Nach dem Start 2016 veröffentlichte das einstige Berliner Label der Gebrüder Böhmer Ende 2019 seine 26. Katalognummer, bis es unerwartet still um sie wurde. Nun – nach ziemlich genau einem Jahr – meldet sich die ton töpferei in frischem Design und mit neuem künstlerischen Ansatz zurück, vergisst dabei aber mitnichten die eigenen Wurzeln. So wurde das Musiklabel zu einem integrativen Kunstprojekt umgestaltet, das sich weit über die Grenzen des musikalischen Werks hinaus bewegen soll. Ermöglicht wird dies unter anderem mithilfe digitaler Animationen. Den Künstlern und deren Musik wird seit Anfang des Jahres ein Charakter in Form von 3D-Illustrationen verliehen und eine lebendige Welt innerhalb des Labels erschaffen.

Im Interview berichtet Leon Böhmer von der Idee und Vision der nun wiederbelebten ton töpferei: „Neuer Inhalt des Labels ist es, den Künstlern und der Musik einen Charakter zu verleihen, um so deren Beitrag zu einem beständigen Teil des Label werden zu lassen. Deshalb entwickeln wir nun unsere bereits bekannten Illustrationen in 3D. Über die Avatare erschaffen wir eine neue Wahrnehmung unserer Artists und kreieren ein lebendiges Universum, innerhalb dessen sich die elektronische Musik weiter entfaltet – im Grunde nichts Neues, nur deeper, digitaler und dennoch im Grundsatz eine natürliche Evolution.“ Grund für die einjährige Pause waren mitunter auch strukturelle Schwierigkeiten: „Wir mussten uns überfordert eingestehen, dass dem Label interne Strukturen und Workflows fehlen, ohne die es schwierig wäre, den Aufgaben und Wünschen aller Beteiligten nachzukommen. Deswegen haben wir in der letzten Zeit aufgeräumt, geplant und gewerkelt. Dabei vergessen wir natürlich nicht, wer wir sind und waren oder wo wir herkommen.“

Die Pandemie rund um Covid-19 und die damit verbundene freigewordene Zeit begünstigten die konsequente Umsetzung des Relaunchs: „Ich denke, wie fast jeder hatten auch wir unsere Tiefen und Tiefen in diesem Jahr (lacht). Eines hat mich das Jahr definitiv gelehrt, nämlich, dass Zeit irgendwie immer das Wichtigste ist.“ Und so veröffentlichen seit dem 8. Januar bis einschließlich noch Mitte März zehn Künstler im Wochentakt eine Single, zu der zeitgleich der passende Avatar releast wird: „Unser Squad setzt sich dabei aus bekannten Label-Artists und auch Debütanten wie z.B. Holly North zusammen. Mit dieser Zusammenstellung möchten wir eine klare Sprache sprechen und zeigen, wie wichtig uns alte, aber auch neue Bekanntschaften im Label sind. Das wollen wir auch jetzt musikalisch aufgreifen und zukünftig ein breiteres Spektrum anbieten. Schaut doch mal bei uns auf Spotify vorbei, dort sollten unsere Playlists eine deutlichere Sprache sprechen als ich (lacht).“

Die technische Umsetzung des neuen digitalen Universums inklusive lebendiger Avatare zu den zehn Akteuren wird von Illustrator Kevin Lüdicke sowie 3D-Designer Lukas Kühleitner und Nour Yousry realisiert. „Kevin erschafft die Charaktere. Dafür stellen wir ihm lediglich die Musik und ein paar Basics zum Artist bereit – alles Weitere bleibt ihm überlassen. Dabei zeichnet er die Avatare per Hand mit Stift, Tinte und Papier. Zum Digitalisieren verwenden wir ein Graphic-Tablet, das die Digitalisierung des Zeichenprozesses ermöglicht. Die Modellierung des Avatars und die 3D-Animationen des illustrativen Stils übernimmt dann Lukas. Er erweckt die Zeichnungen gemeinsam mit Nour Yousry in der Content-Produktion zum Leben, vielleicht bald sogar zusammen im Footage mit dem Artist. Dabei versuchen wir, mit dem Avatar und der Musik ein kreatives Universum zu kreieren, das mit der Zeit immer größer wird, mit neuen Label-Artists wächst und lebendiger erscheint.“ Auf die Frage, wo sie das eigene Universum mit diesem Konzept in wenigen Jahren sehen, bedarf es für einige unter Umständen wohl noch Vorstellungsvermögen: Haha, darüber darf ich in meinem Umfeld nur bedingt sprechen. Es ist einigen manchmal noch etwas zu abgespacet und weit weg. Ich empfehle hier einmal ein Video auf YouTube für alle Interessierten mit dem Titel ,How Animators Created the Spider-Verse‘.“

Nach Romain Garcias‘ „White Flag“, Polarfunks „Nacht & Nebel“, Darpers „Space & Time“ sowie Vovawaves „When Elf …“ im Januar folgen nun im Februar Holly North, DNA, Marius Wilk, Ariose. Nach den beiden letzten Singles von Chuck Philipps und Soljee im März geht das Label im Anschluss zu einem neuen Release-Plan mit ganzen EPs.

Aus dem FAZEmag 108/02.2021
Text: Triple P
Foto: ton töpferei
www.facebook.com/tontoepferei

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