Liebe FAZEmag-Leserin, lieber FAZEmag-Leser,

seit den 1980er-Jahren inspiriert die Cyber-Punk-Ästhetik Literatur-, Film- und Gamegenres. Dazu durfte der passende Soundtrack natürlich nie fehlen, weshalb sich vor allem in der elektronischen Musik ein spannendes Subgenre entfalten konnte. Doch wie klingt Cyber Punk? Der Stil arbeitet viel mit klassischen Synthesizer-Sounds, die durch Pitch Drifts und Verstimmungen der Oszillatoren den dunklen und bösen Vibe erhalten. Mit dystopischen, tiefen 80s-Synths ist man dem Sound also schon mal auf der richtigen Spur. Darum zeigen wir in diesem Artikel, wie man mit Ableton Lives Wavetable-Synthesizer einen Sound erstellt, der den 80s-Vibe im Cyber-Punk-Stil aufgreift. Achtung, Gänsehaut ist dabei vorprogrammiert!

 

Supersaw-Sound mit Pitch Drift

Wir haben uns einen Synth-Sound zum Nachbauen ausgesucht, der sich auch wunderbar für Techno-Projekte eignet. Viele kennen den Supersaw One Shot, der in modernen Produktionen sehr oft zum Einsatz kommt. Wir geben dem beliebten Transition-Maker durch eine Pitch-Modulation eine bestimmte Bewegung, die den Bezug zur Cyber-Punk-Stilistik im Wesentlichen ausmacht. Zusätzlich wollen wir den Synth-Sound spannend gestalten, indem wir ihn zunächst zugefiltert lassen und ihn dann während seines Klangverlaufs langsam öffnen.

 

Die Oszillatoren

Für den Sound benötigen wir beide Oszillatoren des Wavetable-Synths in Ableton Live. Beim ersten Oszillator stellt ihr eine ganz normale Sägezahnwelle ein, beim zweiten wählt ihr eine Wellenform aus, die zwischen Rechteck und Sägezahn liegt. Sie sollte aber deutlich näher an der Sägezahnwelle positioniert sein. Beide Oszillatoren stimmt ihr dann 24 Halbtöne (zwei Oktaven) tiefer, denn wir wollen einen Sound erreichen, der schön weit unten sitzt und später durch die Filteröffnung viele Obertöne durchlässt.

Der Filter

Für einen voll klingenden Bass-Sound nehmen wir den PRD-Filter mit einer Flankensteilheit von 24 dB pro Oktave. Dieser Filter ist eine Emulation des legendären Moog-Ladder-Filters und eignet sich ideal für unseren Synth-Patch, dem wir so einen analogen Klangcharakter verpassen. Den Filter könnt ihr sehr weit zudrehen, etwa bis zu 160 Hertz. So lassen wir (zunächst) nur ganz tiefe Frequenzen durch. Mit einer Resonance von 30 Prozent geben wir dem Synth-Sound noch etwas Drive, den wir um etwa 11 dB anheben. So erhält der Bass-Sound Frequenzanteile aus den Mitten, die für Wärme sorgen und dem Sound einen Bauch geben.

 

Zusätzlich verwenden wir den Unison-Modus-Noise und schaffen mit der Einstellung ein feintexturiertes Volumen. Durch Unison wird auch die Verstimmung der beiden Sägezahnwellen betont, was den Charakter des Supersaw-Sounds verstärkt.

 

Die Envelopes

Die Amplituden-Hüllkurve stellen wir zuerst ein. Achtet hierbei auf eine kurze Attack (1.00 ms), eine moderate Decay-Zeit (ca 870 ms), eine volle Sustain sowie auf eine etwas längere Release-Zeit (ca. 1,9 s).

Mit Envelope 2 und 3 wollen wir später in der Matrix Filter und Pitch modulieren, weshalb wir auch diese beiden Hüllkurven entsprechend einstellen. Envelope 2 wird dabei dem Filter zugewiesen und Envelope 3 dem Pitch der Oszillatoren.

 

Unser Ziel ist, dass sich der Filter im Klangverlauf langsam öffnet und immer mehr Obertöne durchlässt; Daher achten wir bei Envelope 2 auf eine lange Attack (ca 3,5 s). Eine lange Decay-Zeit (6 s) bewirkt, dass der Sound auf eine unerbittliche Weise die Obertöne präsentiert und sie auf einem bestimmten Level (Sustain) hält. Die Sustain schalten wir auf 64 Prozent und die Release-Zeit stellen wir auf ungefähr 2,5 Sekunden ein.

Mit Envelope 3 modulieren wir den Pitch von beiden Oszillatoren. Hier wollen wir erreichen, dass der Bass-Sound im Verlauf eines Triggers eine Oktave nach unten gleitet. Daher stellen wir die Envelope 3 mit einer langen Attack-Zeit ein, da es auch hier besser zum Stil passt, wenn die Modulation langsam einsetzt. Die Decay- und Release-Zeiten sind eher moderat (1,89 s und 2,36 s), die Sustain könnt ihr auf 100 Prozent einstellen.

 

Die Modulations-Matrix

Jetzt können wir die Modulationen in der Matrix einstellen. Der Filter (Env 2) soll sich langsam öffnen, daher muss in der Matrix ein positiver Wert angegeben sein. Ein negativer würde ihn nämlich schließen. Bei einem Wert von beispielsweise +60 lassen wir viele Obertöne durch, aber eben noch nicht alle (+100). Hier könnt ihr mit verschiedenen positiven Werten experimentieren und auf euer Projekt bezogen entscheiden, wie viele Obertöne euer Bass-Sound benötigt, um im Mix schön platziert zu klingen.

Mit Envelope 3 modulieren wir den Oszillator-Pitch und stellen in der Matrix -12 ein. Der Negativ-Wert bewirkt, dass der Oszillator im Klangverlauf immer tiefer gleitet. Ist er bei -12 Halbtönen (1 Oktave) angekommen, stoppt die Modulation und der oktavierte Ton wird gehalten.

Effekte – Räumlichkeit

Der Synth-Sound klingt bis hierhin schon mal ziemlich spannend, aber noch etwas zu digital. Das liegt daran, dass wir dem Patch noch keine Rauminformationen hinzugefügt haben. Mit einem Echo und einem dahinter geschalteten Reverb lösen wir dieses Problem. Achtet bei der Verwendung von Hall auf Synth-Sounds immer darauf, dass ihr die Hallfahne mit dem im Ableton Reverb internen Filter bearbeitet und so euren Mix vor verwaschenen Frequenzbereichen schützt.

Effekte – Distortion & Textur

Diese Effekte könnt ihr optional verwenden, sie sind aber für den Charakter des Synth-Sounds nicht so essenziell wie Echo und Reverb. Der Saturator versorgt euren Patch mit einer sättigenden Verzerrung, wenn ihr den Drive schön weit aufdreht. Das Tool sollte dabei aber nie zu 100 Prozent zugemischt werden, da der Sound sonst seine Natürlichkeit verliert.

Mit Erosion könnt ihr dem Synth feine Texturen hinzufügen, die besonders spannend klingen, wenn ihr das Tool vor den Reverb platziert. Probiert hier mal das Wide Noise mit einer hohen Width aus und fahrt den Amount während des Klangverlaufs langsam hoch – die Texturen schmiegen sich an den Synth-Sound und bringen noch mehr Spannung in den Patch!

 

Wenn euch dieser Synth-Sound gefällt und ihr Lust auf mehr solcher dystopischer Sounds bekommen habt, schaut euch gerne mal unser Cyber-Punk-Rack-Pack für Ableton Live im SINEE-Shop an. In diesem Artikel habt ihr erfahren, wie man den Sound Dystopia nachbaut, der neben vielen anderen spannenden Synth-Patches im Pack enthalten ist.

Ihr produziert lieber mit Anderen als allein? Dann werdet Teil unserer liebevollen und aktiven Community auf Facebook, Discord und seit Kurzem sogar in unserem eignen Forum auf SINEE.de! Tauscht euch mit Gleichgesinnten über eure aktuellen Projekte aus und erhaltet Feedback zu euren Tracks von Deutschlands größter Producer-Community!

 

Das könnte dich auch interessieren:
SINEE – Tipp des Monats: Techno der 90er
SINEE – Tipp des Monats: High Tech Minimal produzieren
SINEE – Tipp des Monats: How to make a track – 140 bpm Techno
SINEE – Tipp des Monats: 8 Jahre FAZEmag

SINEE – Tipp des Monats: Basiswissen Effekte
SINEE – Tipp des Monats: Sounddesign-Tricks für professionelle Kick-Drums
SINEE – Tipp des Monats: Mixdown leicht gemacht

 

Aus dem FAZEMAG 111/05.2021
Text: Fabienne von Canal
www.sinee.de