fantastic twins


„Mal eben Laptop anschmeißen und los geht’s!“ ist bei Julienne Dessagne alias Fantastic Twins Fehlanzeige. Wer bereits bei einem ihrer Auftritte war, weiß, dass es sich um eine imaginäre Choreographie handelt. Die Französin hat mich letzte Woche, bei einer Party im Kompakt-Store in Amsterdam wahrlich von den Socken gehauen. Julienne hat mich einfach überrascht, ich hatte nicht erwartet zu hören, was sie mir und den anderen bot. Sie fing an zu spielen, erhob ihre einzigartige Stimme ins Mikrofon und ich bekam sofort Gänsehaut. Seit 2017 startet sie unter dem neuen Pseudonym „Fantastic Twins“ durch und hat bereits die EP „The New You“ auf Hippie Dance und die LP „Obakodomo“ auf Optimo Music rausgebracht. Sie lebt für psychodelischen Techno und Avant-Elektronik. Die ausgebildete Pianistin verzaubert regelmäßig ihr Publikum mit gehobener Live-Musik. Mit ihren diversen Synths, Effektgeräten und ihrem Drumcomputer spielt sie verschiedenste Melodien und erzeugt eigene Geräusche in Bereichen des Post-Punk, Synth-Wave, Techno, House und mehr. Zusätzlich verführt sie die Zuschauer mit ihrer unglaublich kraftvollen, aber auch zarten Stimme. Mich hat die Berlinerin umgehauen und deshalb hatte ich da noch ein paar Fragen an sie.

Fantastic Twins

Hallo Julienne, du hast dich dazu entschieden, als Solokünstlerin durchzustarten, wieso der Name „Fantastic Twins“?
Hallo Sofia. Mein Soloprojekt mit dem Namen „The Twins“ habe ich bereits 2013 begonnen, nachdem mich die Pachanga Boys (Superpitcher und Rebolledo) gebeten hatten, einige Vocals für ihr Album aufzunehmen. Die Art und Weise, wie sie meinen Gesang in ihre Songs eingearbeitet haben, klang so, als würden zwei Mädchen miteinander reden. Und so wurden dann die Zwillinge geboren. Mit „The Twins“ habe ich bereits ein paar EPs und einige Remixe veröffentlicht.

Erst im letzten Jahr, mit der Veröffentlichung meiner EP “The New You”, entschied ich mich, das Projekt in „Fantastic Twins“ zu verwandeln. “Fantastisch” wie in der Fantasie – imaginär, unwirklich.

Neben den grundlegenden Fakten glaube ich, dass die Verwendung dieses Charakters mir hilft, einen Ausgangspunkt in meinem kreativen Prozess zu finden. Ich stelle mir das Leben dieser Zwillinge vor und baue mit der Musik Geschichten darüber auf. Das führt mich zu Gegensätzen und seltsamen Assoziationen: Gegensätze müssen in meiner Musik so koexistieren, wie man auch seinen Zwilling im wirklichen Leben nicht loswerden kann. Und letztendlich ist es auch ein Weg für mich, Distanz zu dem, was ich als Künstlerin bin, zu halten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Musikindustrie heutzutage sehr stark auf individuelle Profile fokussiert ist, ist das alles sehr egoistisch und narzisstisch. Bei meinen Auftritten stelle ich mir gerne vor, dass ich in meine persönliche Fantasiewelt eintauche. Ich lasse die Zwillinge raus und spielen, es bin nicht wirklich ich, den die Zuschauer sehen. Wenn ich Erfolg habe und etwas Gutes tue, muss ich die Anerkennung mit den Zwillingen teilen, wenn ich scheitere, kann ich es auch ihnen verübeln. Oder vielleicht bin ich nur ein bisschen schizophren.

Du bist eine ausgebildete Sängerin und Pianistin. Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen? Gab es einen Künstler, der dich in die Richtung gebracht hat?
Ich bin keine ausgebildete Sängerin, ich spiele nur mit dem Gesang herum, so wie ich es mit meinem Synthie mache. Ich hatte als Kind eine Weile Klavierunterricht, aber die meisten Techniken habe ich leider vergessen. Ich habe mich mit Tanzmusik und der Clubszene beschäftigt, als ich in den frühen 2000er Jahren nach Glasgow zog. Dort entdeckte ich Optimo Espacio, die legendäre Nacht von Keith McIvor und Jonnie Wilkes (bekannt als Optimo DJs), die damals jeden Sonntag stattfand. Eine sehr inspirierende und musikalische Erfahrung, die definitiv noch heute meine Wahrnehmung von Musik beeinflusst. Aber ich würde sagen, ich wurde eher von Clubs und Partys inspiriert, als von einem bestimmten Künstler, die mich zur elektronischen Musik gebracht haben. Das ist es, worum es am Ende geht, nichts anderes ist so wichtig.

Mittlerweile lebst du in Berlin. Welche Einflüsse hat die Stadt auf deine Musik?
Keinen besonderen Einfluss. Jedoch ist es mir durch die Stadt möglich, von meiner Musik zu leben, anstatt unter dem finanziellen Druck, den ich während meines vorherigen Aufenthalts in London erlebte, zerquetscht zu werden. Ich fühle mich sehr frei hier in Berlin. Aber klanglich hat die Stadt keinen Einfluss auf meine Musik, ich verstehe die Idee des “Berliner Sounds” überhaupt nicht.

Was war das Verrückteste, was dir bisher in Berlin passiert ist?
Verrückt ist, dass ich nach acht Jahren (und acht Wintern) noch hier bin.

Du bist ja mittlerweile viel rumgekommen auf dem Globus, welcher Ort hat dich am meisten inspiriert?
Ich habe eine besondere Vorliebe für Mexiko. Vor allem wegen der Verbindung zu meinem guten Freund Rebolledo, der mich dazu brachte, dort erstaunliche Dinge und Orte zu entdecken. Aber auch, weil ich das Land faszinierend finde und die Menschen dort unglaublich herzlich und freundlich sind. Es ist immer eine Freude, dort zu spielen. Ich bin gerade erst von einer viertägigen Mexiko-Tour mit Ivan Smagghe zurückgekommen, in welcher wir sehr viel Spaß hatten.

Würdest du dich als Workaholic beschreiben oder lässt du die Dinge auch gerne mal langsam angehen?
Ich bin der totale Workaholic – obwohl ich sehr langsam produziere, verbringe ich den größten Teil meines Lebens in meinem Studio oder arbeite an verschiedenen anderen Projekten wie neuem Labelmaterial usw. Ich weiß, dass es eine echte Sucht ist und es fällt mir sehr schwer, mich zu entspannen, nichts zu tun oder auch nur ein wenig loszulassen. Menschen in meinem Umfeld würden bestätigen, dass es nicht immer einfach ist, mit mir zu leben.

Du stammst aus Saint-Etienne und hast auch in Lyon studiert, wie stark hat dich die elektronische Musikszene dort beeinflusst? Und gab es auch eine Szene in Saint-Etienne?
Als ich noch in Frankreich lebte, war die Clubszene wirklich sehr schlecht, so dass ich nicht sagen kann, dass sie einen Einfluss auf mich hatte. Nuits Sonores in Lyon standen am Anfang, das war ein erster Schritt in eine massive Veränderung. Heute gibt es in Frankreich unzählige gute Clubs, Festivals und Raves. Saint-Etienne hatte sich immer mehr auf Rockbands konzentriert. Aber seit ein paar Jahren bringt das Festival Positive Education die Stadt mit einigen atemberaubenden Formationen auf die Landkarte. Ich glaube wirklich, dass Saint-Etienne geeignet ist, eine starke Verbindung zur “elektronischen” Musik zu haben (der Begriff “elektronisch” ist eigentlich zu reduktiv). Die Stadt ist bekannt für ihre industrielle Vergangenheit, ähnlich wie Glasgow, und es gibt einige erstaunliche – und aus historischer Sicht bedeutsame – Orte, an denen diese Art von Klang zu hören ist. Es freut mich sehr, dass das Festival „Positive Education“ bereits zu einer wichtigen internationalen Referenz geworden ist. Und das ist erst der Anfang.

Was wünscht du dir für die Zukunft? Was möchtest du noch als Künstlerin erreichen?
Im Moment möchte ich nur schneller mit meiner Albumproduktion vorankommen. Die Produktion meines Albums stellt für mich eine große Herausforderung dar, man möchte damit alles sagen, was man zu sagen hat, aber es ist nicht wirklich möglich, oder? Zudem möchte ich auch an anderen Projekten arbeiten, wie z.B. Musik für Theater oder zeitgenössischem Tanz. Das wichtigste ich jedoch, niemals den Spaß an der Musik zu verlieren und diese zu ernst nehmen.

Letzte Frage, deine aktuellen 5 Lieblingstracks?
Es ist sehr schwer, sich auf fünf Tracks zu beschränken. Aber hier sind Sie, die Reihenfolge spielt dabei keine besondere Rolle …

Khidja & Balabas – Mos Ene (Malka Tuti)
Sascha Funke & Niklas Wandt – Umarmung Aus Holz (on Multi Culti)
Beatfoot – De Vibez (Smagghe & Cross Version) (Garzen Records)
Finlay Shakespeare – Routine (Editions Mego)
48 Cameras – Bloodsucker (Stroom TV)

www.fantastictwins.bandcamp.com
www.facebook.com/thetrulyfantastictwins
www.instagram.com/trulyfantastictwins
www.soundcloud.com/fantastictwins

Text: Sofia Kröplin

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