„Schön wäre gewesen …“ oder Was allerdings fehlt …“ – mit Sätzen wie diesen endet fast jeder Testbericht eines DJ-Tools, egal in welchem Medium. Häufig gerechtfertigt. Aber häufig auch das Haar in der Suppe suchend. Zwar gilt für Mixer wie für alle anderen Werkzeuge: DAS perfekte Gerät gibt es nicht. Dazu sind die individuellen Bedürfnisse viel zu verschieden. Und dennoch: Ein Mixer, der so überzeugend ist, dass er zumindest in die Nähe von Perfektion rückt – das wär mal wieder was. So, wie der PLAYdifferently Model 1 oder Allen & Heath Xone:96.

Dass Pioneer DJ technisch so etwas zustande bringen könnte, war kaum fraglich. Ob sie es denn wirklich wollten, stand auf einem anderen Blatt. Denn ein solches Leuchtturmprojekt wäre wohl vor allem eins: Ein Image-Builder, der in Anbetracht des hohen Verkaufspreises und der geringen Stückzahlen kaum das direkt zurück in die Kassen spülen würde, was an Investitionen nötig war. Aber scheiß auf den ROI, nun haben die Japaner zum Glück doch den ganz großen Aufschlag gewagt. Einfach mal alles in einen Mixer gepflanzt, was gut und teuer und konzeptionell vorausschauend war. Vielleicht wirklich nur, um den Pioneer-Hassern eine lange Nase zu drehen. Das V10 genannte Ergebnis setzt in vielerlei Hinsicht tatsächlich Maßstäbe. Wir haben den Leuchtturm mal erklommen und die Aussicht genossen.

Was den V10 unter allen anderen DJ-Mixern, nicht nur von Pioneer DJ, heraushebt, sind seine beträchtliche Größe und das Gewicht. 12 kg metallgemantelter High-Tech in den Dimensionen 44 cm x 47 cm x 11 cm sind nichts, was man häufiger als unbedingt notwendig herumschleppt. Der V10 ist für den dauerhaften Einbau in Clubs und Studios gedacht – und genauso sind auch seine Anschlüsse verlegt. Hier zeigt sich auch gleich, wie sehr man sich in Japan ums Detail bemüht war. So wird das stromversorgende Kaltgerätekabel mit einem Widerhaken-Clip im Mixeranschluss gegen Abziehen gesichert. Ebenfalls eine wichtige Detailverbesserung: Sämtliche Potis verfügen über rutschfest gummierte Kappen – auch die kleinen grauen, die bei anderen DJM-Vertretern vorzugsweise aus einfachem Kunststoff bestanden. Fast schon selbstverständlich sind da der kontaktlose Hochleistungs-CF aus hauseigenem Magvel-Pro-Bestand sowie die rückseitig vergoldeten Cinchanschlüsse.

Bleiben wir gleich beim Hinterteil. Entsprechend dem V10-Konzept, mehr als ein klassischer DJ-Mixer zu sein, ist die Anschlusssektion für praktisch alle Einsatzszenarien gerüstet. Dort befinden sich eingangsseitig sechs analoge Line- und vier Phono-Cinch-Paare, ergänzt um sechs digitale Koaxial-Ports. Ebenfalls sind ein kombiniert symmetrischer XLR/Klinke- und unsymmetrischer Klinke-Eingang für zwei getrennt regelbare Mikrofone vorhanden. Für den Audio-Aderlass stehen als Master 1 sowohl ein klassisches XLR-Paar als auch ein ebenso ungewöhnlicher wie studioprofessioneller AES/EBU-XLR-Ausgang bereit. Den Master 2 markiert ein klassisches Chinch-Paar, dem ein ergänzendes Record-Out für Direktaufnahmen zur Seite gestellt ist. Damit es auch in der Kanzel ausgewogen schallt, ist ein Booth-Ausgang im Klinkeformat vorhanden – und zwar in symmetrischer Ausführung sowie auf der Mixer-Faceplate mit einem 2-Band-EQ einstellbar – wieder so ein Detail, das die Topliga-Ambitionen des V10 unterstreicht. Aber es kommt noch besser: Auch ein klassischer, 5-poliger MIDI-Ausgang ist vorhanden, um Sequencer, Drummachines usw. per MIDI-Timing Clock zu synchronisieren. Dabei wird nicht nur die BPM-Taktung des jeweiligen Tracks oder gesetzten Quantisierungsrasters übernommen, auch das separate Starten und Stoppen des externen Equipments ist über den entsprechenden Knopf vorgesehen. Fast schon zum Pioneer-Standard gehört der ebenfalls auf der Rückseite befindliche Link-Anschluss. Über ihn lässt sich mittels LAN-Kabel wahlweise ein adäquat ausgestatteter CDJ/XDJ-Player oder ein PC/Mac-System mit der Pioneer rekordbox-Software verkoppeln. Wer es auf die Spitze treiben möchte, besorge sich ein Switching-Hub und erhält dann Zugriff auf zahlreiche Funktionen von bis zu vier Playern und zwei Computern.

Eines der vielen neuen Mixer-Highlights sind die Anschlussoptionen für externe Effektgeräte. Diese sind rückseitig als zwei vollständige Send-/Return-Wege im Klinke-Format ausgelegt, hinzu kommt ein weiterer Einschleifweg als Bestandteil der Multi I/O-Sektion. Multi-I/O-Sektion deshalb, weil darüber alternativ ein USB-Tablet oder Smartphone mit entsprechender App als Klangveredeler oder Aufnahmegerät eingebunden werden kann. Der erforderliche USB-Anschluss befindet sich mit samt des Mode-Anwahlbuttons intelligenter Weise nicht auf der Rück- sondern Oberseite des V10. So wie auf der Oberfläche ebenfalls die USB-Anschlüsse für bis zu zwei separate Computersysteme untergebracht sind, um schnelle Laptop-Wechsel zu gewährleisten. Zwei Macs oder PCs setzt natürlich voraus, dass eine entsprechende Soundcard verbaut ist. Tatsächlich haben die Japaner ihrem Giganten ein duales Audiointerface in hochauflösender 32-Bit/96 kHz-Qualität spendiert. Dabei sorgen unter anderem Premium-AD/DA-Converter von Asahi Kasei Electronics und ESS Technology für den satten und selbst bei hohen Lautstärken ungetrübten Sound des V10. Optimierte Schaltkreise mit neu abgestimmten Operationsverstärkern und Kondensatoren sowie Spezialbauteile wie die mechanischen Relais von EM Device tragen ebenfalls ihren Teil zum rausch- und verzerrungsfreien Klangerlebnis bei.

Bei der erwähnten DJ-Dualität treibt Pioneer seinen V10 übrigens ebenfalls bis ans Äußerste. So verfügt der 6-Kanaler über zwei unabhängige Kopfhörer-Abteilungen, die sich dank eigener Cue A- und B-Buttons in jedem Kanal separat vorhören lassen. Erweiterte Optionen wie ein EQ-unabhängiges Monitoring (Pre-EQ) sowie die Kanaltrennung des aktiven und vorgehörten Signals im Kopfhörer (Mono Split Cueing) runden den tadellosen Gesamteindruck der Monitoring-Abteilung ab. Hangeln wir uns weiter zu den EQs. Genau hier offenbart sich ein weiteres Pioneer DJ-Novum, denn diese sind vierbändig ausgeführt. Das erfordert vom DJ natürlich eine gesteigerte Fingerfertigkeit, erlaubt aber im zusätzlich aufgetrennten Mitten-Spektrum eben auch noch exaktere Klangeingriffe. Das zieht sich durch bis in den Low-Bereich, wo sich beispielsweise eine Bassdrum klar konturiert herausschälen lässt, ohne wesentliche Teile einer Bassline zu berühren. Tönt der zugeführte Klang insgesamt zu mager, hat der V10 noch einen Plan B (oder ist es schon C?) im Gepäck: den Kompressor. Vielmehr sind es wiederum sechs an der Zahl – für jeden Kanalzug einen eigenen, regelbar über den kleinen gelben Poti gleich unterhalb des Trim-Reglers. Dieses sind ebenfalls eine Neufunktion bei einem Pioneer DJ-Mixer und ermöglichen es, Klänge aus unterschiedlichen Quellen (alte Vinyls, ungemasterte Files, Sampler- und Synthesizer-Sounds) im (Aus)Druck zu harmonisieren. Sie klingen dann eben nicht einfach nur lauter, sondern kompakter und knackiger. Ein tolles Feature, um beispielsweise Einzelklänge einer angeschlossenen Drumbox auf Linie zu bringen.

Für den endgültigen Feinschliff hat der V10 noch ein weiteres Bauteil unter der Haube: Den zuschaltbaren Master-Isolator, wie man ihn sonst vor allem von Rotary-Mixern kennt. Auch dieser greift volldigital ins Klanggeschehen ein und erlaubt mit seinen großen Drehreglern sehr feinfühlige, aber eben auch deutliche Veränderungen des Gesamtklangs. Schließlich reichen die Potis für die High-, Mid- und Low-Frequenzen bei Linksanschlag bis zur kompletten Auslöschung und heben es bei voller Rechtdrehung um immerhin 9dB an. Der Isolatorenklang erweist sich insgesamt ebenfalls als angenehm klar und neutral. Und da wir schon bei der Klangveränderung sind, machen wir uns gleich über die wesentliche Attraktion des Sumo-Mixers her: Die Effektabteilung. Was die Fülle der Möglichkeiten betrifft, schlägt der V10 die Premium-Konkurrenz um Längen. Denn er bringt, wie könnte es anders sein, eine breite Palette an internen Effekten mit – und diese verglichen mit der DJM-Range in drastisch verbesserter Form. So ist beispielsweise der pro Kanal (inklusive Master) einsetzbare Filter nicht mehr automatisch Highpass-/Lowpass-kombiniert, vielmehr lassen sich die beiden Typen getrennt abrufen. Wichtige Konsequenz: Um den Filtereffekt zu justieren, steht einem jetzt der gesamte Poti-Reglerweg zur Verfügung. i-Tüpfelchen ist ein übergeordneter Resonance-Regler, um den Sound weiter zu modulieren. Sowohl in der Handhabung als auch beim Klang hat der Filtereffekt einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.

Gleiches gilt für die Beat-Effects, die in alter Pio-Tradition rechts unten im Mixer platziert ist. Insgesamt 14 FX-Typen stehen zur Wahl, darunter auch ein neuer „Shimmer“-Typ, der die Musik mit veränderbaren Oberton-Schweifen verziert. Ein neues und extrem sinnvolles Zusatzfeature dabei ist der 3-Band-FX-Frequency. Er erlaubt durch die Aktivierung der Buttons Low, Mid und Hi, auf welche Frequenzbereiche der angewählte Effekt wirken soll. Das funktioniert auch in freier Kombination, also gleichzeitig Low und Hi unter Aussparung von Mid usw. Auf welchen Kanal der Effekt generell wirken soll, wird – anders als beim DJM – nicht mehr über einen Drehschalter bestimmt, sondern durch Beat FX-Assign-Buttons pro Kanal. Den FX parallel auf mehrere Kanäle anzuwenden, ist leider nicht vorgesehen, jedoch lässt er sich auf den Master legen. Und nachdem Pioneer DJ den Einsatz von Mixer-Touchscreens nach dem DJM-909 und DJM-2000 irgendwie ad acta gelegt hatte, kommt dieses Feature zu neuen Ehren. So wird im 7 x 5 cm großen Screen für jeden angewählten Effekt eine individuelle Grafik eingeblendet, in die man die Effektveränderungen mit dem Finger hineinmalen kann. Großanteilig sind das grafische XY-Parameterflächen, bei BPM-abhängigen Effekten aber auch einfache Rasterfelder mit den Taktoptionen von 4 bis 1/16. Der Screen kann absolut überzeugen, vor allem weil er grafisch sehr groß, einfach und somit übersichtlich gehalten ist. Die Touchfunktion selbst reagiert, wie sie es soll, absolut verzögerungsfrei auf die kleinste Berührung.

Bleibt noch das Glanzstück der Send-Abteilung zu erwähnen. Sie befindet sich dort, wo beim DJM die Sound Color-Sektion angelegt ist. Ihr großer Bonus ist, dass sie die vier internen Send-Effekten Short Echo, Long Delay, Dub Echo und Reverb mit den extern eingeschleiften Units 1 und 2 kombiniert. Jeweils ein interner und beide externen Effekte lassen sich im Maximalfall parallel aktivieren und über den Send-Regler pro Kanal mit Musik speisen. Für den internen Effekt stehen zudem Regler zur Veränderung von Size/Feedback, Time und Tone bereit. Der einfache Weg wäre nun, die Effekt-angereicherten Signale unmittelbar nach draußen zu schicken. Für diesen Fall wählt man den kleinen gelben Master Mix-Button an und kann die Mischung über den Level-Regler in der Lautstärke anpassen. Alternativ lassen sich die Effektsignale jedoch auch zurück in einen (oder mehrere) der 6 Mixerkanäle routen, um sie dort mit den EQs, dem Filter usw. weiterzubearbeiten. Dazu wählt man beim Input-Schalter eine der orangefarbenen Optionen BUILT-II, EXT 1 und/oder EXT2 an. Und das ist dann wirklich schon die höhere Kunst des DJing – derartige Routing-Möglichkeiten kennt man sonst vor allem von Studiomischern.

Was vergessen? Oh ja, zahllose Details. Zum Beispiel, dass man die Effekteinstellungen abspeichern kann. Oder auch die individuellen Settings auf einem USB-Stick auslagern, um sie auf einem anderem V10 mit zwei Touchscreen-Berührungen wieder zu entfalten. Ebenso ist der japanische Koloss DVS-ready sowohl für rekordbox als auch Serato DJ und sogar NI Traktor. Die Midifizierung praktisch aller Regler erlaubt ferner den Einsatz als Controller. Aber an irgendeiner Stelle muss in einem Print-Magazin leider Schluss sein. Dass wir einem einzigen Tool drei Seiten einräumen, kommt ohnehin nur alle Jubeljahre vor. Aber der V10 hat es fraglos verdient. Ober er perfekt ist? Nein – aber eine Offenbarung für DJs, die ihre kreativen Limits immer weiter hinausschieben möchten, und dafür ein Tool erwarten, das technisch und klanglich ebenfalls die Grenze des Machbaren auslotet. In dieser Champions-League spielen die geforderten 3000 EUR Straßenpreis dann auch fast keine Rolle mehr.

 

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Aus dem FAZEmag 100/06.2020
Text: Matthias Tienel
www.pioneerdj.com