Dimitri Hegemann kehrt in seine westfälische Heimat zurück. Dort wo er geboren wurde und aufgewachsen ist, eröffnet er nun eine Zweigstelle seines Berliner Clubs Tresor, einem der bekanntesten und ältesten Technoclubs weltweit. Am 20. Dezember ist das offizielle Opening, im Interview erzählt uns der Wahlberliner, warum er sich an das Projekt Tresor.West herangewagt hat.


Weißt du noch, wie sich die Eröffnung deines Clubs vor 28 Jahren angefühlt und angehört hat?


Das ist eine lange Geschichte. Kurzversion: Es gab damals kein Internet, keine Handys, keine Games, keine Langeweile, aber dafür eine Bombenstimmung in der Stadt wegen der offenen Grenzen und der erfolgten Staatenvereinigung vom Oktober 1990. Auch in der Szene waren alle verdammt aufgeregt wegen der unmittelbar bevorstehenden Eröffnung des Tresors. Und während ich noch unter der Leipziger Straße 126 am Wasserzugang rumbastelte, stand oben vor der Tür schon eine Megaschlange Neugieriger. Alle aufgeregt, alle suchten das andere. Es kamen so viele Freunde, dass einige von ihnen an diesem Abend den Tresorkeller gar nicht entdeckten und irgendwo im Globus rumstanden, tranken und quatschten. Die Stahlkammer war der absolute Knaller und blieb jedoch das Highlight. Der Tresor ist ein außergewöhnliches Beispiel für den „perfekten“ Raum. Also achtet auf die Gegebenheiten der Räume, in denen ihr etwas plant! Sie sind wesentlich für das Gelingen. An diesem 13. März 1991 begann eine neue Geschichte im alten Berlin.

Du warst und bist ein Techno-Vordenker. Was hast du in dem alten Heizkraftwerk gesehen, was andere zuvor nicht gesehen haben? Wieso Techno dort?

Ich habe da eine besondere Stimme in mir. Stell dir vor, du gehst in eine Galerie. Da hängen drei Bilder und du entscheidest dich für das eine Bild, weißt aber auch nicht warum. In diesem Kraftwerk spürte ich wieder diese rauen und rohen Wände, die plötzlich zu mir sprachen. Ich liebe das Unfertige, weil die Möglichkeit besteht, es zu formen. Alles ist möglich. Im Kraftwerk habe ich sofort die Möglichkeiten gesehen, eine Plattform für verschiedene neue Ausdrucksformen entwickeln zu können. Das Kraftwerk bietet Platz für verschiedene Welten und somit ist es auch eine perfekte Location für das Berlin Atonal Festival. Jedoch war das alles kein einfacher Weg, und wir haben dort noch einiges vor, Neue Welten zu schaffen. Das Kraftwerk nimmt neben den anderen großen Berliner Häusern wie der Nationalgalerie, dem Hamburger Bahnhof und dem Martin-Gropius-Bau eine besondere Stellung ein: Das gewaltige Kraftwerk ist der Experimentierraum in Berlin für die großen Ideen kreativer Geister.


Jetzt wird ein weiterer Traum von dir nun verwirklicht mit dem Tresor.West. Wie kam es dazu? Worin siehst du das Potential deines neuen Clubs ausgerechnet im Ruhrgebiet, in Dortmund?

Ich bastle schon länger als 17 Jahren daran herum, der Heimat etwas zu geben, das sie braucht. Vor einigen Jahren wurde mir der Keller der Phoenixhalle angeboten, und ich sagte zu. Aber es hat ewig gedauert mit den Genehmigungsverfahren. Mir ist bewusst, dass das Projekt Tresor.West ein waghalsiges Abenteuer ist. Ich sehe aber auch die vielen Talente in Nordrhein-Westfalen, denen eine klare Identifikationsplattform fehlt, eine Bühne, auf der sie eher wahrgenommen werden und von der sie weitere Karriereschritte planen können. Die Marke Tresor ist stark, sie wird sicher in dieser Mission helfen. Tresor steht nach wie vor für den Aufbruch einer Generation in eine neue musikalische Epoche. Das könnte die Belebung einer Neuen Nachtkultur in NRW sein. Es sind jetzt fast 30 Jahre vorübergeflogen. Die neue Generation könnte Techno neu für sich entdecken, so passiert es gerade in Berlin. Also alles von vorn – starten wir durch. Ich denke außerdem, dass die Existenz des Tresor.Wests attraktiv für viele internationale Künstler ist. Dennoch will der Club unbedingt die heimischen Künstlerinnen auf die Bühne schleppen und vorstellen. Die Mischung macht’s.

Credits: Anke VDH

Als Kulturmanager im Bereich der elektronischen Musiklandschaft machst du dir täglich Gedanken dazu. Wie schätzt du die Entwicklung und vor allem Zukunft der Szene und Clubkultur speziell im Ruhrgebiet ein?

Die Szene hier ist mir noch fremd. In Berlin wird sie leider kaum wahrgenommen. Das ändern wir jetzt.

 

Worin siehst du die Unterschiede zur Nachtkulturszene NRWs und Berlin? Was fehlt speziell dem Ruhrgebiet und mit was kann es vielleicht auch glänzen?

Ich glaube, ein großer Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin sind die nicht vorhandenen jungen Touristen. Im Berliner Tresor sprechen 80 Prozent der Besucher nicht deutsch. Die Hälfte davon lebt in Berlin. Wir haben hier eine gewachsene Clubkultur seit Jahren. Die Menschen gehen gern aus. Und Berlin profitiert nicht schlecht von der Night-Time-Economy, die laut einer Studie circa 1,45 Miliarden Euro Umsatz generiert. Davon kann das Ruhrgebiet lernen. Die vielen Regulierungen in NRW bremsen die mögliche Aufbruchstimmung junger Macher/innen. Leute, die die Welt verändern wollen und letztlich werden, denen wird zu oft ein „Nein“ entgegen geschmettert. Das frustriert. Und außerdem gilt: Die besten Ideen entspringen in der Nacht nach 3:30 Uhr.

Möchtest du Berlin auf die Clubszene im Ruhrgebiet, bzw. NRW aufmerksam machen? Berlin hat doch eigentlich alles, was es braucht.

Nein, das will ich gar nicht. NRW hat genug Eigenpower und verdient mehr Bühnen und Clubs für die Off-Szenen. Und die Betreiber solcher „dritter Orte“ sollten in ihrem Engagement dafür staatlich unterstützt werden. Diese Orte dienen der Kommunikation und dem Austausch der jungen Szene. Passiert nix, werden kluge Leute abwandern.

Wie wird die Zusammenarbeit aussehen mit Berlins Tresor Club und dem westfälischen Pendant dazu? Gibt es eine besondere musikalische Verbindung für dich zwischen Berlin und Dortmund?

Abwarten. Gute DJs aus NRW kommen natürlich auch ins Mutterhaus nach Berlin und werden Berlin zeigen, was alles geht. 

Hast du schon konkrete Ideen von Line-ups, Residents und Veranstaltungsreihen für den Tresor.West? Wenn ja, darfst du die uns schon verraten?

Bis zum Jahresende kommen einige alte bekannte Leute wie Joey Beltram, James Ruskin, Blake Baxter u. v. m.

Wie ist deine Vorstellung, wie sich der erste Clubabend im Tresor.West anfühlen, anhören, verlaufen wird? Welches Publikum wollt ihr anziehen?

Wahrscheinlich wird’s chaotisch, aber befreiend. Endlich geht’s voran. Ich suche noch einige Mitarbeiter aus der Region für das Team. Von der Buchhaltung bis zur Türcrew, die hoffentlich nur aus Frauen aufgebaut werden kann. Das wäre mein größter Wunsch – freundlich begrüßt zu werden beim Betreten des Clubs und freundlich verabschiedet zu werden. Keine Gewalt, keine Drohgebärden …

Aus dem FAZEmag 094/12.2019

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„Opening“ im Tresor.West, Dortmund-Hörde
20.12.2019 (Freitag) ab 23 Uhr
Künstler: James Ruskin (Blueprint/UK), Silent Servant (Jealous God/US), Tangram (Purify Rec./Essen), MAS 2008 Live (Twilight 76/Dortmund), Mareena (Tresor/Berlin) und Colkin (Tales of Gelert/Wuppertal)
Phoenixplatz 4, 44263 Dortmund
Eintritt: 15 EUR