Jane Kindermann arbeitet seit vielen Jahren als erfolgreiche Bookerin und Künstler-Betreuerin. Als Mitglied von Booking United, einem Zusammenschluss von Agenturen und Künstlern, verfügt sie zudem über ein umfassendes Blickfeld auf aktuelle Geschehnisse innerhalb der Club- und Veranstaltungs-Szene. In ihrer Kolumne für das FAZEmag macht sie auf das Leid vieler Beteiligter aufmerksam und bemängelt eine politische Kurzsichtigkeit, die vieles noch schlimmer macht, als es sowieso schon ist:

 

“Nichts polarisiert im Sommer 2020 so sehr, wie die Diskussion um Veranstaltungen und Clubs. Politiker reden von “Exzessen” und befinden: “Jetzt ist keine Zeit für Party”. Stichwort: Superspreader. Ja, es ist richtig, vor Menschenmassen in geschlossenen Räumen zu warnen und Verbote und Gebote auszusprechen. Nicht richtig ist allerdings die Wortwahl der Politiker und die Übernahme der Floskeln durch die Medien. Wenn man nur oft genug betont, dass es gute Events (Sitzkonzerte, Theater, Literaturcafés und Kinovorführungen) und schlechte Events (die, wo getanzt wird) gibt, dann gewöhnt sich die Gesellschaft schnell an diese Unterscheidung.

Als Mitglied von Booking United, einem Zusammenschluss von Agenturen und Künstlern, bekomme ich häufig zu hören, dass Club- und Festivalgänger per se unverantwortlich und zu keinerlei Anpassung fähig seien. Dabei wedelt die Politik hier mit Vorwürfen, die sie nicht belegen kann. Sie weigert sich, einen detaillierten Blick auf unsere Szene zu werfen und begreift somit nicht, was wir versuchen während dieser Pandemie zu ermöglichen.

Zahlreiche Veranstalter haben keine Steine, sondern ganze Mauern in den Weg gestellt bekommen, um ja kein Event – selbst unter strengsten Hygiene-Bedingungen – auf die Beine stellen zu können. Auch die Bevölkerung stellt sich, dem Medienecho entsprechend, quer und positioniert sich gegen uns. Gleichzeitig werden aber Hochzeiten, Taufen, Schuleinführungen und Urlaubspartys gefeiert – oftmals indoor, ohne Gästeliste und Mindestabstand. Selbst in riesigen Fleischfabriken, wo sich Tausende Mitarbeiter infizieren, wird der reguläre Betrieb (wohlwollend) nach 14 Tagen fortgesetzt.

Guter Club – schlechter Club, gute Veranstaltung – schlechte Veranstaltung, diese Unterscheidung wird aktuell nicht anhand der Qualität und der verlässlichen Sicherheit getroffen, sondern anhand des politischen Geplänkels. Dass an den einzelnen Veranstaltungen rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze hängen, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Künstler fühlen sich unwohl und gegeißelt als Verantwortliche für die Weltgesundheit. Agenten stehen vor roten Zahlen und einer 0-Perspektive. Die Existenzen von Tontechnikern, Bühnenbauern, Stage-Managern und etlichen weiteren Berufsgruppen stehen auf dem Spiel.

Die Politiker betonen allzu gerne, dass Grundsicherung und Hilfspakete bereitstehen. Man müsse sich nur gedulden. Falls dies zu einem Überleben der Kultur führen würde, wären wir damit sicherlich einverstanden. Da wir aber zusehends als Alleinverantwortliche für eine Pandemie gelten, wird die Geduld nun zu einem Wagnis. Der Imageschaden wird immer größer und wenn es so weitergeht, dann werden wir die Clubs und Festivals auch in den kommenden Jahren – wenn es hoffentlich weitergeht – nicht mehr füllen können. Ob Solomun oder Helene Fischer auf der Bühne stehen, spielt dann keine Rolle mehr – die Ränge bleiben leer.

Nichts spricht gegen eine Neuordnung der Branche. Es wird neue Lokalitäten, Clubs und Festivals geben, da viele Verantwortliche die Pandemie finanziell nicht überleben werden. Wogegen allerdings vieles spricht, ist die pauschalisierte Unterscheidung von guter und böser Kultur sowie das voreilige Aufdrücken von Stempeln. Im schlimmsten Falle führt das ehrliche und hart arbeitende Menschen in den Ruin.

Liebe Politiker, liebe Medienvertreter: Bevor ihr das nächste Mal über “böse” Events schreibt und falsche Zahlen zum Ansteckungsgeschehen bei Veranstaltungen verbreitet, denkt doch bitte über eure Wortwahl und die Konsequenzen nach. Es gibt im Land der Dichter und Denker eine neue Generation, die einen großen Anteil am wirtschaftlichen Wachstum hat (sechstgrößte Branche der Bundesrepublik) und Millionen von Menschen mit Kultur, Musik und Erinnerungen versorgt. Ist das denn so schlimm?”

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