Nach Apardes sehr ehrlichem Blick auf die Umweltverträglichkeit der Technoszene im November-Part unserer „Techno, Klima und Konsum“-Serie legen wir den Fokus nun mal auf das große Ganze. Denn: Weltweit machen Flüge nur etwa 3 Prozent des CO2-Ausstoßes aus und der Anteil, den elektronische Tanzmusik trotz all ihrer Strahlkraft am Klimawandel haben kann, ist natürlich sehr gering. Letztendlich sind überdimensionale Events oder das Sammeln von Flugmeilen aber vor allem eins: Symptome unseres Konsumverhaltens. Einer der besonders naturverbundenen Protagonisten im Techno-Business ist Dominik Eulberg, der mit seinen Releases auf Traum, Cocoon, !K7 sowie seinem eigenen Imprint Apus apus immer wieder der Biodiversität unseres Planeten huldigt. Nun teilt er mit uns seine Gedanken zum Konsumverhalten der westlichen Gesellschaft und gibt Impulse für einen Umgang mit der Natur, der nicht nur Freizeitaktivitäten wie aufwendige Urlaube betrifft und beeinflusst, sondern auch im Alltag einen Platz findet.

 


Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir einen gemeinsamen Feind. Es ist ein Monster, das wir selbst erschaffen haben durch unsere Hybris und unsere krankhafte Sucht nach fossilen Brennstoffen. Was Urvölker schon vor Tausenden Jahren wussten, scheinen wir vor lauter Anthropozentrismus vergessen zu haben: Alles, was gegen die Natur geht, geht im Endeffekt auch gegen uns Menschen. Wir entziehen uns so selbst die Lebensgrundlage, die wir brauchen, schneiden uns selbst den Ast ab, auf dem wir sitzen. Schon der Begriff Klimawandel ist trauriger Ausdruck dieses Übermutes, ein Euphemismus, denn der Begriff besagt nur, dass sich das Klima wandelt, nicht aber, dass das für uns die Hölle auf Erden bedeuten kann. Im Gegenteil: Wandel, „The Wind of Change“, ist eher ein positiv konnotierter Begriff. Zu lange wurde das Problem verdrängt, weil es unbequem ist, weil es uns Angst macht, weil wir als ehemalige Jäger und Sammler nicht gelernt haben, vorausschauend zu denken, aber auch weil es bewusst von kapitalistischen Strukturen durch Desinformations- und Verwirrungskampagnen verschleiert wurde. Noch immer hat das mächtigste Land der Welt einen Präsidenten, der die größte Bedrohung der Menschheit leugnet. Deshalb ist Aufklärung und Sensibilisierung erst mal das Wichtigste: Wir müssen den Feind klar erkennen, woher er kommt, an welchen Punkten wir ihn bekämpfen können. Der Klimawandel geht für unsere Sinne zu langsam vonstatten, er ist nicht unmittelbar spürbar, doch die Menschheit erwacht langsam, vertraut mehr und mehr der Wissenschaft, die seit Jahrzehnten warnt und warnt, aber nicht erhört wurde.

Wir müssen uns alle vereinen, denn wir können das Problem nur im großen Kollektiv lösen. Wir müssen das Bild im Ganzen erfassen, die Fakten kennen und uns nicht von unseren Emotionen fehlleiten lassen. Wir dürfen keinem scheinheiligen Greenwashing glauben oder irgendeinem Ablasshandel verfallen. Wir dürfen nicht unser schlechtes Gewissen betäuben und denken, indem wir Plastikstrohhalme nicht mehr benutzen, könnten wir das Plastikproblem lösen. Oder einen Nistkasten im Garten aufhängen und meinen, das Vogelsterben werde dadurch abgewendet. Den größten Teil der Emissionen machen Energie- und Wärmebedarf aus, gefolgt von der Industrie. Im Endeffekt also Dinge, die wir nicht direkt in der Hand haben, aber indirekt. Unser kapitalistisches System funktioniert nun mal so, dass auf lange Sicht nur das angeboten wird, was auch nachgefragt wird. Das heißt, wir können klimaschädliche Wege über unsere Kaufentscheidungen ausmerzen. Schaut zum Beispiel, wie grün der Strom von euren Stromanbietern ist. Es gibt mittlerweile welche, die zu 100 Prozent grünen Strom liefern. Bei der Politik ist es genauso: Es wird populistisch das umgesetzt, was der Großteil der Bevölkerung möchte. Studiert also genau die Wahlprogramme und macht euer Kreuz an der richtigen Stelle. Wir müssen umdenken und nach alternativen Energiequellen forschen. Wir müssen unsere verdammte Sucht nach fossilen Brennstoffen in den Griff bekommen, damit wir nicht zu „Homo suicidalis“ werden, und durch nachhaltige Kraftstoffe substituieren. Ich persönlich finde das Prinzip von Wasserstoffantrieben super, da sie nur Wasserdampf emittieren und zur Herstellung nur Wasser und Strom benötigen – Strom, der grün sein kann. Allerdings wird dieser essenzielle Transformationsprozess nicht von heute auf morgen passieren und es wird eine Phase des Verzichts geben.

Wir dürfen aber keinesfalls erneut den Fehler begehen und uns nur von einer Energiequelle abhängig machen, denn Alternativen zu haben ist der Kern von Freiheit. Ich bin auch ein Freund davon, sich komplett unabhängig von allen Systemen zu machen. So habe ich einmal ein halbes Jahr im Wald gelebt, ohne Wasseranschluss und Strom – eine tolle Erfahrung. Sich autark direkt aus der Natur zu ernähren, mit Subsistenzwirtschaft im eigenen Garten, ist der klimafreundlichste Weg auf allen Ebenen. Zudem muss man meiner Meinung nach nicht in den tropischen Regenwald oder auf die Malediven reisen, um die atemberaubende Schönheit der Natur zu erfahren. Man findet wahre Wunder der Natur direkt vor der eigenen Haustür, man muss nur mit offenen Sinnen rausgehen, der Natur genau zuhören, genau hinschauen, dann lässt sich auch im Kleinen ihr Zauber erfahren: etwa das Changieren des Schillerfalters, die Biolumineszenz der Glühwürmchen oder das Aeronautendasein des Mauerseglers. Für mich ist Natur der einfachste und gesündeste Schlüssel zum Glück. Wir wundern uns, wie gut uns ein Sonntagsspaziergang tut, dabei müssten wir eigentlich eher darüber nachdenken, wie schlecht es uns tut, den ganzen Tag in miefigen viereckigen Kisten zu hocken, mit stinkenden viereckigen Kisten zu anderen viereckigen Kisten zu fahren, um dort auf viereckige Kisten mit viel Elektrosmog zu glotzen. Dafür sind unsere Körper und auch unsere Sinne nicht geschaffen. Frühmenschen der Gattung Homo gab es schon vor 2,8 Millionen Jahren. Die neolithische Revolution, das Sesshaftwerden der Menschheit, ist gerade einmal 10 000 Jahre her. Bis dahin war das, was wir heute nur noch bei einem Sonntagsspaziergang erfahren, unsere Heimat. Wir sind ein Teil der natürlichen Evolution. Allein der Anblick der Farbe Grün steigert signifikant unser Wohlbefinden. Bäume kommunizieren untereinander mit sogenannten Terpenen – das sind Kohlenwasserstoffverbindungen, die auch unser Immunsystem noch versteht. Wissenschaftler etwa haben herausgefunden, dass schon drei Stunden Aufenthalt in der Waldluft unsere Stresshormone um bis zu 50 Prozent reduzieren können; kein Psychopharmakon der Welt schafft das. Biophilia-Effekt nennt man das. Die Japaner sagen zu Waldspaziergängen „Shinrin Yoku“, das bedeutet wortwörtlich übersetzt „in der Waldluft baden“. Zu jeder Tageszeit und auch zu jeder Jahreszeit ist das Entertainment-Programm Natur stets neu aufgestellt. Ich könnte etwa jeden Tag auf derselben Strecke vor meiner Haustür wandern – es ist jedes Mal von Neuem spannend und erfüllend. Der Verzicht auf große Reisen und materielle Objekte kann also auch ein herrlich befreiender Gewinn sein, der uns unabhängig macht.

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Bastian Gies
Beitragsbild: Natalia Luzenko
www.dominik-eulberg.de

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Gigs:
14.12. Stuttgart Electronic Music Festival
31.12. Hippie New Year, Ritter Butzke, Berlin
25.01. Salt&Pepper, Pforzheim
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Foto: Tassilo Dicke