch besser wird, und zwar hoffentlich dann, wenn wir nach Corona wieder zurück in die Clubs und auf die Festivals dürfen.“ Entstanden ist das Album zwischen Oktober 2019 und Mai 2020. Währenddessen saß Wax aber nicht nur am Album. In den vergangenen zehn Monaten produzierte er sage und schreibe rund 100 Stücke. „Ab März konnte ich ja sonst nichts anderes mehr machen und daher habe ich gefühlt Tag und Nacht Musik produziert. Über das Internet ergaben sich dann noch spannende Kooperationen, so zum Beispiel mit ASYS & Kai Tracid, Sisko Electrofanatik, AKA AKA, Roy Ströbel, Michael Wells von GTO und Tabis & Dawn. Ich hatte die ganze Zeit einen super Workflow und war total motiviert, meiner großen Leidenschaft, der Musik, weiter nachzugehen – daher heißt das Album auch ,Driven By Passion‘.“ Wie diese Leidenschaft, der dieser Tage jegliche Live-Situation mit Fans fehlt, in der kommenden Zeit aussehen wird, ist eine Frage, die Wax beschäftigt. Dennoch sieht er in der aktuellen Situation auch einige Chancen: „Die Menschen leben gerade mit so einer großen Angst und werden mit Infektionszahlen medial so bombardiert, dass es bei einigen schwer werden wird, ihnen die Angst vor Menschenansammlungen wieder zu nehmen. Interessanterweise haben die Leute aus dem Nachtleben, die sich in den frühen 90ern wirklich alles durch die Nase gezogen haben und montags immer komplett zerstört waren, am meisten Angst, aber die gehören jetzt wohl zur Risikogruppe. Ich denke, wenn die Clubs noch länger geschlossen bleiben müssen und keine Events stattfinden dürfen, sind wir bald wieder totaler Underground. Die DJ-Gagen werden möglicherweise wieder realistischer und die Partys hoffentlich enthusiastischer werden. Ich sehe auf jeden Fall auch eine Chance in vielen Bereichen unseres Lebens durch diese Krise.“ Und so zieht sich seine Passion nicht nur durch das musikalische Gebiet, sondern auch durch zahlreiche andere in seinem Leben: „Ich versuche, viel Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, und spiele aktuell wieder viele Tennisturniere, weil ich in die Top 50 in der DTB-Rangliste ,Herren 45‘ kommen möchte.“

 

Aus dem FAZEmag 103/09.2020
Text: Triple P
Foto: privat
www.facebook.com/tomwaxofficial