Schwere Vorwürfe: Betreiber des Leipziger Clubs Axxon N. veröffentlicht Statement

Kürzlich berichteten wir HIER über schwere Vorwürfe gegen die ehemalige Clubleitung des Leipziger Techno-Clubs Axxon N. Hinter den Kulissen der Nachfolger-Venue des 2024 geschlossenen Institut für Zukunft (IfZ) soll es laut früherer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen problematische Zustände gegeben haben, die von Mängeln beim Brandschutz und Lücken im Sicherheitskonzept bis hin zu nicht bezahlten Gagen und Überstunden reichen sollen. Nun hat uns Clubbetreiber Lucas Pulkert ein Statement zu den Vorwürfen und Geschehnissen im Axxon N. zukommen lassen, das ihr hier nachlesen könnt.

Das Axxon N. war nur wenige Monate nach dem Aus des IfZ als Nachfolger in den Räumlichkeiten des Leipziger Kohlrabizirkus gestartet. Der neue Kulturraum setzte laut eigener Aussage von Anfang an auf ein vielschichtiges musikalisches Konzept, das sowohl eine klare Handschrift als auch Raum für Experimente bieten und marginalisierte Gruppen wie Queere, FLINTA und BIPoC fördern wollte.

Musikalisch richteten die Verantwortlichen ihren Fokus auf vielseitige und dynamische Club- und Community-Events an den Wochenenden, die von Hardgroove Techno, Trance, Noise, Core, Industrial Sounds und House bis hin zu Experimental reichten.

Ende 2025 wurde ein Insolvenzverfahren öffentlich, im Januar 2026 dann die Schließung bekannt gemacht.

Hinweis der Redaktion: Zunächst hatte die Groove über den Fall berichtet und sich auf Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters gestützt. Auf die Aussagen und das Interview wird im Statement wiederholt Bezug genommen.

Statement zu Axxon N., Vorwürfen und der Frage, was Clubkultur von einem beendeten Clubprojekt lernen kann

„Vorneweg: Selbstverständlich habe ich Fehler gemacht. Ich habe Dinge unterschätzt, vieles gleichzeitig gewollt und an einigen Stellen zu spät oder zu unklar kommuniziert. Ich habe Verantwortung getragen, und ich trage sie auch rückblickend.

Aber Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, eine Darstellung zu akzeptieren, in der aus einer einzelnen Perspektive, einigen kritikwürdigen Punkten und vielen falschen oder verkürzten Vorwürfen eine Gesamterzählung entsteht, die diesem Projekt nicht gerecht wird.

Und es bedeutet nicht, dass hinter dieser Erzählung die Arbeit von über hundert Menschen verschwinden darf.

Das Axxon N. hat knapp 100 Veranstaltungen für die Leipziger Clubszene nachweislich sicher und gut organisiert durchgeführt. Es war zu dieser Zeit der einzige Club dieser Größenordnung in Leipzig, der regelmäßig queere Veranstaltungen organisiert hat. Es wurden sechsstellige Beträge an Künstler:innen-Gagen in die lokale und überregionale Szene ausgezahlt. Über hundert Personen fanden Beschäftigung in der Clubkultur. Die Besucher:innenzahlen sind kontinuierlich gewachsen, die letzten drei Monate waren mit Abstand die erfolgreichsten Monate des Clubs. Menschen haben dort getanzt, gearbeitet, aufgelegt, performt, sich getroffen und sich ausprobiert. Es gab viele Nächte, in denen genau das passiert ist, wofür dieser Ort gedacht war: Musik, Gemeinschaft, Freiheit und Energie.

Der zuletzt veröffentlichte Text erzählt die Schließung eines komplexen, politisch aufgeladenen Clubprojekts vor allem als Geschichte meiner persönlichen Ignoranz, Beratungsresistenz und Inkompetenz. Diese Erzählung ist einfach, anschlussfähig und funktioniert gut in einer aufgeheizten digitalen Öffentlichkeit. Aber sie bildet nicht ab, warum das Axxon N. tatsächlich schließen musste.

Kritik ist legitim. Enttäuschung ist legitim. Auch harte Vorwürfe müssen ausgesprochen werden können. Mein Problem ist nicht, dass Kritik geäußert wurde. Mein Problem ist, dass aus Zuspitzungen, falschen Tatsachen und unvollständig dargestellten Abläufen eine Erzählung gebaut wurde, die am Ende mehr über ihre dramaturgische Absicht verrät als über die tatsächliche Komplexität von Axxon N.

Mehrere Monate vor der Veröffentlichung wurde ich mit Anschuldigungen konfrontiert, die ich ausführlich beantwortet habe. Gleichzeitig bot ich ein offenes Gespräch mit der Redaktion und/oder der beteiligten Person an. Dieses Angebot blieb unbeantwortet. Was danach entstand, war kein echter Dialog: Es gab Vorwürfe, darauf meine Antworten, und anschließend offenbar die einseitige Möglichkeit der Person, diese Antworten erneut zu kommentieren. So war von Anfang an angelegt, dass meine Einordnungen nicht als gleichwertige Perspektive erscheinen, sondern als Rechtfertigung.

Dem Magazin lagen relevante Unterlagen, zeitliche Einordnungen und Gesprächsangebote vor, die zentrale Behauptungen relativieren oder in einen richtigen Zusammenhang stellen. Einige Punkte wurden aufgegriffen, viele jedoch nicht oder nicht angemessen. So entsteht keine offene Gegenüberstellung, sondern eine leicht lesbare Dramaturgie mit klarer Richtung: Eine Seite erscheint glaubwürdig, die andere nur noch defensiv. Für mich wirkt der Artikel deshalb weniger wie eine objektive Aufarbeitung als wie eine publizistisch kuratierte Version einer persönlichen Abrechnung.

Besonders problematisch ist, dass eine einzelne Perspektive als nahezu abschließende Erklärung für das Schließen des Clubs angenommen wird, ohne dass die eigene Rolle dieser Person im Projekt ausreichend mitverhandelt wird. Wer seit Beginn in leitender Position Teil eines Projekts war, interne Prozesse kannte und mitgestaltet hat, Entscheidungen miterlebt und mitgetragen hat, und im Nachhinein ein Bild maximaler Untragbarkeit zeichnet, sollte sich auch Fragen der eigenen Verantwortung gefallen lassen. Würde ich die Aussagen ernst nehmen, hätte die Person schließlich ein Jahr die von ihr vorgetragenen angeblich untragbaren Zustände aktiv mitgetragen. Das ist keine Täter-Opfer-Umkehr, es wäre die schlichte Konsequenz ihrer eigenen unbelegten Vorwürfe als angestellte Person in leitender Position.

Einige Punkte sind mir wichtig: Es gab keine ausstehenden Lohnzahlungen; die Auszahlung nach fünf Werktagen war im Arbeitsvertrag geregelt und bekannt. Die sogenannte „Lubefontäne“ war ein Kunstobjekt und nie in Betrieb. Für sexpositive Veranstaltungen wurden wir von unserer Supervision, dem Queer Mama e.V., ausdrücklich gelobt; die Mail liegt dem Magazin vor. Ein großer Teil der Renovierungskosten floss in die Überarbeitung der maroden Elektrik und des Brandschutzes, durchgehend begleitet von einem Elektromeister. Auch Zeitabfolge und Schlussfolgerungen zur „kontroversen Partyreihe“ sind nicht korrekt dargestellt; nach konkreten aber unbestätigten Vorwürfen, wurde die Veranstaltung umgehend abgesagt; die Protokolle liegen dem Magazin vor.

Axxon N. war der Versuch, einen großen, belasteten und wirtschaftlich fragilen Clubraum zu erhalten, den sonst niemand aus der lokalen Szene übernehmen wollte. Wir haben einen bereits insolventen Club übernommen und versucht, einen Ort neu zu beleben, der sonst verschwunden wäre und nun vermutlich für immer verschwunden ist. Wir wollten keinen nostalgischen Nachbau des IfZ, sondern einen neuen Ort: musikalisch anspruchsvoll, visuell eigenständig, queer anschlussfähig, sexpositiv denkbar, professioneller organisiert und wirtschaftlich tragfähig.

Dieser Versuch hat in Teilen funktioniert. Nur nicht schnell genug. Rückblickend war der Anspruch unter den konkreten Bedingungen zu groß: zu wenig Kapital, zu wenig Zeit, zu viele Baustellen, zu hohe Erwartungen. Ich hätte stärker priorisieren müssen. Ich hätte früher klarer erklären müssen, was Axxon N. ist und was es nicht sein kann. Ich hätte interne Konflikte schneller professionalisieren, Erwartungen besser managen, mehr Geld organisieren und an manchen Stellen besser dokumentieren und kommunizieren müssen. Diese Selbstkritik ist ernst gemeint. Ich bin derjenige, der mit Abstand den größten finanziellen Schaden aus diesem Projekt trägt. Aber Selbstkritik bedeutet nicht Selbstentwertung. Und Verantwortung bedeutet nicht, jede nachträgliche Zuspitzung als Wahrheit zu akzeptieren.

Axxon N. musste nicht schließen, weil niemand nachgedacht hätte oder weil mir Kritik egal gewesen wäre. Es musste schließen, weil ein ambitionierter Transformationsversuch nicht schnell genug wirtschaftlich stabil wurde, während er gleichzeitig auf technischer, personeller, kultureller und politischer Ebene permanent unter Druck stand.

Mir ist wichtig, das korrekt zu benennen, denn es entscheidet darüber, was aus diesem Ende gelernt werden kann. Wie finanziert sich Clubkultur heute? Wer kann sich Eintrittspreise leisten, die faire Gagen, faire Löhne, Technik, Sicherheit, Awareness, Miete und Instandhaltung wirklich abbilden? Warum wird Clubkultur öffentlich als Standortfaktor und kulturelle Infrastruktur gefeiert, während Opern, Theater und Museen institutionell abgesichert werden, Clubs aber behandelt werden, als könnten sie dauerhaft aus Selbstausbeutung und improvisierter Infrastruktur bestehen? Und wie soll eine Szene wachsen, wenn sie höchste Ansprüche an Räume, Haltung, Booking und Ästhetik stellt, aber kaum Orte zulässt, an denen sich neue Konzepte ausprobieren, Fehler machen und entwickeln dürfen?

Diese Fragen verschwinden, wenn man das Ende eines Clubs zu einer Charakterstudie über einzelne Personen macht.

Auch unsere visuelle Sprache wurde immer wieder zum Beleg für angebliche Unsensibilität gemacht. Axxon N. wollte ästhetisch nicht neutral sein. Unsere Ästhetik arbeitete mit Ambivalenz, Alienhaftigkeit, Sexualität und Irritation, dunkel, manchmal unangenehm, bewusst uneindeutig. Man kann diese Ästhetik ablehnen, kritisieren, sagen, dass sie einen triggert, nicht erreicht oder ausschließt. Diese Kritik ist legitim. Aber aus ästhetischer Irritation automatisch moralisches Versagen abzuleiten, ist etwas anderes. Nicht jedes Bild, das Widerspruch auslöst, ist ein Beweis für fehlende Awareness. Nicht jede Provokation ist Gewalt.

Clubkultur lebt davon, dass sie nicht vollständig geglättet ist, sie lebt von Reibung, Grenzerfahrung, Nacht, Risiko, Ekstase. All das braucht Verantwortung: Schutzkonzepte, klare Grenzen, Sensibilität. Aber wenn jede Irritation sofort als strukturelle Gefährdung gelesen wird, bleibt am Ende nur eine Kultur übrig, die sich selbst entschärft, bevor sie überhaupt stattfindet.

Was mich in Leipzig besonders beschäftigt hat, war eine Angst, die weit über Axxon N. hinausging: die Angst lokaler Akteur:innen, das Falsche zu sagen. Die Angst, sich falsch zu positionieren. Die Angst, mit den falschen Menschen gesehen zu werden. Die Angst, öffentlich markiert, moralisch einsortiert oder digital angegriffen zu werden.

Diese Angst ist real. Und sie hat Folgen.

Menschen halten sich aus Konflikten heraus, weil sie nicht selbst in die Schussbahn geraten wollen. Diskurse werden nicht geführt, weil jede öffentliche Positionierung zur Angriffsfläche werden kann. Akteur:innen überlegen genau, mit wem sie gesehen werden, welche Veranstaltung sie besuchen oder welches Projekt sie unterstützen. Nicht unbedingt aus eigener Überzeugung, sondern weil sie wissen, wie schnell aus einer offenen Frage ein öffentliches Urteil wird.

Gerüchte wandern schneller als Fakten. Komplexe Konflikte zerfallen in einfache Lager. Der moralisch schärfste Satz bekommt mehr Gewicht als der präziseste. Und wer Verantwortung übernimmt, muss im Fall eines Endes nicht nur mit Kritik rechnen, sondern mit persönlicher Demontage.

Ich bin ein großer Fan von offenem Diskurs und Differenzierung. Genau deshalb habe ich mich dieser Angst immer entgegengestellt. Ich wollte dieses Spiel aus Andeutungen, Markierungen und unausgesprochenen Loyalitätstests nie mitspielen.

Es amüsiert mich fast, zu sehen, wie genau dieser Mechanismus nun gegen mich gerichtet wird: Aus einem komplexen Projekt wird eine einfache Schuldgeschichte. Es geht dann nicht mehr darum, was tatsächlich passiert ist, sondern darum, wer symbolisch für ein Scheitern stehen soll.

Persönlich trifft mich das zum Glück wenig. Vielleicht auch, weil ich privilegiert genug bin, nicht davon abhängig zu sein. Aber genau deshalb will ich es aussprechen: Das Problem ist nicht Kritik.

Das Problem ist ein Klima, in dem Kritik erst moralisiert und dann zur sozialen Markierung wird und in dem viele längst gelernt haben, dann lieber die Füße still zu halten.

Das ist kein gutes Klima für Clubkultur, Kunst oder politische Räume. Und vielleicht ist auch das ein Grund, warum es in Leipzig immer weniger Menschen gibt, die neue, riskante oder kontroverse Projekte wagen.

Ich wünsche mir eine Debatte, die mehr kann als Schuld verteilen. Warum verschwinden große Clubräume gerade reihenweise, besonders in Leipzig? Warum sind immer weniger Menschen bereit, Verantwortung für sie zu übernehmen? Warum lässt eine Szene, die Räume braucht, so wenig Raum für Fehlbarkeit?

Axxon N. war ein mutiger, ernst gemeinter Versuch, einen großen Raum für Musik, Nacht, Kunst und Gemeinschaft am Leben zu halten und für viele Monate ist genau das gelungen. Wenn aus diesem Ende etwas bleiben soll, dann nicht die einfache Erzählung vom Niedergang durch Ignoranz, sondern die schwierigere und wichtigere Frage, wie wir künftig Kulturorte schaffen können, die mutig sind, Verantwortung übernehmen und wirtschaftlich tragbar sind.

Axxon N. als Club in Leipzig endet. Aber die Frage, unter welchen Bedingungen Clubkultur heute überhaupt noch entstehen und bestehen kann, bleibt.“

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