Die bevorstehende Schließung des Berliner Techno-Clubs Griessmühle hat in den vergangenen Tagen einen regelrechten Sturm der Entrüstung ausgelöst. Zehntausende Menschen unterschrieben Petitionen für den Erhalt des Clubs, zehntausende Menschen befürchten nun den Niedergang der Techno-Kultur, die immer schwierigeren Bedingungen ausgesetzt zu sein scheint. Profitgierige Investoren, Baumaßnahmen und andere Faktoren machen den Clubs deutschlandweit (und vor allem in Berlin) demnach zu schaffen.

Doch wäre das Clubsterben denn wirklich so schlimm? Für diverse Autoren verschiedener Berliner Zeitungen offenbar nicht. Das geht zumindest aus aktuellen Artikeln der beiden Tageszeitungen hervor.

Der Autor des Tagesspiegels, Hannes Schrader führt uns zunächst ein Szenario ohne Clublandschaft vor Augen: Weniger Drogendealer, weniger Müll. Anwohner statt Touristen. Es gibt wieder Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings und die Fläche rund ums Berghain ist nun voller Grün. Endlich kann man wieder friedlich Bahn fahren, ohne ständig von Besoffenen angesprochen zu werden. Parallel sitzt das Partyvolk in Neukölln und weiß nicht, wo es am Freitagabend die nächste Pille einwerfen soll. Denn nur in der Berliner Clubkultur hatte man die Möglichkeit, frei und individuell zu leben. Vorausgesetzt, man kleidet sich entsprechend cool, nimmt stundenlanges Warten vor dem Club in Kauf und kennt den DJ, um letztendlich auch rein zu kommen.

Übersetzt heißt das: mit Individualität hat das reichlich wenig zu tun, viel mehr ist die Techno-Szene zu einer überaus elitären Gesellschaft verkommen, die sich primär über Connections und das äußere Erscheinungsbild definiert. Und wenn sich das nicht signifikant ändert, dann wäre der Niedergang der Clubs gar nicht mal so schlimm, resümiert Schrader.

Und auch bei der Taz nimmt man eine kritische Haltung ein. Die Szene habe sich verändert, der Drogenkonsum stehe mittlerweile im Fokus und vom klassischen Techno sei nur noch ein Schunkelsound übrig geblieben. Wie schlecht und grotesk es um den Techno stehe, macht die Autorin Laura Ewert derweil insbesondere an der von Dr. Motte ins Leben gerufene Bewegung Rave The Planet fest, die die Loveparade wieder aufleben lassen will, Techno zum Weltkulturerbe erklären will und obendrein noch einen offiziellen Feiertag einrichten lassen will. Hinter dem 60-jährigen Loveparade-Gründer stünden Geschäftsleute, die in der Baubranche, im Consulting oder im Immobiliengeschäft aktiv seien. Warum “Rave The Planet” dann also per Crowdfunding finanziert werden soll, erschließt sich der Verfasserin des Textes demnach nicht. “Viel institutioneller kann eine ehemalige Jugendkultur kaum noch werden”, so Ewert.

Elektronische Musik ist in ihren Augen längst im Mainstream angekommen. Und hierfür hält sie gleich mehrere Indizien parat: Das Einsetzen der CDU für den Erhalt der Clubkultur, “weil auch sie erkannt hat, dass ein funktionierendes Nachtleben ein Standortfaktor ist, der Touristen anzieht, die allein Berlin angeblich 1,48 Milliarden Euro pro Jahr einbringen.”, Clubbetreiber, die Hashtag-Kampagnen starten (Beispiel Griessmühle), das Berghain, das vor Gericht um den zu zu zahlenden Mehrwertsteuersatz streitet oder das Vermieten von Clubs für große Firmenevents.

Die Szene müsse sich nun grundlegend ändern um einen Gegentrend einzuleiten. Kurz und bündig fasst Ewert zusammen: “Geld raus, Bass rein.”

Am Mittwoch findet übrigens eine Kundgebung für die Griessmühle vor dem Neuköllner Rathaus statt: www.facebook.com/events/2472233246364449

Quelle: Taz, Tagesspiegel

 

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