Phil Fuldner: "The Final" – A Captain Future Story


Phil Fuldner: „The Final“ – A Captain Future Story

„Dan Dinsing, einer meiner engsten Freunde, hatte den Captain-Future-Soundtrack als CD auf dem gemischten Tisch einer hiesigen Kaufhauskette entdeckt, erstanden und im Prinzip so als Erster die Idee gehabt, das Thema in irgendeiner Weise zeitgemäß umzusetzen. So fern lag der Gedanke nicht, zumal wir alle mit der TV-Serie groß geworden waren und ich sogar schon zu Grundschulzeiten ein Modell der ‚Comet‘ mit in den Unterricht gebracht hatte und damit für kurze Zeit zum Player auf dem Pausenhof geworden war.
17 Jahre später: Anfang 1995, nach bereits ein paar Jahren des DJings, existierte schon ein erstes Midi-Studio, das ich zusammen mit einem meiner besten Freunde André ‚Moguai‘ Tegeler im Haus meiner Mutter eingerichtet hatte (die Kaffee- und Snack-Hotline war vorbildlich). Zu dieser Zeit waren wir auch schon ziemlich dicke mit zwei Jungs aus dem Nachbarort, mit denen wir die juvenile Begeisterung für elektronische Musik und Longdrinks teilten. Michael ‚Jaxon‘ Bellina und Christian Groote kamen aus dem Wave- und EBM-Lager und hatten eine komplett andere musikalische Sozialisation als ich mit meinen Funk-, Disco- und House-Geschichten. André hatte zwar auch eine gute Portion Soul von seiner älteren Schwester mitbekommen, war aber viele Jahre lang intensiv mit dem Roller unterwegs und sehr dem Ska und Rockabilly zugetan. Spätestens Mitte der Neunziger war aber auch er komplett im Electro-Bereich angekommen und im Studio waren wir uns dann in der Folge auch meist sehr schnell einig, wenn es darum ging, Stimmung, Gefühl und Drive musikalisch abzubilden.

Die konkrete Captain-Future-Situation fand irgendwann an einem späten Märznachmittag 1997 statt. Nachdem uns für ein anderes Projekt nichts Sinnvolles mehr eingefallen war, kam der Griff nach besagter CD, die uns mein Freund Dan zur Bearbeitung überlassen hatte. Allerdings hatte ich mich kurzerhand entschieden, nicht das eigentliche Captain-Future-Thema zu bearbeiten, sondern den Titel Nr. 4 ‚Feinde Greifen An‘, der entschieden mehr dazu taugte, sich in eine Filter-House-Nummer gießen zu lassen. Dieser Style – alte Disco-Tracks zu zerschneiden, zu samplen und mit elektronischen Drums abzufeiern – war eine der gangbarsten Methoden in der Techno- und Houseszene der späten 90er und hatte seinen Peak so gut wie erreicht. Jedenfalls – und das sollte an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden – waren wir uns weder wirklich des Potenzials des Themas bewusst noch gingen wir mit großem Elan oder Begeisterung an die Geschichte ran. Wir hatten den Titel also eher ’nebenbei‘ angefangen, zumal wir aus irgendeiner Ecke gehört hatten, dass auch andere Kollegen bereits an Captain Future saßen, und wir uns nur geringe Chancen auf eine Erstveröffentlichung ausrechneten, falls es überhaupt zu einer kommen sollte.

Da wir damals noch keine Audioversion des Logic-Programms auf unserem Macintosh Performa hatten, kannten wir es nicht anders, als den Titel – oder zumindest dessen für uns relevante Teile – mit einem E-MU e64 Sampler auf einem unverschämt kleinen Display zurechtzuschneiden, zu ’slicen‘, wie man so sagte. Am Ende entsprach nahezu jeder Takt einem Sample, sodass wir fast die komplette Tastatur unseres Roland JD-800 – damals übrigens auch unser Master-Midi-Keyboard – mit den einzelnen kurzen Sound Files belegt hatten. Bei der Nummer hatten wir übrigens keine Drum Machine im Einsatz, sondern zogen Kicks, Hats und Percussion-Loops über unseren Akai S3000i Sampler wiederum von einer entsprechenden CD. Lediglich die Unterfütterung einiger Sounds und Flächen besorgten wir mit einem Nord Lead und – wenn ich mich nicht irre – auch ein Stück weit mithilfe einer frisch erstandenen Kurzweil-Soundbank. Während Michael Bellina und ich am Arrangement arbeiteten, saß Christian Groote etwas abseits und fahndete stundenlang auf einer Sample-CD nach dem passenden Vocal-Schnipsel, den wir schließlich als dankbaren Füllstoff ins Break einbauten. ‚Feinde Greifen An‘ erwies sich erwartungsgemäß als der fast perfekte Rohling für eine House-Nummer und so dauerte die Produktion des Kern-Tracks auch nur einige Stunden. Wir waren mit dem Ergebnis ausgesprochen zufrieden, hatten aber tatsächlich nicht die Spur einer Vorahnung, was wir da eigentlich auf dem Tisch hatten. Abgesehen von André, der mit seinem allseits guten Riecher das Potenzial von ‚The Final‘ noch eher erkannte als wir.

Da wir – wie damals üblich – alle unsere Ergüsse auf DAT aufnahmen, war auch ein Abspielen von diesem Medium die einzige Möglichkeit, die Nummer auf freier Wildbahn zu testen, und ich kann mich noch gut erinnern, wie wir bei einem meiner Gigs im damaligen Düsseldorfer Poison Club unseren sperrigen 19-Zoll-DAT-Recorder aufbauten und die Nummer nervös abspielten. Ich sehe noch genau vor mir, wie sich die Tanzfläche in kürzester Zeit leerte. Keine guten Vorzeichen, aber anscheinend nicht repräsentativ für den Rest von Disco-Deutschland: Im Frühjahr 1998 landeten wir von Null auf Platz 7 in den deutschen Charts, übrigens noch vor Madonna und Modern Talking. Dank Christian Bruhn, dem Captain-Future-Originalkomponisten, ist der Rest tatsächlich Geschichte.“

Aus dem FAZEmag 057
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www.soundcloud.com/philfuldner