„Sorry, we´re closed“
Diese Schilder hängen sinnbildlich vor jedem Club. Nahezu weltweit hat der Virus-bedingte Shutdown der internationalen Party-Industrie den Stecker gezogen. Die Corona-Krise: die größte Herausforderung für die Betreiber. Ein Kampf über Leben und Tod der jeweiligen Location. Und die Crowd? Muss zuhause verharren und abwarten, wann die Lockerungen des Lockdowns so weit gelockert werden, dass sich die Pforten der Clubs wieder öffnen dürfen. Aber: Jede Krise hat auch ihre Chancen. Und so machte man sich mit der Plattform „United We Stream“ die Not zur Tugend und kreierte ein Feierkonzept für Home-Sessions. Los ging es in Berlin, wo die Idee entstand, reifte und schließlich in die Tat umgesetzt wurde. DJs, Acts und Artists aus dem Underground spielten ihre Sets. Live aus den heimischen Wohnzimmern. Oder auch im leeren Club, wie den Berliner Kult-Locations Watergate, Tresor, Kater Blau, Zur Wilden Renate. Der Erfolg und die Streaming-Reichweiten waren so enorm groß, dass sich nahezu täglich die Liste der Lokalitäten erweiterte. Von Berlin ging es nach Deutschland. Gefolgt von Europa. Und mittlerweile – und wir reden hier von mehr als zwei Monaten „Closed Community“ – spielen DJs aus der ganzen Welt. Für die ganze Welt. Dank des World Wide Webs können die User aus allen Kontinenten live dabei sein, bei den Konzerten und Shows der Künstler. Seit Stunde Null ist auch der deutsche Kultursender ARTE an Bord, der im Rahmen von „ARTE Concert“ täglich den Livestream auf seinen Kanälen überträgt. Wir haben mal einen Blick hinter die Kulissen geworfen und direkt an der Quelle nachgefragt. Lest hier ein Interview mit Paul Gengenbach von ARTE.

 

Gib unseren Lesern doch bitte einen kurzen Überblick: Wer bist du, was ist deine Funktion bei ARTE und was ist dein beruflicher Background?

Ich bin Redakteur bei ARTE Deutschland und dort für „ARTE Concert“ zuständig. Ich kümmere mich um die Koordination und Betreuung der deutschen Programmbeiträge zu unserem Angebot, die in Zusammenarbeit mit den ARD-Anstalten und dem ZDF entstehen. Bevor ich zu ARTE Deutschland kam, habe ich Geschichte und Germanistik in Freiburg und Bordeaux studiert und nebenher unter anderem als Fotograf auf Musikfestivals und Konzerten gearbeitet.

Wie würdest du das Konzept „ARTE Concert” jemandem erklären, der davon noch nie gehört hat?

„ARTE Concert“ ist die Plattform für Livemusik im Internet. Von Klassik bis Jazz, von Hip-Hop bis Techno decken wir so ziemlich jedes Musikgenre ab, das man sich vorstellen kann. Diese programmliche Vielfalt ist unser Alleinstellungsmerkmal. Bei uns kann man sich ein Heavy-Metal-Konzert ansehen und direkt danach eine Beethoven-Sinfonie. Oder umgekehrt. Unser Fokus liegt dabei auf Live-Übertragungen von Konzerten. Wir zeigen aber auch Aufzeichnungen von legendären Shows aus der Vergangenheit, wie The Rolling Stones in Havanna. Zur Zeit haben wir mit „Hope@home“ auch ein sehr persönliches Format online, bei dem der Geiger Daniel Hope mit verschiedenen Gästen in einen künstlerisch-musikalischen Austausch tritt. Absolut empfehlenswert!

Was ist der Unterschied zwischen “ARTE” und “ARTE Concert”? Und welche Zielgruppen wollt ihr ansprechen?

„ARTE Concert“ ist das Musikangebot von ARTE. Insofern unterscheiden wir uns nicht, wir gehören dazu. Innerhalb der ARTE-Zielgruppe sprechen wir natürlich insbesondere die Musikfans an.


Wie unterscheidet ihr zwischen der regulären Ausstrahlung im „ganz normalen Fernsehen” und dem Stream im Internet?

Kaum noch, zumindest was die Produktionsstandards angeht. Natürlich gibt es Unterschiede – administrativ, technisch, inhaltlich. Aber von der Tendenz nähern sich beide Welten immer weiter an. Viele unserer Programme finden ja auch den Weg ins TV, nachdem sie vorher live gestreamt wurden. Aber auch die Programme, die eigentlich fürs TV produziert wurden, werden von unseren Zuschauern online gerne angenommen.

Tina Turner, Queen und The Rolling Stones. Aber auch der bereits erwähnte Daniel Hope, ein gewisser Ludwig van Beethoven und ein Bertolt Brecht. Ist die Vermutung richtig, dass Rock-Konzerte eine höhere „Einschaltquote” erzielen als beispielsweise klassische Theater- und Opern-Aufführungen?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Wir haben eine große und sehr treue Klassik-Community bei „ARTE Concert“. Unsere „Saison ARTE Opéra”, an der zahlreiche große Opernhäuser beteiligt sind, läuft auch sehr erfolgreich. Aber klar, wenn wir Rammstein oder Iron Maiden auf der Plattform haben, kommen die Server schon mal gerne ins Schwitzen.

Welchen Stellenwert hat die (inter-)nationale Clubkultur für ARTE?

Popkultur – und dazu würde ich im weitesten Sinne auch die Clubkultur zählen – wird bei ARTE schon immer ausführlich im Programm gewürdigt. Zum Beispiel mit unserem Popkulturmagazin TRACKS, das seit über 20 Jahren seinen festen Platz im Programm hat. „ARTE Concert“ gibt es noch nicht ganz so lange, aber auch hier haben wir seit vielen Jahren regelmäßig Programme auf der Plattform, die der Clubkultur zugeordnet werden können. Teils machen wir das mit eigenen Formaten wie „Paris X Berlin”, das wir im letzten Jahr anlässlich des zehnten Geburtstags von „ARTE Concert“ gemacht haben, teils aber auch mit großen Veranstaltungen wie der Time-Warp und dem Melt Festival – oder eben jetzt mit United We Stream.

Gutes Stichwort. Seit Mitte März habt ihr „United We Stream” in eurem Angebot. Wie kam es zur Zusammenarbeit und was hat euch an diesem Projekt gereizt?

Wir sind auch schon länger mit verschiedenen Formaten in den Berliner Clubs unterwegs, zum Beispiel mit „Hallo Montag” in der IPSE oder mit „Berlin Live“ im SchwuZ. Durch diese Kontakte erreichte uns dann aus dem Umfeld der Berliner Clubcommission diese Idee, die wir von Tag 1 des Lockdowns gemeinsam mit dem RBB und dem ZDF unterstützt haben. Die Botschaft ist, dass die Clubkultur weiterlebt, auch wenn die Clubs geschlossen haben. Dieses Lebenszeichen senden wir nun seit Beginn des Lockdowns jeden Abend in die Welt. Unsere Hoffnung ist natürlich auch, dass wir damit einen Beitrag zum Überleben der Clubs leisten, für die die aktuelle Situation nach wie vor eine existentielle Bedrohung darstellt.

Die Idee zu „United We Stream” entstand in Berlin. Inwieweit wart ihr von ARTE an der Konzeption beteiligt und wie sieht die Zukunft des Projektes aus? Glaubst du, das Interesse wird nachlassen, sobald die Clubs und Konzerthallen wieder regulär geöffnet haben?

Die Idee kommt von der Clubcommission in Berlin. Wir haben vor allem einen Rahmen geschaffen, in dem das Projekt bei uns laufen kann. Inhaltlich haben in erster Linie die Clubs selbst das Programm gestaltet – was sehr spannend ist! So ist das Projekt nicht nur Fundraising und Unterhaltung, sondern gleichzeitig eine Tour d’Horizon über die Vielfalt der Clubkultur in Berlin und darüber hinaus, die ja nicht selten hinter verschlossenen Türen und vielleicht noch verschlosseneren Türstehern stattfindet.
Der Blick in die Zukunft ist natürlich im Moment nicht ganz einfach, aber wenn irgendwann die Clubs und Venues wieder regulär öffnen dürfen, wäre das wahrscheinlich irgendwie auch das natürliche Ende von „United We Stream“. Aber wer weiß, vielleicht entstehen dann daraus neue Ideen und Projekte. Wir sind gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

„United We Stream” erobert von Berlin aus Deutschland. Europa. Und die Welt. Wie erklärst du dir den enormen Erfolg?

Das Projekt hat einen Nerv getroffen. Die Clubkultur ist nicht erst seit gestern weltweit vernetzt, die Pandemie trifft alle sehr hart. Der Solidaritätsgedanke, der hinter diesem Projekt steht, ist ebenso ansteckend wie das Virus selbst, weshalb in so kurzer Zeit so viele verschiedene Akteure mit an Bord gekommen sind. Wir freuen uns bei dieser Gelegenheit übrigens ganz besonders, dass nun, nach den ersten Lockerungen in Frankreich, endlich auch Paris, Lyon, Marseille und weitere Städte in Frankreich mit von der Partie sein werden. Da bekommen wir noch sehr viel tollen Content zu sehen!

Die Künstler bei „United We Stream” erzielen dank eurer Übertragung eine große mediale Reichweite. Jedoch bekommen sie keine Gage im üblichen Sinn. Die User können allerdings spenden. Gibt es hier eine Art Verteilerschlüssel, welchen Anteil der DJ und welchen der Club erhält?

Wir sind selbst an der Spendensammlung nicht beteiligt. Das organisieren die Clubs selbst, wir helfen bei den Produktionskosten der Streams und hoffen, dass wir das Projekt so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen können.

Was hältst du von der „Reinkarnation” der Autokinos?

Das ist eine lustige Nebenwirkung dieser Krise und zeigt, wie wichtig den Menschen Kunst und Kultur auch außerhalb des virtuellen Raums sind. Es braucht einfach das Event, es braucht dieses Gemeinschaftsgefühl. Um das zu erzeugen, sind Autokinos keine schlechte Idee. Wir waren ja bei den ersten Autokinokonzerten mit Alligatoah und Sido in Düsseldorf live dabei. Natürlich war es zunächst etwas seltsam und ungewohnt. Aber wenn dann alle im Takt hupen und ihre Warnblinker blinken lassen, kommt fast schon wieder dieses gemeinschaftliche Gänsehautgefühl auf, das man von den großen Konzerten und Festivals kennt, und das wir alle derzeit so schmerzlich vermissen.

Hier ein Auszug der bisher teilnehmenden Clubs:
Tresor, Watergate, Kater Blau, Griessmuehle, Ipse, Zur Wilden Renate, SchwuZ, Sisyphos, Uebel & Gefährlich, Fridas Pier, Die Rakete, Harry Klein, Pacha München, Suicide Circus, ://about blank, Mensch Meier, Golden Pudel Club, Holzmarkt, Hardwax, ACUD, Waagenbau, SO36, Distillery, Loft, Hafen 49, KitKatClub, Radion, Golden Gate, Gewölbe

Hier ein Auszug aus dem bisherigen Line-up:
Monika Kruse, Claptone, GHEIST, Martin Eyerer, Pan-Pot, Ellen Allien, Roman Flügel, Mathew Jonson, Bebetta, Dapayk Solo, Niconé, Dirty Doering, Sascha Braemer, The Knife, Helena Hauff, Karotte, Anna Reusch, Konstantin Sibold, La Fleur, Gregor Tresher, DJ Hell, Dexter, Tanith, André Galluzzi, Marusha, Dominik Eulberg, Monolink, Marcus Meinhardt, Digitalism, Robag Wruhme, Felix Kröcher, Matthias Tanzman, Juliet Sikora, Michael Mayer

Safe the Clubs! Wenn ihr zur Erhaltung der Clubszene einen kleinen (oder gerne auch großen) Beitrag leisten wollt, könnt ihr einen Obolus spenden. Informationen hierzu findet ihr auf den zu Beginn genannten Websites.

 

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www.arte.tv/arte-concert
www.unitedwestream.org