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Margeir Ingólfsson hat es in der Regel nicht weit zum Arbeitsplatz. Viele Clubs sind fußläufig zu erreichen und auch wenn er auf in wenigen Tagen im Konzerthaus Harpa auf dem Sónar Reykjavík auflegen wird, muss er nur ein paar Hundert Meter zurücklegen. So klein und kompakt sich die isländische Hauptstadt präsentiert, ihr Ruf als Musikmetropole ist umso größer und lockt immer mehr Menschen aus ganz Europa auf den Inselstaat im Norden des Kontinents. Das dieser Ruf weiter zementiert wird, dafür sorgt eine kaum stoppender Quell an Acts und eine höchst aktive Partyszene. Margeir hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit in seiner Stadt geleistet, mit 16 hatte er seinen ersten DJ-Job und versorgte als einer der ersten die damalige Crowd mit elektronischen Klängen. Neben seiner Tätigkeit als DJ ist er auch Kompagnon von GusGus‘ President Bongo. Zusammen sind die beiden Gluteus Maximus und haben sich mit ihren ausgefallenen Live-Shows eine große Fanschar zugelegt. Zudem ist er auch für die Compilation-Reihe „Blue Lagoon“ verantwortlich, benannt nach dem Spa und Wellnessbad in der Nähe Reykjavíks. Im letzten Jahr kam der dritte Teil raus, gefeiert wurde das natürlich direkt vor Ort.


Erinnerst du dich an deinen ersten Besuch in der Blauen Lagune?
Ja, ich bin dort sehr früh als kleiner Junge mit meinem Großvater gewesen. Er hatte Schuppenflechte und das Wasser hat ihm sehr geholfen. Wir waren ziemlich oft da.

Wie ist die Idee mit der Compilation entstanden?
Schon damals kam mir der Ort sehr magisch vor. Noch magischer als heute. Damals war es noch einfach ein offen zugänglicher Ort, kein Spa oder sonst etwas. Einfach nur das Wasser, das Kraftwerk und überall der Nebel, der Dampf des Kraftwerks. Ich erinnere mich daran, als ich dort herumschwamm, dass es doch toll wäre, wenn man dieser einzigartigen Kombination noch Musik hinzufügen würde. Ich denke, das war der Moment, als die Idee geboren wurde. Und nun sind fast zehn Jahre vergangen, seit wir die erste Compilation veröffentlicht haben, die ein großer Erfolg war, Gold-Staus erreichte und mittlerweile komplett ausverkauft ist.

DJ_Margeir_bl-25Wie und wann hast du angefangen aufzulegen? Und wie war damals die Situation in Reykjavik?
Nun, als ich mit dem Auflegen begonnen habe … das war vor 25 Jahren! Da gab es noch nicht wirklich so etwas wie DJ-Kultur. Jeder wollte Gitarre spielen. Alle coolen Typen wollten verrückte Gitarrensolos spielen, wie ihre 80er Jahre Helden. Aber ich war irgendwie fasziniert von der Mixerei, wie man zwei Platten ineinander mischt. So beschloss ich das Handwerk zu lernen und verbrachte unzählige Stunden mit grauenhaftem Equipment.
Als ich 16 Jahre alt war, entdeckte ich in der Zeitung eine Anzeige. Ein Hotel suchte einen DJ und ich bewarb mich, obwohl ich eigentlich viel zu jung war und keine Erfahrung hatte. Ich hatte auf Schulpartys ab und an aufgelegt, aber niemals professionell. Doch bald darauf wurde der Hotel-Club zum beliebtesten Club ind der Stadt – mit mir an den Decks!
Damals musste ich elektronische Musik auf dem Dancefloor noch richtig fördern, dabei aber sehr geduldig sein. Obwohl ich dafür bereit war, sie Crowd war es noch nicht. So musste ich sie anfangs mit Musik von bekannteren Bands wie The Cure, Depesche Mode oder Talking Heads mischen.

Was für Vorbilder hattet du, als du angefangen hast aufzulegen?
Als ich klein war, waren meine musikalischen Helden Wham (lacht). Das ging so weit, dass ich sogar Bettwäsche mit George und Andrew hatte.
Aber als ich anfing aufzulegen, waren meine Vorbilder die besten HipHop-Gruppen dieser Zeit: Eriuc B. & Rakim, Public Enemy, NWA und Jungle Brothers.

Welche deiner Gigs haben sich in besonders in deinem Gedächtnis festgesetzt?
Da gibt es schon einige … z.B. Secret Island in Schweden, auf dem Gipfel der Esja, dem Hausberg von Reykjavik, auf dem Eiffelturm … und natürlich in der Blauen Lagune, was immer sehr besonders ist. Im letzten Mittsommer hatte ich zuletzt einen großen Gig dort, der sehr besonders und magisch war – und ausverkauft!

Die isländische Musikszene wird in Europa und im Rest der Welt immer populärer, Was ist das Geheimnis eures Erfolges?
Als Klischee müsste wohl herhalten, dass die Kollision aller Extreme unserer Natur uns inspiriert, aber es ist viel einfacher. Ich glaube, unser kleines Geheimnis ist, dass wir viel Musikschulen im ganzen Land verstreut haben, in jedem kleinen Dorf.
Und sogar Leute, die diese Schulen nicht besucht haben, wie z.B. ich, wollen in einer Band spielen. Ich glaube auch, dass ein Zitat von Einar Örn (Ghostdigital & The Sugarcubes) uns sehr inspiriert hat: „Es ist egal, ob du weißt, wie es gemacht wird, es zählt nur, dass du es machst.“

Es ist die dritte Sonar-Ausgabe in Reykjavik, wie waren deine bisherigen Erfahrungen mit dem Festival?
Sonar ist mit Abstand mein Lieblingsfestival in Island. Schließlich wird meine Leidenschaft, elektronische Musik, dort sehr geschätzt – nicht nur von den Festivalbesuchern, sondern auch von den Behörden. Vom Stadtrat, der Reisebranche und darüber hinaus. Alle meine Gigs dort waren unglaublich, sowohl meine DJ Gigs in Reykjavik und auch in Barcelona als auch die Live-Shows mit Gluteus Maximus, die unser Profil ungemein geschärft haben.
Und ich freue mich so sehr auf meinen Gig auf dem Sónar Kopenhagen im März!

In den letzten Jahren sind mehr und mehr Touristen nach Island gekommen. Sonar Reykjavik ist noch ein ziemlich junges Festival und mit dem Secret Solstice kam im letzten Jahr eine weiteres mit Schwerpunkt auf elektronischer Musik dazu. Wie siehst und bewertest du diese Entwicklung?
Ich finde es toll, das Menschen von Auswärts unser Land mehr und mehr zu schätzen wissen. Nicht nur die Natur, die natürlich sehr spektakulär ist, sondern auch unsere Kultur – vor allem unsere zeitgenössischen Künstler. Wir sollten die Besucher Willkommen heißen und auch versuchen von ihnen zu lernen. Aber wir müssen auch vorsichtig sein, indem wir unser Stadtzentrum bewahren und die Anzahl der Hotels limitieren müssen – viele neue ersetzen wichtige Clubs und Konzert-Venues. Wer möchte schon eine Stadt besuchen, in der es nur Hotels, Souvenir Shops und sonst nicht gibt?
Ich als Musiker und Musikfan feier die neuen Festivals, die versuchen sich zu etablieren. Wir haben nun vier sehr wichtige Festivals in der Stadt: Iceland Airwaves, Sónar Reykjavík, Secret Solstice und ATP (All Tomorrow’s Parties).

Zusammen mit Bongo bist du auch als Gluteus Maximus (lateinisch für großer Gesäßmuskel) aktiv. Erzähle uns ein bisschen darüber. Wann ging es los und wie kam es zu dem lustigen Namen?
Wir sind schon sehr lange befreundet und Geschäftspartner. Eines Tages kam dann dieser Name zu uns … und wir mussten irgendwas damit machen. 2007 starteten wir langsam, machten hier und da einen Remix. Wenn ich so darüber nachdenke, haben wir diesem Projekt nie unsere hundertprozentige Aufmerksamkeit gewidmet.
Aber langsam haben wir mehr und mehr Anstrengungen in Gluteus Maximus gesteckt und vielleicht kommt bald auch ein Album?
Der Name ist typisch für unseren schrägen Sinn für Humor – aber dennoch ist die Botschaft klar: Wenn du tanzen möchtest, musst du an deinem Po arbeiten!

Die Live-Gigs sind sehr amüsant und beinhalten neben der Musik auch artistische Elemente oder Gewichtheben der humoristischen Art.
Ja, das nennt man Entertainment, wir versuchen unser Bestes zu geben! Es gibt nichts Langweiligeres als zwei Jungs, die auf einen Bildschirm schauen. Nun, es sei denn man heißt Kraftwerk.

Wie sieht deine Freizeit aus, was machst du, um dich von Gigs zu erholen?
Leider habe ich nicht allzu viel Freizeit. Die verbringe ich aber dann mit meinen beiden großartigen Söhnen – oder ich mache ein paar Yoga- und Pilates-Übungen für meinen Gesäßmuskel.

Ein paar Tipps für Besucher des Sónar-Festivals, was sie sich in und um Reykjavik anschauen oder besuchen sollten?
Eins der heißen Bäder in der Stadt besuchen (Vesturbæjalaugaund Sundhöllin sind meine Favoriten), mit den Einheimischen in Kontakt treten und auf die Esja wandern.

In den letzten Jahren hattet ihr mit Jón Gnarr einen sehr ungewöhnlichen und charismatischen Bürgermeister in Reykjavik. Er ist Komödiant, Schauspieler und hat seine Wurzeln im Punk. Er trat nicht zur Wiederwahl an. Glaubst du, dass er es auf das Amt des Präsidenten abgesehen hat?
Ich hoffe es sehr! Wir brauchen einen Wechsel. Unser aktueller Präsident ist zu lange in diesem Amt, das ist nicht gesund. Er gehört zu einer Gruppe umstrittener Führer, die nicht aufhören werden zu regieren – so wie Ali Khamenei und Robert Mugabe. Noch Fragen?
Und ich glaube, dass Jón gute Chancen hat gewählt zu werden. Ich habe jede Minute seiner Amtszeit als Bürgermeister genossen, weil er eben nicht der typische Politiker ist, sondern lustig und gleichzeitig sehr aufrichtig. Er hatte kein Scheu Fehler zuzugeben und sich dafür zu entschuldigen. Und manchmal hart er auch einfach gesagt, dass er keine Antwort für etwas hat und was zu tun ist.

Wie sehen deine weiteren Pläne für 2015 aus?
Ich plane ein paar schöne Reisen, sowohl privat als auch als DJ. USA, Kanada, Sónar in Kopenhagen, G! Festival (Färoer), Secret Island in Schweden plus ein paar Abenteuer in Indochina.
Und ich hoffe, dass wir Zeit finden, um unser Gluteus Maximus-Album fertigzustellen. Aber keiner drängt uns, außer wir selbst. Es gibt also keinen grund zur Eile. Es kommt, wenn es kommt. / Tassilo Dicke

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