Hallo liebe FAZEmag-Leserin, lieber FAZEmag-Leser,

wieder einmal haltet ihr eine besondere Ausgabe in der Hand, denn es ist die letzte im Jahr 2020. Da uns ein Jahresrückblick dieses Mal nicht so viel Freude bereitet, wollen wir lieber etwas weiter zurückblicken und die Anfänge unserer geliebten Technomusik in den 90er-Jahre betrachten. Einige von euch waren womöglich schon alt genug für die Tanzfläche und für die ersten Ansammlungen von Vinyl. Andere wiederum waren Kinder, die staunend vor dem Fernseher standen und den ersten elektronischen Klängen auf MTV lauschten. Wir nehmen euch mit auf eine kleine Reise von den Anfängen elektronischer Musik Ende der 1980er- bis zum Beginn der 2000er-Jahre.

 


Mit Schlaghose und Buffalos bekleidet, die „Thunderdome ‚96“ im Discman, während im Fernseher die Liveübertragung der Loveparade läuft. Viele haben so die 90er-Jahre in Erinnerung. In Deutschland bedeutet 90er-Kult vor allem auch Technokult. Viele Künstler aus dem deutschsprachigen Raum waren nämlich maßgeblich daran beteiligt, elektronischen Sound zu entwickeln. Gemeinsam mit ihren Kollegen aus Detroit und Chicago verheirateten sie Genres wie Elektro-Pop, Acid House und Funk miteinander und machten daraus etwas ganz Neues. Wir gehen zunächst aber noch ein Stück weiter zurück, um die Geburtsstunde unserer Musik ausfindig zu machen.

Die Stunde Null
Mit der Veröffentlichung des TR-808 Rhythm Composers fing 1980 alles an. Weitere drei Jahre später waren auch die Geschwister TB-303 und TR-909 auf dem Markt erschienen und lieferten damit den Grundstein für moderne Musikproduktionen verschiedene Genres, vor allem aber für die elektronische Musikrichtung. Schon zur Geburtsstunde des Genres zeigt sich das experimentelle in allen Facetten. Die Drumcomputer und der Basssynthesizer wurden nämlich für eine ganz andere Zielgruppe entwickelt. Sie sollten Gitarristen, Bassisten und Drummern beim Üben ihres Instrumentes helfen, sodass sie auch ohne Anwesenheit der Band zuhause spielen konnten. Die Geräte wurden aber lieber von Menschen gekauft, die begannen, damit eigenständige Musik zu machen. Das Tolle ist, sie kamen einfach auf die Idee, das zu tun, denn es gab ja keine Empfehlung des Herstellers, welche Klänge mit welchem Gerät erzeugt werden können.

Die Bedroom-Producer der ersten Stunde tweakten also wie verrückt an den neuen Geräten bis schließlich einige gefallen daran gefunden hatten, die quietschenden Resonanzen aus der TB-303 als musikalisch anzusehen. Kombiniert mit den Drums aus 808 oder 909 war Acid House Mitte der 80er-Jahre in Amerika geboren. Kurze Zeit später schwappte die Acid-House-Bewegung auch nach Europa und bekam in England ihr berühmtes Smiley-Logo, das ursprünglich vom Flyer einer Partyreihe stammt.

Summer of Love
Die erste Loveparade, die damals nur ein kleiner Zug aus wenigen Acid-House-Begeisterten war, wurde 1989 veranstaltet. Mit einem Schmunzeln im Gesicht sagt man jetzt rückblickend, dass dies der zweite Summer of Love in Deutschland war. Westbam und Dr. Motte lieferten alljährlich die Hymne zur Loveparade. Wenn man damals das TV-Gerät einschaltete oder sogar das große Glück hatte, bei einer Loveparade dabei gewesen zu sein, dann kam man auch um die Vocals von Marusha nicht herum. Auf den Wägen und an der Siegessäule standen Acts wie der junge Chris Liebing, Sven Väth oder Monika Kruse an den Plattentellern. Der Sound der Loveparade war wie die 90er-Jahr selbst: extrem vielseitig und kompromisslos, wenn es um Genremischungen ging. Rap, Trance, Electro, Breakbeat, Acid House und schranzige Nummern — all diese Genres wurden von DJs oft in einem Set durchgearbeitet.

Mainstream & Underground
Wir sind mittendrin in den 90er-Jahren: Die Charts werden gestürmt von Titeln wie „I Wann Be A Hippie“, „What Is Love“ und „It’s My Life“. Im Mainstream beginnt der große Eurodance-Hype. Auch hier haben wir freche, laute Frauenvocals im Vordergrund, gelegentliche Rap-Einlagen und auch Breaks finden ihren Weg in die Chartmusik. Im weniger kommerziellen Techno-Bereichfinden wir einige dieser Elemente wie Breaks und kurze Rap-Passagen auch, aber der gesamte Sound kommt in einem brachialeren Gewand daher. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass der Underground in den 90ern böser oder dunkler klang. Mit brachial ist hier eher der Mixdown gemeint: Die wichtigen Sounds für den Dancefloor wie Kick und Mainsynth sind im Mix weiter vorne, die HiHats peitschen mehr als im Mainstream, das Sounddesign und die Arrangements sind insgesamt technoider.
Die Produktionen sind also mehr für den Rave ausgelegt, als für die Radioshow oder die Charts, besonders bezogen auf Titellänge und Progressivität.

90ies Drums
Das Tempo ist allgemein in dem Jahrzehnt ziemlich schnell. Außerhalb von Hip-Hop haben wir einen ziemlich zügigen Tanzschritt,
meistens etwas mehr oder weniger als 140 bpm. Die Drums kommen aus den oben genannten Drumcomputern 808 oder 909. Dabei wird das gesamte Kit rauf und runter gespielt — inklusive Cowbell und schon fast inflationär verwendetem Rimshot. Wenn ihr den 90er-Jahre-Sound nach produzieren wollt und euch ein solcher Drumcomputer in eurem Studio fehlt, gibt es unzählbar viele 808- oder 909-Samplepacks – von Anbietern wie Samples from Mars übrigens in ausgezeichneter Qualität. Es gibt die Drumcomputer mittlerweile auch als Plug-in-Emulationen, die ebenfalls eine wunderbare Alternative zum Original darstellen.

Analoge Sound-Emulation
Um den analogen Sound der 90er-Jahre in einem digitalen Studio zu imitieren, gibt es ein paar Tricks, die man anwenden kann. Analoge Synthesizer haben immer ein Grundrauschen, das dem Track etwas Organisches und Lebendiges verleiht – es gibt dem Mix eine natürliche Atmosphäre. Wenn ihr rein digital arbeitet, könnt ihr mit dem Operator und der Noise-Funktion ein Grundrauschen erzeugen, das ihr dem Track nur ganz leise (!) hinzumischt. Man darf das Grundrauschen im Mix nicht explizit hören, aber man muss es fühlen können.

Ein weiterer Trick, um dem 90er-Sound noch ein Stück näherzukommen, ist, dass man damals nicht so sauber ausproduziert hat, wie wir das heute gewohnt sind. Die charakteristische Resonanz der klassischen 909-Open-HiHat im drei bis fünf Kilohertz-Bereich muss zum Beispiel nicht komplett herausgezogen werden. Etwas Quietschen hier und Fiepen da gehört zum 90er-Jahre-Technosound eben einfach dazu.

90ies Sounds
Zu den wichtigen tonalen Soundtypen gehören Stabsynths, die ihren Punch durch eine kurze Attack sowie kurze Decay und Releasezeit erhalten. Der ravige Sound wird außerdem durch den Einsatz von Hooverbässen unterstützt, der seine Grundcharakteristik vor allem durch die extrem eingestellte Pitch Envelope und zwei zueinander verstimmten Oszillatoren erhält. Original stammt der Sound aus dem Juno-Synthesizer von Roland. In unserem Bundle „The First Decade“ findet ihr zum Beispiel Hooverbässe und Stab Sounds der alten Schule als Ableton Live Instrument Racks, mit denen ihr intuitiv die Sounds auch verändern könnt. Der Break Generator liefert euch sofort verschiedene Breaks, die ihr in eure Technoproduktionen einarbeiten könnt, um noch mehr 90er-Jahre-Feeling aufkommen zu lassen.

 

Wenn dir dieser Exkurs in die 90er-Jahre gefallen hat und du Lust bekommen hast, selbst mit den alten Ravesounds zu experimentieren, Genres zu kombinieren und Breaks einzubauen, dann komm auf SINEE.de und halte nach dem „The First Decade: Bundle“ Ausschau. Hier findest du die perfekte Unterstützung für deine Produktionen, wenn es um Stabsounds, Hooverbässe, Breaks oder inspirierende Midi Files geht.

 

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Text: Fabienne von Canal