Wenn es um Dirty Prog geht, kommt den härteren Progressive-Trance-Liebhabern vor allem ein Name in den Sinn: Si-Moon. Mit bürgerlichem Namen heißt der 27-jährige Schweizer, der in den letzten Jahren in diesem Genre mit Sicherheit seinen Fußabdruck hinterlassen hat, Simon Schneider. Vor kurzem erschienen zwei neue EPs, „Inside Me“ und „Feel The Danger“, wovon letztere in den Psytrance-Top-100 sogar auf Platz 3 gelandet ist.

Hey Simon. Du warst 2008 auf deiner ersten Goa Veranstaltung und hast danach mit deinen ersten eigenen Produktionen angefangen. Was war der ausschlaggebende Grund, dass du dich auf „Dirty Prog“ fokussiert hast? 

Hallo, Denise. Bevor ich DJ bzw. Musikproduzent wurde, war ich als Gast immer an vorderster Front. Kurz nach meinen ersten Partys war ich auf der legendären „Castle of Psy“ im Connyand in Lipperswil. Das ist eine Party in einem Schloss eines Freizeitparks. Auf dieser Party habe ich zum ersten mal Dapanji live gesehen. Nach diesem Auftritt war mir klar, dass ich meine Ideen in meiner eigenen Musik verpacken und zum Ausdruck bringen will. Da ich eben immer ganz vorne mit dabei war, habe ich die Musik vielleicht auch anders wahrgenommen als die anderen. Ich dachte bei meinen Produktionen nie, welcher Part jetzt wohl passend wäre, sondern habe mich immer gefragt, was ich jetzt für einen Teil erwarte, wenn ich als Gast unten stehen würde. Oder eben auch, womit ich nicht rechnen würde. Mein zweiter oder dritter Track hieß „Dirty Prog“. Mit diesem Track und mit meinem Brainbug – Nightmare Remix hatte ich dann den Durchbruch. Nach diesen Releases haben die Leute selber anfangen zu sagen: „Hey, das ist Dirty Prog.“

Kannst du dich mit „Dirty Prog“ immer noch am meisten identifizieren?

Das ist eine sehr schwere Frage. Um mich kurz zu fassen: Ja. Die Laune eines Musikers – oder zumindest von mir – variiert stark. Im Sommer produziere ich eher schöne Festivalhits und wenn es im Winter kalt wird werden meine Produktionen immer frecher und schneller, bzw. düsterer. Dirty Prog ist immer noch mein Ding. Ich habe das Ganze jetzt sogar etwas weiterentwickelt zu Electro Prog. Das heißt: Dirty Prog, aber mit aggressiverem SAW Bass, Dupstep oder Complextro Elemente gepaart mit schönen Piano Chords und sonstigen Instrumenten, die mit einem einbrennenden Vocal abgerundet werden. Man kann also sagen, dass ich bei meinem Dirty Prog eher auf mein Herz höre, anstatt mich per Genre festzulegen und zu limitieren. Elektronischer Musik sind heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt. 

Du hast gesagt, dass du den Durchbruch bereits nach den ersten Tracks hattest. Wie lange hat der Prozess bis zum Durchbruch gedauert? Glaubst du, es ist in der heutigen Zeit immer noch möglich den Durchbruch nach dem zweiten oder dritten Track zu schaffen?

Mein Durchbruch kam nach nur einigen Monaten. Ich wurde mit meinen ersten Produktionen erfolgreich, deshalb konnte ich mich auf den Erfolg gar nicht wirklich vorbereiten. Ich denke, in der heutigen Zeit ist es auf jeden Fall möglich, mit einem Track bekannt zu werden. Man muss nur den Nerv zur richtigen Zeit treffen. Und vielleicht ein bisschen Glück und Talent haben. Schwierig wird es dann natürlich besonders danach, weil man das Level direkt halten muss. Ich denke, je mehr Wiedererkennungswert du hast, desto einfacher ist es im Endeffekt auch mit deiner Arbeit erfolgreich zu werden.

Was würdest du jungen Newcomern empfehlen auf ihrem Weg zum ersten erfolgreichen Release bzw. Auftritt?

Ganz wichtig: Macht euer Ding und schraubt nicht 1000 Stunden am gleichen Track rum. Wenn man etwas gemacht hat, dann ist das meistens gut so. Oftmals verändert man noch vieles und dann geht der Vibe, den der Track am Anfang hatte, verloren. Und meist verschlimmbessert man nur alles, weil man viele Kleinigkeiten zu oft überdenkt. (lacht) Die erste Idee ist meistens die Richtige. Ich hatte auch schon Tracks nach zehn Stunden fertig und habe dann nochmal hundert daran gearbeitet, Dinge verfeinert etc. Aber als ich die neue Version meinem Kollegen zeigte, sagten die alle: „Das klingt ja genau wie am Anfang!“ Sei nicht zu kritisch mit dir. Dazu kommt, dass wir auf Highend Monitorboxen produzieren. 90% der Konsumenten hören deine Musik aber mit iPhone- oder Android-Kopfhörern.

Wenn man sich mal durch dein SoundCloud-Profil durch klickt und die ersten Singles anhört, merkt man, dass sich qualitativ bei dir einiges geändert hat. Wie und womit hast du damals produziert und wie sieht dein Produktionsablauf und -equipment heute aus?

Angefangen habe ich mit den Headphones von Dr. Dre mit Bass! Alle alten Hits wie zum Beispiel „Dirt Prog“, „Are You Ready“, „Nightmare“ oder „Wahnsinn“ habe ich mit diesem Kopfhörern gemacht! Danach habe ich mir die KRK-Rokit-6-Studiomonitore gekauft. Später bin ich auf den Adam A7X umgestiegen für ungefähr zwei Jahre und seit einem Jahr bin ich stolzer Besitzer des legendären Focal SM9. Dazu passend habe ich die Studiokopfhörer Focal Professional Clear. Ich bin mittlerweile sehr zufrieden mit meinem Equipment und kann es auf jeden Fall weiterempfehlen. Zusätzlich habe ich ein Mikrofon und dazu einen Zoom Recorder, um Geräusche und Vocals aufzunehmen. Mein Keyboard ist das Komplete Kontrol S88 und das Seaboard Rise 49. Zu meinem Produktionsablauf: Meine Tracks basieren meistens auf einer Idee. Ein Vocal oder eine Melodie beispielsweise. Falls ich keine Ideen habe, fange ich einfach eine Bassline an und komponiere dann dazu den Song.

Deine neue EP „Feel The Danger“ kam vor kurzem auf Spin Twist Records raus und hat es sogar bis auf Platz 3 der Psytrance Top 100 geschafft. Woher kam die Inspiration hierfür?

Die Inspiration für den Style dieser EP hatte ich schon länger. Der Track „Feel This“ spielt auch auf das neue Genre an: Electro Prog. Meine neuen Produktionen gehen auch alle in diese Richtung. Ich habe zwei neue EPs geplant, die sehr bald erscheinen. Die eine ist „Dirtyprog 2k19“ mit drei Tracks und „Rockstar” zusammen mit Face To Face. Chipe und Face To Face kenne ich persönlich, das sind sehr gute Freunde mir. Mit den beiden fällt es mir auch spielend leicht zu arbeiten, da wir einfach zusammen harmonieren. Also seid gespannt – von den beiden werdet ihr noch viel hören!

Zwischen deiner neusten EP „Feel The Danger“ und deinem letzten Release „Eargasmn“ auf Beatport liegt mehr als ein Jahr Pause. Was war der Grund dafür und woher kam der Ansporn für die neue EP?

Das hat mehrere Gründe: Zum einen bin ich vom Adam A7X auf den Focal SM9 umgesteigen, und der Qualitätsunterschied ist enorm. Ich war mit meiner EP „Evil Inside“ gerade fertig, als ich mir die neuen Boxen gekauft habe. Danach hat sich der komplette Track anders angehört, und ich musste alles neu anpassen. Deshalb liebe Produzenten:  Wenn ihr neue Boxen kauft, macht die alten Sachen fertig. (lacht) Ich musste den neuen Studiomonitor erstmal kennenlernen, was auch Zeit benötigte. Zudem spiele ich in meinen Sets sehr viele unveröffentlichte Sachen. Ich hatte einfach zu viele Lieder angefangen. Nach „Feel This“ kam eine Woche später auch direkt eine weitere EP raus mit zwei Tracks. „Inside Me“ ist der Name dieser EP. In Zukunft will ich jeden Monat, oder mindestens jeden zweiten eine EP releasen. 

Gibt es schon Pläne für zukünftige Kollaborationen oder Veröffentlichungen?

Zwei EPs sind den Startlöchern und andere sind in Planung. Die Leute wollen zwar oft meine alten Sachen hören, aber ich spiele die neuen viel lieber, weil ich die neuen mehr feiere. Aber ich denke das geht jedem Produzenten so. Und aus diesem Grund mache ich von jedem alten Track – oder zumindest die Hits – eine kleine EP. Das bedeutet, dass eine neue Version alter Tracks in besserer Qualität plus eine komplette Neuinterpretation der alten Idee kommen wird.

Wie siehst du die Zukunftschancen für den „Dirty Prog“? Mir kommt es so vor als wäre „Dirty Prog“ in Deutschland gar nicht so wirklich spezifisch integriert? Zumindest gibt es hier kaum Veranstaltungen, wo die ganze Nacht nur Dirty Prog läuft. Bei Progressive Trance ist das hingegen anders. Liegt das daran, dass es in diesem Subgenre zu wenig „Nachwuchs“ gibt?

Im Norden gibt es einige Dirty Prog Partys. Aber ich denke das liegt daran, dass die Veranstalter gerne einen „roten Faden“ durch die Veranstaltung ziehen. Mit Progressive Trance beginnen, über Dirty Prog hin zu Psytrance oder Full On in der Nacht, und am Morgen wieder Proggy. Meine Musik ist auch eher die Partymusik – sie wirkt am besten, wenn die Party am Höhepunkt ist. Nachts um zwei Uhr kommt sie besser an als zum Beispiel morgens um neun nachdem Phaxe aufgelegt hat.

Schon seit längerer Zeit spaltet sich Psytrance in so viele Subgenres. Das hat zur Folge, dass man mittlerweile nur schwer definieren kann, was nun welchem Genre zugehörig ist. Der eine sagt das ist Psytrance, ein anderer ordnet denselben Track vielleicht dem Full On zu. Da hat sich einfach so viel weiterentwickelt und vor allem in der elektronischen Musik hat man eine enorme Vielfalt. Heutzutage kannst du eine Geige nehmen, da ein Vocal drauf packen oder eine Gitarre mit irgendeinem coolen Blues Riff. Wenn du das cool machst feiern es die Leute. Die Welt ist heutzutage sehr offen für Neues, demnach sind den Genres keine Grenzen gesetzt. 

 

Text: Denise Kelm | @wayofdk
Foto: Virginie Rouault

 

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