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34°C im Schatten und im Hintergrund wummert dumpf eine Kickdrum. Mitten auf dem Aerophilia Festival erzählt mir Till von Sein mehr über sein neuestes Release auf Suol: „Ich komme aus einer Zeit, in der Mix-CDs noch wirklich Leben verändert haben. Da kam eine Kruder & Dorfmeister DJ-Kicks, und das hat eine ganze Generation geprägt, die vorher keinen Zugang zu Drum ’n’ Bass, Clubmusik oder irgendwas hatte.“ Ein klarer Kontrast zur schnelllebigen Szene, in der dank des Internets heute jeder seine Mixe veröffentlichen kann. Laut Soundcloud werden jede Minute mehr als zehn Stunden Musik auf die Plattform geladen, Mixcloud und Konsorten locken mit kostenfreien Accounts. In dieser schier unendlichen Flut an Musik etwas zu erschaffen, das die Zeit überdauert, ist ambitioniert.

Till von Sein stand für die zweite Ausgabe der „Suol Mates“ an digitalen Plattentellern. 70 Minuten Musik, die sich einer Vielzahl an Genres und Künstlern bedienen, jedoch nur einen Track von Till selbst enthalten. Der zurückhaltende Auftritt deckt sich mit Tills Philosophie: „Ich wollte, dass Leute, die die CD hören, auf Künstler stoßen, die sie nicht kennen. Vielleicht sogar auf Musikrichtungen, die sie nicht kennen. Und ich habe es jetzt bei mir im Umfeld schon gemerkt, dass einige von Suol YouTube-Links von ein, zwei Tracks posten. Eigentlich ist es sehr bezeichnend für meine DJ-Sets, obwohl sich die CD davon deutlich unterscheidet, dass ich generell sehr wenig eigene Werke spiele. Bei der ‚Suol Mates‘ wollte ich eigentlich gar nichts eigenes, nur die Nummer war mir sehr wichtig. Tigerskin, mit dem ich jedes Jahr eine Platte mache, hat sie damals an ein Label gegeben, das nie wirklich an den Start gekommen ist. Es gab nur ein Vinyl only-Release. Meiner Meinung nach ist es mit das Beste, was er je gemacht hat. Also haben wir einen Edit dazu produziert.“ Sehr bedächtig ging Till bei der Trackauswahl vor. Das Ergebnis von stundenlangem Suchen in diversen Onlineshops war eine ganze Reihe an möglichen Songs, die in das Thema des Mixes gepasst hätten. Am Ende standen 15 Tracks fest, zu denen Till auch jeweils ein paar Worte im Booklet gefunden hat. Nicht jeder Track hat es allerdings auf die Compilation geschafft. „Die Lizensierungprozesse sind das Anstrengendste. Man muss Sachen finden, die man entspannt lizensiert bekommt. Da sind dann auch leider Dinge passiert, aufgrund derer wir Tracks nicht lizensieren konnten. Aus dem Pulk an Stücken habe ich dann den Mix gemacht. Dass das alles so beim ersten Take geklappt hat, war Glück. Das hätte auch voll nach hinten losgehen können“, erzählt er lachend. Abgesehen von kleineren Feinjustierungen entstand aber schon bei der ersten Session im Studio ein Mix, der die selbst gesetzten Ziele erreicht. Die Musik von Ripperton, DJ Nature, Sébastien Tellier, Ayala und Twit One fügt sich zu einem sanften, aber prägenden Konstrukt zusammen, das als Paradebeispiel für Storytelling in einem Mix funktioniert. Geschickt spielt Till mit Spannungsbögen, dem klaren Aufbau und den ungewohnten Wendungen durch ausgefallene Tracks, die meist fernab des typischen Clubsounds liegen. Die „Suol Mates“-Compilation diente Till auch als Vorbereitung für sein Album, das nächstes Jahr kommen soll. Dafür produziert er im Moment viele Tracks und denkt über mögliche Kollaborationen nach. Gleich steht jedoch erstmal der nächste Auftritt an, in der glühenden Abendsonne auf der See-Bühne des Aerophilia Festivals.

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