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Nach über fünf Millionen Tanzschritten sind es derzeit summa summarum 55.000 Euro an Spenden, die bei der „Rave To Save“-Kampagne von Desperados zusammengekommen sind, um den Nachtclubs damit in dieser kritischen Zeit Support zu geben und ihr Bestehen zu sichern. Künstler*innen wie Purple Disco Machine, Moguai, Alle Farben, Nakadia und die altbekannte Berlinerin Anja Schneider haben mit ihren Beats Raver*innen, die von zu Hause aus sämtliche Darbietungen der Artists über das Internet live verfolgt haben, dazu animiert, sich rhythmisch zur Musik zu bewegen. Die stolze Summe kam so zusammen: Je mehr Schritte während der virtuellen Events zurückgelegt werden, desto mehr Geld spendet Desperados an die Clubs. So waren es letzten Endes die Tänzer*innen, die mit ihren Moves die „Rave To Save“-Schrittzähler-App ansteuerten und auch freiwillige Beträge spendeten, woraus sich die hohen Einnahmen ergaben – ein voller Erfolg. Natürlich bewegt man sich nicht von alleine, denn dazu braucht es gute Musik, zu der man tanzen kann. Anja Schneider lieferte als erfahrene DJ, erfolgreiche Labelbetreiberin und langjährige Radiomoderatorin den Sound, der am 17. April im Cassiopeia Berlin via eines Livestreams Raver*innen rund um den Globus einheizte. Eine Sache, die ihr leicht von der Hand ging, denn als DJ ist es ihr Job, Leute zum Tanzen zu bringen. Anja hat ihre Wurzeln im Radio, war als Label-Mitbegründerin maßgeblich am Gedeihen von Mobilee beteiligt und hat inzwischen ein neues Imprint gegründet. Trotz ausbleibender Gigs und Touren hat sie weniger Zeit als noch vor der Pandemie, erzählte sie uns. Was es damit auf sich hat, sowie Weiteres findet ihr im folgenden Interview, das wir mit Anja geführt haben.

 

Du bist seit Mitte der Neunziger in Berlin und hast während dieser Zeit beim Radio angefangen. Du bist immer noch in diesem Bereich tätig. Was fasziniert dich so am Radio?

Radio hat mich immer schon gereizt, denn damit bin ich groß geworden und habe so meine Liebe zur Musik gefunden. Es war elementar für mich, da ich in einem Dorf aufgewachsen bin. Seit 20 Jahren bin ich beim rbb und mache seit über drei Jahren auf radioeins meine Sendung „Club Room“. Dort verzichte ich völlig auf DJ-Sets von Gästen und wähle sowie spiele die Musik selber. Seit der Pandemie habe ich auch wieder angefangen, mehr journalistisch zu arbeiten und mache auf Radio Eins’ Tagesprogramm eine Rubrik namens „Berlin Calling, die sich mit Berliner Kulturschaffenden in der Krise beschäftigt. Dazu gibt es wöchentlich noch einen internationalen „Club Room“, der auf allen Plattformen bzw. weltweit auf verschiedenen Stationen läuft. Und seit der Pandemie gibt es auch eine Talk-Sendung „Club Room Backstage“, die ein reines Interview-Talk-Format ist mit internationalen Gästen, wie zum Beispiel: Dave Clark, Etapp Kyle, He!She!They!, Chris Liebing, FJAAK, Floyd Lavine oder DJ Rebekah – um nur einige zu nennen. Mein nächster Gast ist Joyce Muniz.

Wie bist du letztendlich zum Auflegen gekommen?

Das kam tatsächlich durch meine Radiosendung und die damit einhergehenden Anfragen.

Wie war dein Sound früher und wie ist er heute?

Ich habe mich immer weiterentwickelt. Stillstand geht für mich gar nicht. Ich bin viel offener geworden, was meinen Sound angeht. Meine Anfänge hingegen hängen sehr stark mit dem Minimal-Hype zusammen. Das war schon immer meine große Liebe.

DJ, Produzentin, Labelbetreiberin, Radiomoderatorin und Mutter – für was hast du seit der Pandemie mehr Zeit und was machst du aktuell?

Ich habe das Gefühl, dass ich viel weniger Zeit habe. Ich verbringe unglaublich viel Zeit im Studio. Gerade ist mein Remix von Mindchatters Track „Referees Don’t Fall In Love“ erschienen. Aktuell arbeite ich an einem Projekt mit Sophie Hunger. Dazu arbeite ich als Sprecherin für die Künstler*innen im Verband Booking United. Ich war dazu viel bei Roundtables oder Diskussionen mit Politiker*innen verschiedener Parteien eingeladen. Das hat mir extrem Spaß gemacht und ich sehe da auch Potenzial. Es hat mir gezeigt, dass ich mich viel mehr sozial engagieren möchte. Ich habe das Gefühl, dass ich gesellschaftspolitisch arbeiten möchte. Es gibt da gerade ein sehr spannendes Projekt, über das ich aber leider heute noch nicht sprechen kann.

Wir hatten neulich ein DJ-Roundtable mit einigen weiblichen Artists – hierzu eine Frage an dich, da du ja schon eine Ewigkeit dabei bist: Wie äußert sich die Benachteiligung von Frauen in der Szene und hast du in dieser Hinsicht auch Erfahrungen gemacht? Was hältst du von einer Quotenregelung bei Bookings usw.?

Ich denke, wir brauchen keine Quotenregelung bei Festivals, da wir super Headlinerinnen haben und die sich auch durchsetzen. Das macht mich stolz. Hinter den Kulissen sieht es leider noch ganz anders aus und da ist großer Redebedarf. Im Musikmanagement oder Label-Management haben wir immer noch eine größere Anzahl an Männern. Schlimm ist auch, dass die Clubs gerade keine „safe places“ für Frauen sind und es immer mehr zu sexuellen Übergriffen oder Anfeindungen kommt. Es gibt dazu genügend prominente Beispiele. Da frage ich mich wirklich, in welchem Jahrzehnt wir leben. Ich habe das Gefühl, wir bewegen uns wieder zurück zu einem Bild der Frau, mit dem ich nicht aufgewachsen bin.

Was ist für dich persönlich dein bislang größtes Erfolgserlebnis deiner Karriere?

Das kann ich gar nicht sagen, da ich das gar nicht so bewertet habe oder darauf hingesteuert bin. Ich hatte das große Glück, das machen zu dürfen, was ich liebe und das ist ganz organisch passiert. Ich komme ja aus einer Zeit, wo es anfangs keine Marketing- oder Businesspläne gab, geschweige denn ein Management. So einfach das klingt, ich bin froh über einen guten Abend, Menschen mit meinem Sound eine gute Zeit verschafft zu haben. Und das vermisse ich gerade sehr. Aus solchen Momenten ziehe ich die meiste Kraft.

Nach deiner langen Zeit als Schlüsselfigur bei Mobilee hattest du dich vor einigen Jahren dazu entschlossen, dein Label Sous Music im Alleingang zu gründen – was unterscheidet Sous von Mobilee?

Ich denke, es ist immer gut, sich nach einer Zeit zu reinigen und zu hinterfragen. Das war einfach bei mir an der Zeit. Ich brauchte eine Herausforderung und wollte mich vom Druck befreien. Es ist hauptsächlich ein Label für meine Musik, wo ich auch mal soundmäßig Risiken eingehen kann. Ich habe aber auch das große Glück, mit tollen Künstler*innen wie Subradeon, Baugruppe 90, Matrefakt oder Markus Suckut arbeiten zu dürfen. Ich scheue mich nicht vor Überraschungen!

Was ist für die Zukunft geplant, was dein Label, deine Musik oder auch anderes angeht? 

Tja … Zukunftspläne sind ja in dieser Zeit etwas schwierig. Ich hoffe, dass unsere Szene überlebt sowie gereinigt und gestärkt zurückkommen wird.

Ich arbeite gerade an einer Platte mit Sophie Hunger und an einer EP für He!She!They!. Auf Sous erscheint ein englischer Künstler namens Spatial Awareness, da freue ich mich sehr drauf. Das wird in eine etwas andere Richtung gehen.

 Im Cassiopeia hast du auf einem „Rave To Save-Event gespielt. Wie ist deine Beziehung zu diesem Club? 

Ich habe eine große Liebe zur gesamten Subkultur in Berlin und wünsche mir, dass gerade diese kleinen Clubs und Venues überleben werden. Da ist so viel Herzblut und Schweiß miteingeflossen und gerade diese Räume/Clubs sind für unsere Gesellschaft so wichtig: Loszulassen und sich inspirieren zu lassen. Das ist alles möglich in einem Club. Die Freiheit ist für unser Denken und Handeln extrem wichtig und ich bin davon überzeugt, dass durchtanzte Nächte uns zu einem freieren Denken führen können. Das Miteinander ist uns in der letzten Zeit verloren gegangen. Und das Vertrauen.

Was begeistert dich so an der „Rave To Save-Kampagne? 

Viele der Clubs und Venues schaffen es nicht mehr aus eigener Kraft und können wirkliche jeden Support gebrauchen. Wichtig ist auch das Gefühl, dass wir zusammen etwas erreichen können. Die Idee, das mit einer Schrittzähler-App zu machen und das Publikum miteinzubeziehen, klingt erst einmal so simpel und ist dabei wirklich genial. Warum hat es nur so lange gedauert?

Nun, auch wenn es lange gedauert hat, aktuell ist die virtuelle Veranstaltungsreihe voll im Gange. Die zweite Phase von „Rave To Save“ läuft am 8. Mai europaweit im Londoner Club Tobacco Dock an. Im Rahmen der Fortsetzung der Aktion erweitert Desperados für die nächsten Partys die Spendenfunktion der „Rave To Save“-App und steuert anstatt pro 1.000 jetzt pro 100 getanzter Schritte jeweils einen Euro bei, um die Clubs zu retten.

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