Zur Jahrtausendwende sah es so aus, als sei der reine Hardware-DJ Handwerker einer aussterbenden Zunft. Der Laptop schien zumindest als Track-Archiv und Mixing-Plattform bis auf weiteres unverzichtbares Arbeitswerkzeug. Und abgesehen vom unzweifelhaften Nutzen, den die Miniaturisierung durch Digitalisierung mit sich brachte, passte das computerisierte DJ-Image auch perfekt zum futuristischen Selbstverständnis der Szene.

Mit kaum mehr als einem Laptop bewaffnet tingelten die DJs der neuen Generation fortan durch die Clubs. Die ersten leuchtenden Screens auf der Bühne waren auf jeden Fall cool und sexy, weil neu und anders. Und der DJ wurde (wieder) das, was er einst von sich behauptete, sein zu wollen: Der kühle Maschinist im Hintergrund, ausschließlich im Dienste des Publikums. Oder im Kraftwerk‘schen Sinne: Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand. Vielleicht war das aber dann doch der Coolness zu viel. Denn so richtig sexy, das zeigte sich recht schnell, war es sowohl für die Party-Crowd als auch den DJ nicht. Längst war und empfand sich der DJ als Star. Die Crowd wollte eine Show. Und der DJ wollte Sie Ihr liefern. Seitdem arbeiten die Tool-Hersteller daran, den Laptop wieder in den Hintergrund zu rücken. Vielleicht sogar wieder ganz verschwinden zu lassen. Natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn selbstverständlich waren sie erpicht, den Software-Entwicklern nicht komplett das Kundenfeld zu überlassen.

Das Konzept
Mit dem XDJ-RX tritt Markführer Pioneer DJ nun an, mit einer Multimedia-Station den DJ-Markt aufzurollen, die einerseits die Laptop-Fraktion nicht verprellt, gleichzeitig aber auch dem reinen Hardware-Handwerker die Möglichkeit eröffnet, on stage ohne Rechner auf Medien aller Art zuzugreifen. Und auch wenn die All-In-One-Station bestehend aus zwei Player- Einheiten, einer Mixing-Sektion und dem angesetzten Riesendisplay auf den ersten Eindruck ziemlich mächtig wirkt, ist sie es bei genauerer Überlegung gar nicht. Wollte man die die gleiche Funktionalität mit Einzelgeräten nachstellen, also zwei CDJ-Playern, einem DJM-Mixer und vielleicht noch einem Notebook, wäre das Gesamtvolumen weitaus größer. Vom Gesamtgewicht ganz zu schweigen. Denn trotz seiner stattlichen Größe wiegt der XDJ-RX gerademal acht Kilogramm. Wer muss oder möchte, kann die Station also ähnlich einem Synthesizer problemlos transportieren.

Never change a winnig team
Zur Verarbeitungsqualität muss man keine großen Worte verlieren. Der XDJ-RX folgt bekannter Pioneer-Solidität in ebenfalls gewohnt schwarzer Ästhetik. Auch beim übersichtlich gestalteten Layout brachen die Japaner an keiner Stelle wirklich aus. Wer jemals mit einem CDJ beziehungsweise XDJ sowie DJM gearbeitet hat, wird alle Funktionen an der gewohnten Stelle wiederfinden. Der User dankt. Im Zentrum der Decks stehen auch weiterhin die Pioneer-typischen Jogwheels mit innenliegender Positionsanzeige, links davon befinden sich die Knöpfe für den Track Search und Schnellsuchlauf innerhalb eines Titels, rechts vom Wheel der Vinyl-Mode-Aktivator, die Beat-Sync- Sektion sowie die Pitch-Abteilung mit Tempo-Bereichseinstellung, dem Master-Tempo-Button und herrlich langen 100 Millimeter-Fader samt Mittenrasterung. Der untere Playerbereich ist mit den silbernen Main Cue- und Play/Pause-Rundknöpfen sowie vier Pads für das Einrichten von Hot Cues und Loops besetzt. Die Loops und Cues lassen sich über kleine Knöpfe am oberen Geräterand dauerhaft speichern und wieder abrufen. Damit die Loops exakt im Takt rotieren, hat Pioneer oben link ebenfalls seine bewährten Adjust-Buttons untergebracht. Dort befinden sich ferner der Slip-Mode und Track Reverse-Schalter.
Hinüber zur Zweikanal-Mixer-Sektion. Auch diese zeigt sich mit allerlei Pioneer-typischen Finessen bestückt und bringt viel vom DJM-900NXS mit. Als da wären: Dreiband-Isolator-EQs, eine interne Beat-Effekt-Abteilung mit acht auf alle Kanäle inklusive Mikrofon und Master zuweisbaren Typen sowie vier Sound-Color-Effekte, die über den Color-Regler pro Kanal gesteuert werden. Eine vollausgestattete Vorhör-Abteilung, einstellbare Crossfader-Curve und hochwertige Fader-Elemente gehören bei den Japanern seit jeher zum guten Ton.

Ein dickes Ding: das Display
Kommen wir zu dem, was den XDJ-RX so außergewöhnlich macht. Und ohne das das Laptop-befreite Arbeiten in dieser komfortablen Form nicht möglich wäre: Das grafikfähige Display. Sage und schreibe sieben Zoll oder umgerechnet 17,78 Zentimeter misst es im Durchmesser. Es darf also mit Fug und Recht als Screen bezeich- net werden. Dargestellt wird ein Großteil dessen, was man von Software-Oberflächen kennt: Track-Informationen, Geschwindigkeit, Cue-Punkte, Loop-Begrenzungen, Effekte und deren Parameter, kleine und große Wellenformen uvm. Das voll umfängliche Darstellungspaket erhält man aber nur, wenn man seine Tracks vorher mit der Pioneer-Software Rekordbox auf Linie gebracht hat. Nicht Rekordbox-analysierte Tracks lassen sich zwar ebenso problemlos abspielen, nur muss man eben auf die mehrfarbige, zoombare Wellenformdarstellung wie auch die Sync-Funktion verzichten. Links und rechts des Displays sind die wichtigen Systembuttons untergebracht. Damit lassen sich zum einen die digitalen Musikquellen an- wählen, darunter das Rekordbox-Archiv z.B. auf Smartphone über WLAN dank Pro DJ Link Netzwerkanschluss, ferner USB1 und 2 sowie MIDI/DJ-Software. Zum anderen können hier die Decks angewählt, die Deck- und Effekt-Quantisierung eingeschaltet sowie die Display-Anzeige gewechselt werden. Unterhalb des Display wurden sinnvollerweise die Browser-zugehörigen Schalter untergebracht, um sich schnell durch die Verästelungen der Digitalmedien zu hangeln und Informationen abzurufen. Die Trackanwahl selbst erfolgt über den großen Endlos-Encoder in der oberen Mitte des Mixers.
Eine Multimedia-Station nach Pioneer-Art wäre allerdings nicht komplett, ließen sich neben den Digitalmedien über die oberseitigen USB-Slots und den rückseitigen USB-Anschluss für die Computerverbindung nicht auch klassische Zuspieler verkoppeln. So steht für jede Playerseite ein Stereo-Cinch-Eingang für den Anschluss wahlweise eine Turntables oder externen CD-Players bereit. Diese lassen sich selbstverständlich auf den Mixer legen und nach allen Regeln der XDJ-RX-Effektkunst bearbeiten. Wer es drauf anlegt, kann mit der Mediastation also durchaus ein unabhängiges Standalone-DJ-Set wie anno dunnemals durchziehen. Im Display darstellen lassen sich die über Cinch zugeführten Track selbstverständlich nicht.

Der Rest: Spaß ohne Ende
Mit dem XDJ-RX ist Pioneer nicht nur eine voll ausgestattete Multimedia-Station sondern auch ausgesprochene Spaßmaschine geglückt. Selten zuvor ging die Arbeit mit völlig verschiedenen Medien im schnellen Wechsel derart störungsfrei und intuitiv von der Hand.
Das riesige Display trägt ohne jeden Zweifel dazu bei, dass sicher der DJ endlich wieder auf nichts anderes als seine Hardware und die Musik konzentrieren kann. Auch die Pioneer-Software Rekordbox mausert sich zusehends von einer Musikverwaltungs- zu einer DJ-Software.

 

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