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Max Richter – Schlafes Bruder


Seit Jahrhunderten versuchen ganze Forschergenerationen nun schon die komplizierten Prozesse zu verstehen, die im menschlichen Gehirn nach dem Einschlafen ablaufen. Auch der britische Komponist Max Richter widmet sich jetzt diesem noch ungelösten, biochemischen Mysterium: Mit der insgesamt acht Stunden langen Liveperformance „Sleep“ sowie dem auf eine gute Stunde Spielzeit reduzierten Album „From Sleep“ lädt der in Berlin beheimatete Musikvisionär seine Hörer zum Träumen ein – im wahrsten Sinne des Wortes!

Irgendwie traumhaft und irreal waren seine stilübergreifenden Kompositionen schon immer: Ob auf Soloarbeiten wie dem 2002er Debüt „Memoryhouse“, unzähligen Soundtrack-Scores zu Filmen wie dem preisgekrönten „Waltz With Bashir“ oder dem vor drei Jahren releasten „Recomposed“-Album, auf dem Max Richter Vivaldis klassisches Werk „Die vier Jahreszeiten“ spektakulär dekonstruierte. Mit „Sleep“ hat der experimentierfreudige Brite nun ein entschleunigendes „Wiegenlied für eine hektische Welt“ geschrieben, mit dem er das Publikum tatsächlich zum Einschlafen bringen möchte: Die Uraufführung von „Sleep“ wird im kommenden Oktober in Berlin von Mitternacht bis 8 Uhr morgens stattfinden; statt eines Sitzplatzes darf man es sich in einem Bett bequem machen. FAZEmag sprach mit Max Richter über den wohl ungewöhnlichsten Feldversuch des Jahres.

Herr Richter, üblicherweise ist es nicht als Kompliment zu verstehen, wenn das Publikum während einer Aufführung einschläft – sie hingegen laden die Zuhörer auf „Sleep“ aktiv dazu ein!

Genau das ist mein Ziel! Das Schlaflied war schon zu jeder Zeit ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur – Musik und Schlaf haben eine intuitive Verbindung. Dieses Prinzip wird auf dem Stück weiter ausgebaut. Ich wollte den Zusammenhang zwischen Musik und dem menschlichen Bewusstsein untersuchen. Den surrealen Zustand zwischen Wachsein und dem Wegdämmern, in dem man Musik nur noch unterbewusst und somit auf eine ganz besondere Art wahrnimmt.

Was gab den Ausschlag, ein so komplexes Werk zu komponieren?

Viele verschiedene Dinge kamen zusammen: Ich habe mich schon immer für die ausgedehnten Stücke der ersten Minimalisten aus den frühen 60ern wie La Monte Young oder Philip Glass sowie die Fluxus-Kunstwegung interessiert. Große, massive Klangschöpfungen. Als würde man die Bilder von Mark Rothko oder Bridget Riley vertonen. Auf der anderen Seite wollte ich etwas sehr Langsames, Beruhigendes erschaffen. Unsere Welt bombardiert uns jeden Tag mit einer Flut von Reizen – so viele, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, all diese Informationen zu verarbeiten. „Sleep“ gibt den Leuten die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und sich für eine gewisse Zeit nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren.

Wie lange hat es gedauert, dieses Mammutwerk zu komponieren?

Inklusive Pausen gut zwei Jahre. Obwohl es sich im Grunde um sehr einfache Musik handelt, war es enorm zeitintensiv, die musikalische Sprache zu entwickeln. Wir haben dann alles in einem Studio in New York City aufgenommen; es dauerte eine gewisse Zeit, bis wir die nötige Ruhe gefunden hatten, uns richtig auf die Stücke zu konzentrieren.

Neben der kreativen Seite wurde „Sleep“ auch durch rein wissenschaftliche Aspekte und Ihre Gespräche mit dem renommierten amerikanischen Neurowissenschaftler David Eagleman beeinflusst.

Er hat mir erklärt, welche Vorgänge sich im Gehirn vollziehen, während wir schlafen. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahm man noch an, dass das Gehirn beim Schlafen regelrecht abschaltet; in den letzten fünf Jahren hat man begonnen, herauszufinden, was wirklich passiert, während wir träumen. Man hat erkannt, dass der Schlaf wichtig für unsere gesamten Denkvorgänge ist. Die Ergebnisse unserer Gespräche sind zu einem gewissen Teil in die Struktur des neuen Materials eingeflossen.

Einerseits geht es bei „Sleep“ um Entschleunigung, andererseits möchten sie Ihr Werk auch als eine Art gesellschaftspolitisches Statement gegen Konsumsucht, dauernde Lärmbelästigung und ständige Erreichbarkeit verstanden wissen.

Ich betrachte „Sleep“ als eine Art Pausentaste; als eine Gegenreaktion auf diese hektischen, lauten, reizüberfluteten Zeiten. Obwohl wir ständig von großer Kunst umgeben sind, nehmen wir sie gar nicht richtig wahr. So betrachtet, leben wir eigentlich in einer sehr flachen, sehr eindimensionalen Zeit. Wir beschäftigen uns nicht mehr mit Dingen oder denken über sie nach, sondern sind im nächsten Moment schon wieder von der nächsten Sensation abgelenkt. Die Länge von „Sleep“ zwingt den Hörer, sich acht Stunden lang nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren.

Wobei sie mit all Ihren verschiedenen Projekten selbst ein wenig ruhelos wirken!

Ich würde sagen, dass ich auf der Suche nach Antworten bin. Ich betrachte mein Schaffen als eine Aneinanderreihung von Experimenten. Mit jedem Projekt stelle ich neue Fragen und schaue, ob ich sie innerhalb der Musik beantworten kann. Die verlässlichsten Antworten sind dabei immer noch die Reaktionen des Publikums.

Apropos: Was passiert, wenn es während der achtstündigen Liveaufführung von „Sleep“ zu störenden Schnarch-Attacken im Publikum kommt?

Ich bin selbst gespannt. Es ist ein weiteres Experiment, das meines Wissens in dieser Form noch nie stattgefunden hat. Es wird so ablaufen: Die Leute kommen in den Saal, sie gehen ins Bett, wir spielen das Stück und im Idealfall werden alle irgendwann einschlafen. Was passiert mit Schnarchern? Ich weiß es nicht. Vielleicht wird sich eine Art von Gruppendynamik entwickeln, die dieses Problem von selbst löst.

Schlafen sie gerne?

Ich liebe es, zu schlafen. Es ist eine faszinierende Sache: Der Schlaf ist eine Art Niemandsland zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, Existenz und Nicht-Existenz. Man lässt sich fallen und gibt seine Selbstkontrolle auf; eine wertvolle Möglichkeit, unbekannte Regionen seines eigenen Denkens zu entdecken; Regionen, die einem während des Wachzustands verschlossen bleiben. Gerade bei sehr kreativen Menschen spielt sich eine Menge in diesen geheimnisvollen Zwischensphären des Verstands ab. Viele Leute haben große Probleme mit dem Schlaf; können nicht einschlafen oder haben Albträume. Andere betrachten Schlaf als Zeitverschwendung. Ich habe Schlaf nie als nur ein Endergebnis von Müdigkeit, sondern als einen sehr inspirierenden Vorgang wahrgenommen.

Können sie sich noch an Ihre ersten Schlaflieder als Kind erinnern?

Nein, seltsamerweise nicht. Aber ich kann mich daran erinnern, dass mir meine Mutter damals Lieder vorgesungen hat. Mein erstes bewusstes Schlaflied war das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms; allerdings habe ich es selbst auf dem Klavier gespielt … / Thomas Clausen

 

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Interview aus dem FAZEmag 043/09.2015

Foto: Mike Terry