Als gestandener Kitesurfer weiß Jan Fischer (37) mit ordentlich Wind um den Ohren umzugehen, dass er seine Fähigkeit jedoch einmal dafür verweden müsse, die nicht zu erahnende Coronawelle zu reiten, wäre ihm vor Monaten jedoch im Traum nicht eingefallen. Die letzten zwölf Jahre hat er im Ticketing und Botschaftermanagement verschiedener Event-Startups gearbeitet wie z. B. bei Eventbrite, Ticketscript oder Pollen. Viele kennen ihn auch noch als DJ unter dem Namen Moses, unter dem er auch als Kolumnist für das FAZEmag aktiv war (“Moses hat gesprochen”). Aufgrund der momentanen Auswirkungen auf die Event-Branche, wollte sich Jan nicht nur tatenlos den besorgniserregenden Konsequenzen ergeben, sondern das Ruder in gewisser Weise rumreißen. So kam er auf die Idee, die Plattform #weareyoursummer zu gründen um nicht nur ihm selbst, sondern allen Beteiligten in der Event- und Festivalbranche Gehör zu verschaffen und darauf aufmerksam zu machen, was die Coronakrise eigentlich für unsere Szene bedeutet.

Wie ist die Idee zu #weareyoursummer entstanden und wer steckt dahinter?

Mir kam die Idee tatsächlich an einem Freitagabend, nach einem Call mit meinem ehemaligen Arbeitgeber über mögliche Initiativen, die man ergreifen könnte, um seinen Kunden einen Mehrwert zu bieten. Das war mir alles irgendwie zu wenig und ging mir nicht weit genug. Ich selber bin nun seit 15 Jahren im Eventbereich tätig und habe soviel mit meinen Kunden und Partnern gesehen und erlebt, das verbindet und ich möchte der Szene etwas zurückgeben. In drei Tagen, quasi übers Wochenende, habe ich dann ein kleines Team zusammengetrommelt und wir haben völlig jungfräulich losgelegt. Das Konzept ist nahezu dasselbe, das ich von Anfang an im Kopf hatte und wurde mit ein paar kleinen Anpassungen und Änderungen umgesetzt. Mit Dennis und Fabian habe ich ein sehr starkes Team, das sich mit WordPress und PHP gut auskennt und zudem noch den kreativen Kern des Projektes bildet. Die beiden kommen gar nicht aus der Branche, sondern sind einfach Fans und Gäste auf verschiedenen Festivals mit der klaren Motivation, ihre Lieblingsevents am Leben zu halten. Das finde ich unglaublich symphathisch und es macht wirklich viel Spaß deren Energie zu bündeln. Mit Anna Kuhn haben wir uns tief mit Viva con Agua verzahnt und sie ist der kreative Kopf, die mich in meinen Entscheidungen oft ganz schön vor sich her treibt. Ihre Erfahrung im Non-Profit-Bereich sind unschlagbar. Neben dem Kernteam arbeiten natürlich noch viele Freunde mit, Mark z. B. ist ein Ex-Kollege, der sein Netzwerk mitbringt und meine Freundin hält mir mit meiner kleinen Tochter den Rücken frei. Es ist ein eben ein unbezahltes Leidenschaftsprojekt.

Was genau möchtest du mit der Plattform bewirken?

Nun, unser Sommer ist ein Festivalsommer, der dieses Jahr voraussichtlich nicht stattfinden kann. Über die Jahre habe ich viel Unmut, aber auch viel Leidenschaft da draußen gesehen. Zum einen gab es die, die sich über steigende Eintrittspreise beschwerten und zum anderen die, die ihren Jahresurlaub auf Festivals verbrachten. Long story short: Wir alle wissen, dass sich ein Festival oder ein Event, ob es nun Konzert oder Club ist, nicht ohne die Mithilfe von vielen verschiedenen Berufsgruppen veranstalten lässt. Das geht ja vom Catering über den Typen der die Dixi-Klos abpumpt bis hin zum Security der dich per se immer zum falschen Eingang lotst (lacht). Da sind Marketingmanager, die mit Ticketingmanagern die Vorverkäufe planen, da sind Booker die die Künstler buchen, Leute für Einlasskonzepte, Bühnenbauer und Toningenieure. Ich wäre morgen nicht fertig, müsste ich alle involvierten Berufsgruppen benennen. Der Gast sieht aber immer nur den Artist. Ich möchte der Industrie hinter dem Künstler ein Gesicht geben und jedem die Möglichkeit geben, seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Wir arbeiten alle in einer Industrie aus Freelancern, Scheinselbstständigen und kleinen Firmen die auf die Aufträge angewiesen sind. Der Markt ist so volatil, dass die Coronakrise wie eine Lawine durch die Eventbranche rollt und das Ende ist nicht in Sicht. Ich hoffe, dass wir viele interessante Menschen und Geschichten auf die Plattform bekommen und Menschen miteinander verknüpfen können. Vielleicht erwächst daraus ja etwas neues.

„Kultur ist kein dekorativer Luxus“, mit diesen Worten kündigte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters am 17. März diesen Jahres Hilfen für die Kultur- und Kreativwirtschaft an. Warum bedarf es deiner Meinung nach erst einer Krise wie der momentanen um das Bewusstsein dafür in der breiten Bevölkerung zu sensibilisieren?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er sieht erst was er hat, wenn man es ihm wegnimmt. In einer Zeit des Überflusses merkt man seinen eigenen Luxus halt einfach nicht. Nun sitzen wir alle zu Hause, dürfen uns nur noch mit der Familie und einer anderen Person treffen, Sportstätten sind geschlossen, Clubs und Bars haben dicht und ein Festivalsommer steht in den Sternen. Sozialisierung ist ja ebenfalls ein Teil unserer Menschlichkeit. Wir wollen mit Unseresgleichen da draußen tolle Dinge erleben und dieser Einschnitt ist schon ziemlich derbe. Es gilt nun ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was uns wirklich wichtig ist und Kultur zu retten, so lange es noch möglich ist. Mir gehen die Hilfen hier auch noch nicht weit genug.

Welche Konsequenzen müssen aus den Erkenntnissen der jetzigen Situation unserer Branche konkret gezogen werden?

Ich denke, dass wir auf beiden Seiten etwas im Überfluss gelebt haben und uns so auch gegenseitig in eine Sackgasse geführt haben. Die Veranstalter glaubten in vielen Fällen, dass das Publikum die große Bühne und den teuren Superstar braucht, die Fans hingegen wurden so auch darauf konditioniert, das eine beeindruckende Bühne mit beweglichen Elementen auf dem teure DJs auf Feuerwerk synchronisierte Sets spielten, das Nonplusultra ist. Es werden nicht mehr die gleichen großen Gagen bezahlt werden können und ich denke, viele Clubs werden wieder mehr ihre Locals und Residents fördern müssen. Da muss einfach ein andere Qualität und Leidenschaft her.
Die kleinen Boutique-Festivals mit den lokalen Künstlern und der treuen Fangemeinde werden erstarken, sofern es sie dann noch gibt. Clubs und Events müssen sich einfach nachhaltiger aufstellen.

Welche Sparte leidet deiner Meinung nach am stärksten unter den Folgen des Coronavirus?

Die großen Major-Festivals sind ja mittlerweile sehr gut durchinvestiert. Die werden eine Saison überleben können. Bei den kleineren Festivals sieht das aber schon wieder ganz anders aus. Dazu kommt der ganze Dienstleistungsmarkt. Die ganzen Subunternehmer und Freelancer, die Bühnenbauer. Die ganze Personengruppe die die Events aus dem Boden stampfen, stehen komplett ohne Aufträge da. Ich habe mit Messebauern gesprochen die aus Verzweiflung der VW-Bus-Gemeinde anbieten, ihre Busse auszubauen um neue Umsatzquellen zu schaffen. Kurzarbeit und die staatlichen Hilfen sind hier ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein oder gehen einfach komplett an der Realität vorbei. Absurdes Beispiel: Ein Equipmentverleiher kann natürlich seine Leute kündigen, bzw. in Kurzarbeit schicken, um seine Kosten zu drücken, aber die Armada an Leasingfahrzeugen, die bis vor wenigen Wochen ja noch in konstantem Einsatz waren, kann er nicht in Kurzarbeit schicken. Hier kann er die Leasingbeträge vielleicht stunden aber die Kosten fallen ja trotzdem irgendwann an und müssen aufgeholt werden und stand heute wissen wir nicht, wann dort wieder Aufträge ankommen.

Wie sieht das weitere Vorgehen von #weareyoursummer aus?

Wir haben die Seite innerhalb von drei Tagen aus dem Boden gestampft und sind erschlagen von dem Feedback an Partnern. Neben euch arbeiten wir ja auch mit Warner Music, Fritz Kola, Viva con Agua, Goldeimer und Sunshine Live zusammen. Auch Björn Torwellen supportet mit seiner Musikschule SINEE. Hier kommen sicher noch weitere Partner dazu und wir werden jetzt noch mehr Awareness schaffen durch Presse oder die allseits beliebten Twitch-Streams verschiedener Magazine und Blogs. Wir starten ausserdem eine Interviewreihe mit den Protagonisten die ihr Bild bei uns hochgeladen haben und streuen deren Stories über unsere Social Media Kanäle. Es gibt da noch ein paar verwaschene Ideen, gemeinsam mit TV und Partnern eine Doku zu drehen und die Menschen der Szene über die Coronakrise hinweg zu begleiten – da ist aber noch nichts in Stein gemeißelt. Unser Ziel ist es jetzt vorrangig erstmal die Initiative bekannt zu machen und so viele Stories und Profile wie möglich zu erzählen um Awareness für die Branche zu schaffen. Uns ist es sehr wichtig keine Spenden anzunehmen oder zu verlangen, das können andere besser und wesentlich zielgerichteter.

Welche Rolle kann #weareyoursummer auch in Zukunft nach der Krise einnehmen?

Es gibt und gab verschiedene Ideen, ich denke aber das wir grundsätzlich erst einmal sehr vorsichtig sein müssen. Wir sind eine Non-Profit-Initiative, die der Eventbranche ein Gesicht geben will, nicht mehr und nicht weniger. Sobald diese Krise vorüber ist, könnte #weareyoursummer dazu dienen, sich neu zu vernetzen und die Drähte der Branche neu zu ziehen, eine Art gelbe Seiten der Eventbranche zum Beispiel. Vielleicht entsteht aber auch durch die Menge an Know-How die auf der Seite zusammenkommt ein neuer kreativer Output, ein Benefiz-Festival zum Beispiel? Das steht alles noch komplett in den Sternen und wir werden hier alle mit einbeziehen die sich auf der Seite befinden oder daran mitarbeiten.

 

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