
Heute jährt sich die Loveparade-Katastrophe zum 15. Mal. Am 24. Juli 2010 starben auf einer Rampe, die zum Veranstaltungsgelände aus einem Tunnel als Zugang herausführte, 21 Menschen bei einer Massenpanik. Über 650 Besucher erlitten Verletzungen. Viele leiden bis heute unter den psychischen Folgen. Für Angehörige bleibt der Verlust unersetzlich. Der Gerichtsprozess wurde im Jahr 2020 eingestellt. Ein Urteil gab es nicht. Was bleibt von der Loveparade? Was haben wir gelernt? Ein paar Gedanken dazu.
Was ist das Vermächtnis der Loveparade? Was sagt uns ihre Geschichte? Wenn man jüngeren Generationen im Gespräch den Begriff Loveparade nennt, fällt vielen das Unglück von Duisburg ein – nicht die lange Historie in Berlin. Das zeigt: Es handelt sich um ein Geschehen, das im kollektiven Gedächtnis bleibt – und auch bleiben sollte.
Der 24. Juli 2010 – ein Tag, der der Technokultur und der elektronischen Musikwelt niemals in Vergessenheit geraten sollte. Ein Trauma. Ein Tag, der diese Jugend- und Popkultur, aber auch die Veranstaltungsbranche auf den Kopf gestellt hat. An diesem Tag standen die Uhren still – und dennoch lief die Party weiter. Tag null. Plötzlich war alles anders als zuvor.
Die legendäre, bedenkenlose Zeit der 90er- und 2000er-Jahre schien vorbei. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt in der Technogeschichte Europas. Zwei Jahrzehnte lagen zwischen den ersten Underground-Raves in Berlin und dem traurigen Ende der Loveparade in Duisburg. Zwei Jahrzehnte, in denen die Technokultur von einer subkulturellen Underground-Bewegung zum Marketing-Instrument geworden ist.
Anhand der Geschichte der Loveparade kann man diesen Werdegang symbolisch nachzeichnen. War sie einst das Aushängeschild der elektronischen Musik Deutschlands und Europas, eng mit der Berliner Technokultur verknüpft und ein Zeichen dafür, wie elektronische Musik Menschen verbinden kann, verkam sie später zu einem Marketing-Instrument einer Fitnesskette, die davon profitieren wollte.
Rainer Schaller, damaliger Veranstalter und Geschäftsführer von McFit, der die Loveparade aufgekauft hatte, ist inzwischen tot. Er starb am 21. Oktober 2022 vor der Küste Costa Ricas, nachdem er zuvor als vermisst gemeldet wurde. Der Gerichtsprozess zur Loveparade, eines der aufwendigsten Verfahren in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands, wurde ohne ein Urteil, zehn Jahre nach der Katastrophe, im Jahr 2020 beendet. Keiner der Angeklagten wurde schuldig gesprochen. Die Feststellung des Gerichts: eine „Vielzahl von Umständen“ habe die Katastrophe herbeigerufen.
Die Erinnerungsveranstaltung, die Nacht der 1000 Lichter, findet heute zum letzten Mal statt. Es kommen sogar Besucher aus China und Australien. Die Loveparade-Stiftung löst sich auf. Auf dem Gelände der Loveparade entsteht in den nächsten Jahren ein modernes Stadtquartier. Immerhin: Der originale Zugang, die Unglücksstelle, soll so wieder hergestellt werden, wie sie früher war. Nach der Loveparade-Katastrophe wurde der Bereich erheblich verkleinert. Hier geht es zu weiteren Hintergründen.

Doch was wurde aus dem Unglück gelernt? Im Folgenden ein paar Gedanken, vor allen Dingen aber Fragen, die bleiben.
Sicherlich, die Sicherheitsauflagen für Veranstaltungen wurden erhöht, Konzepte angepasst. Doch was hat das Unglück mit der Technokultur gemacht? In Zeiten von TikTok stellt man sich erneut die Frage: Ist Techno ein Produkt oder eine Jugendkultur? Kann in einem kapitalistischen System eine Subkultur, die Massentauglichkeit hat, überhaupt Underground bleiben? Was sind eigentlich die Werte von Techno? Und wer profitiert wie?
Gibt es eigentlich diesen Familiengedanken, den Dr. Motte schon 1992 mit „Der Klang der Familie“ in Bezug auf die Loveparade suggerierte? Oder ist in Wahrheit alles doch viel heterogener, differenzierter, gerade in politisch unruhigeren Zeiten, in denen die Mitte der Gesellschaft immer kleiner wird und auseinandertrifft?
Friede, Freude, Eierkuchen in den frühen 90er-Jahren – diese unbeschwerte Epoche war zum Zeitpunkt der Loveparade-Katastrophe 2010 schon lange vorbei:
Ist Techno am Ende doch nur naives, hedonistisches Sich-Aus-der-Welt-Schießen? Oder ist es Leidenschaft und das Erschaffen einer besseren Welt, in der wir alle in unserer Heterogenität und Individualität trotzdem einen gleichen Nenner haben, weil wir alle die Musik feiern und uns zusammentun?
Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Was Techno und elektronische Musik und deren Kultur sind, das bestimmen wir alle mit – DJs, Konsumenten, Produzenten, Labels, … Manche haben mehr Macht, andere weniger – wie das halt im Kapitalismus so ist. Doch gerade auch die Konsumenten, können durch individuelle Konsumentscheidungen mitbestimmen: Geht man zu dem Gig des DJs nur, weil dieser gerade auf TikTok gehypt wird oder hat man ihn vielleicht selbst irgendwo entdeckt und feiert seine Musik vom Herzen, obwohl er noch gar nicht so bekannt ist? Wir bestimmen als Individuen mit. Aber die Masse auch immer. Und wenn es um Masse geht, geht es auch ganz schnell um Geld – das ist leider auch der Loveparade zum Verhängnis geworden.
Das sind Dinge, die etwa die Fuckparade, die in diesem Jahr übrigens ausfällt, schon in den 90er-Jahren kritisierte, so wie viele ursprüngliche Loveparade-Mitstreiter, denen das Ganze zu Kommerz, zu karnevalistisch, zu sehr Ballermann-like wurde. Selbst Loveparade-Gründer Dr. Motte wandte sich von der Loveparade in den 2000er-Jahren ab. Diese verlor im Jahr 2001 ihre Demonstrationsrechte. Der Anfang vom Ende? Oder war dieser Anfang nicht eigentlich schon viel früher da, als die Loveparade exponentiell wuchs, zum Massenphänomen wurde, sämtliche Marken dort Werbebanner und Trucks hatten, auch wenn sie eigentlich keine Szeneakteure waren?
Und was sagt uns eigentlich eine gigantische Tomorrowland-Bühne, die 15 Jahre nach der Loveparade, glücklicherweise zwei Tage vor Beginn des Festivals und nicht währenddessen, komplett abbrennt? Wäre es beinahe zu so einer ähnlichen Katastrophe wie in Duisburg gekommen? Klar, das sind Spekulationen und ganz andere Umstände. Fakt ist, nachdem die Bühne abgebrannt ist, spielten auf der neuen, kurzfristig aufgebauten Bühne, die DJs wesentlich näher und auf beinahe einer Ebene am und mit dem Publikum. Die Musik und Gemeinschaft waren wieder wichtiger, als höher, schneller, weiter. Ein Weckruf in Zeiten des TikTok- und Social-Media-Hypes der Technokultur?
Anyma spielt „Meet Her At The Loveparade” – näher und direkter am Publikum, nachdem die Giga-Bühne des Festivals abgebrannt ist. Viel mehr Symbolik, als man vielleicht beim einfachen Konsum erwartet?
Und Dr. Motte? Der zeigt mit der Rave The Planet Parade und der dazugehörigen gemeinnützigen Organisation, wie man es besser macht als damals. Der Loveparade-Nachfolger ist keine Marketing-Veranstaltung, kein Festival, sondern eine Demonstration. Rave The Planet setzt sich für die gesellschaftlichen und kulturellen Vermächtnisse der Technokultur und deren Anerkennung ein. Man hat aus der Loveparade gelernt. Das bewies das Team von Rave The Planet in den letzten Jahren eindrucksvoll und hat Großartiges auf die Beine gestellt.
Es zeigt: Es geht auch anders. Man muss es nur in die Hand nehmen. Wo wir wieder an dem Punkt sind, das wir alle irgendwie mitbestimmen oder mitbestimmen können – mal mit kleinem, mal mit großen Einfluss. Rave The Planet hat nicht das Ziel exponentiell zu wachsen oder Profit zu machen – es möchte der Technokultur zugutekommen und diese repräsentieren – mit Szeneakteuren statt mit szenefremden Konzernen. Ob das Modell funktioniert – das wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Denn auch als Demo ist die Rave The Planet Parade aufs Geld angewiesen. Dieses kommt etwa über Crowdfunding zusammen. Die Rave The Planet Parade zeigt: Techno lebt und es gibt immer verschiedene Wege, die Szene zu strukturieren und eine Popkultur zu leben. Eine Kultur, die sich professionalisiert, gleichzeitig aber auch differenziert hat.
Doch was bleibt von der Loveparade? Die Loveparade bleibt eine Legende der Technokultur, die vieles für diese geleistet hat und für unvergessliche Geschichten und Momente gesorgt hat. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Mahnmal dafür, was Profit und Habgier um jeden Preis und der Ausverkauf einer Szene anrichten können. Wir gedenken heute den Opfern dessen.
Quellen: Süddeutsche Zeitung, Zeit, Spiegel, Stern
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