In Thüringen ist das Drug-Checking-Pilotprojekt „SubCheck“ der Suchthilfe in Thüringen (SiT) angelaufen – und es wurde sogar bereits genutzt. Thüringen ist demnach den anderen deutschen Bundesländern in Sachen Drug-Checking voraus.

Wenn man auf unsere Nachbarländer blickt, ist diese Interventionsmaßnahme nichts Neues. Beim Drug-Checking geht es darum, dass psychotrope Substanzen auf ihre Zusammensetzung und Konzentration analysiert werden, um einen möglichst risikoarmen Konsum zu gewährleisten.

Am 27. Juli ist eine Pressemitteilung von Sebastian Franke, ein Verantwortlicher der SiT, erschienen:

Drug-Checking als Interventionsstrategie ist nichts Neues. Zumindest wenn man einen Blick in die europäischen Nachbarländer wirft. Beispielsweise gibt es mit dem Drug-Checking-Angebot von checkit! der Suchthilfe Wien bereits seit 23 Jahren eine professionelle Anlaufstelle, psychotrop wirksame Substanzen auf ihre Zusammensetzung und Konzentration analysieren zu lassen.

Dieses Angebot richtet sich nicht etwa an Behörden oder Forscher:innen, sondern direkt an die Menschen, die vorhaben, diese Stoffe zu konsumieren. Das die meisten Substanzen als illegale Drogen definiert sind, macht diese Analyse nur noch bedeutsamer. Illegale Drogen werden nicht kontrolliert hergestellt oder fair gehandelt und sind somit keinen Kontrollen und Richtlinien unterlegen. Das bedeutet für konsumierende Personen vor allem eines: Niemand kann mit Sicherheit sagen, um was es sich bei dieser blauen Pille oder bei dem weißen Pulver wirklich handelt. Durch diese Ungewissheit kommt es immer wieder zu Überdosen, starken Vergiftungen oder psychischen Ausnahmesituationen – Leider kommt auch manchmal jede Hilfe zu spät. Zudem ist es in den vergangenen 30 Jahren zu einer Zunahme des Konsums von illegalen Drogen gekommen. Nach aktuellen Schätzungen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA), haben in den letzten 12 Monaten 19,1 Millionen junge Erwachsene (zwischen 15 und 34 Jahren) illegale Drogen konsumiert (Europäischer Drogenbericht, EMCDDA 2019). Die körperlichen und psychischen Risiken, die mit dem Konsum in Beziehung stehen, gehen in vielen Fällen, unter anderem aufgrund fehlender Qualitätskontrollen in Zusammenhang mit Dosierung und Zusammensetzung der Substanzen, mit einer Gefährdung der Konsumierenden einher.

In Deutschland gibt es seit den 90er Jahren immer wieder Vorstöße und Initiativen, die sich bemühen eigene Drug-Checking Angebote zu etablieren. Jedoch handelt es sich bei dem Gedanken Drogen zu testen um ein Politikum gigantischen Ausmaßes. Nach den ersten durch die vorherrschende Gesetzeslage in den 90ern gescheiterten Versuchen, Drug-Checking umzusetzen, wurde auf politischer Ebene viel argumentiert und gegenargumentiert. Unbestreitbar ist, dass die Wirkung auf die Adressatinnen und Adressaten eines solchen Angebotes eines deutlich zeigt. Das Konsumverhalten ändert sich. Es wird vorsichtiger und reflektierter konsumiert – oder auch gar nicht konsumiert, wenn die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen, sich die Droge als besonders gefährlich herausstellt oder Streckstoffe detektiert werden, die zu schweren gesundheitlichen Schädigungen führen können.

Das Pilotprojekt SubCheck der SiT beschäftigt sich im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie mit der Frage, wie Drug-Checking in Thüringen umgesetzt werden kann. Dabei wurden unterschiedlichste Wege untersucht, wie ein solches Angebot ausgestaltet sein muss, dass einerseits die Zielgruppe von drogengebrauchenden Menschen vertrauensvoll erreicht werden kann und andererseits ein sicherer Rechtsrahmen für das Drug-Checking-Angebot besteht. Um 2021 Drug-Checking als Präventionsangebot zur Schadensminimierung auf Raves, Events und Festivals in Thüringen zu realisieren, wurde eine Kooperation zwischen der LeadiX GmbH und der S i T geschlossen. Grundlage der Substanzanalyse bildet das von LeadiX entwickelte Schnelltestverfahren, mit dem es möglich ist, schnell und sicher Substanzen zu detektieren und genaue Aussagen über deren Zusammensetzung und Konzentration zu treffen. SubCheck kombiniert dabei eine chemisch-toxikologische Analytik von LeadiX mit einem niedrigschwelligen Beratungskonzept und der interdisziplinären Kooperation mit Akteurinnen und Akteuren der Suchthilfe, mit dem Ziel gefährliche Substanzen zu erkennen und zu katalogisieren und Menschen, die vorhaben diese zu konsumieren vor Missbrauch und möglichen gesundheitlichen Schäden zu bewahren. Das Thüringer Drug-Checking Angebot ist direkt an die Arbeit des Safer-Nightlife-Projekts Drogerie geknüpft, welches auf Raves, Open Airs und Festivals unterwegs ist, um Menschen vor Ort über psychotrope Substanzen aufzuklären und in kritischen Situationen zu begleiten.

Im Juli 2021 sollte es nun endlich soweit sein. Nach einem Testlauf wurde der erste offizielle Drug-Checking Einsatz im Thüringer Partykontext umgesetzt. Begleitet durch die mobile chemisch-toxikologische Analyse von Dr. Felix Blei der LeadiX GmbH und seinen Kollegen ist es gelungen, 18 verschiedene Substanzen zu untersuchen, Konzentrationen zu bestimmen und Verunreinigungen und Streckstoffe zu detektieren. Dabei konnte ein ganzes Spektrum verschiedener Mischungen festgestellt werden. Obwohl manche Substanzen dem entsprachen, als was sie angegeben wurden gab es unter anderem Stoffgemische, die neben dem erwarteten MDMA (Ecstasy) auch Amphetamin (Speed) und Methamphetamin (Crystal Meth) enthielten. Außerdem wurden Proben untersucht, die gar nichts mit der erwarteten Substanz zu tun hatten. Unter anderem vermeintliches Amphetamin, was keine Spuren Amphetamin enthielt, sondern dafür eine noch unbekannte Substanz, bei der man nicht weiß, welche Neben- und Wechselwirkungen überhaupt möglich sind. Die höchste Konzentration wies eine Ecstasy-Tablette auf, die mit 260 mg besonders hoch dosiert ist, wodurch starke Nebenwirkungen möglich sind – bis hin zu einer vermeintlichen Überdosis.

Eindrucksvoll waren die Reaktionen der Nutzer:innen des Angebotes. In den Beratungsgesprächen, welche unmittelbar nach der Analyse stattfanden, konnte deutlich herausgearbeitet werden, auf den Konsum bei besorgniserregenden Ergebnissen gänzlich zu verzichten. War die Konzentration der Substanz höher als erwartet, wurde von den Nutzer:innen beschlossen: „Wenn konsumiert wird, dann mit einer deutlich geringeren Dosis“. Zudem gaben alle Personen an, in Zukunft reflektierter mit psychotropen Substanzen umzugehen. Nur wenn man weiß, wie sich eine Droge wirklich zusammensetzt und um was es sich genau handelt, kann man gesundheitsbewusste Entscheidungen treffen, das eigene Konsumverhalten anzupassen und sich aktiv mit dem Konsum psychotroper Substanzen auseinandersetzen. Eine Reaktion war ganz besonders vertreten: Dankbarkeit. Das Interesse an Drug-Checking innerhalb der Zielgruppe ist groß. Niemand will sich mit dem eigenen Konsumverhalten aktiv schädigen. Um dies in einer Welt zu ermöglichen, in der Rauschmittel prinzipiell verfügbar sind, braucht es genau solche Angebote.

Durch den ersten Einsatz konnten bereits mögliche Überdosierungen und Notfälle verhindert werden. Außerdem wurde in den Beratungsgesprächen ein verantwortungsvoller Umgang mit psychotropen Substanzen vermittelt, der sich nachhaltig bemerkbar machen kann, je effektiver Drug-Checking-Angebote ausgestaltet und verbreitet werden. Für die nächsten Wochen und Monate stehen bereits weitere Drug-Checking Termine in der Thüringer Partyszene an!

gez. Sebastian Franke
Projektkoordination SubCheck
SiT – Suchthilfe in Thüringen (gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung)

 

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Quelle: SiT