Fotos: Claudio Campo-Garcia

Anlässlich des Weltfrauentages 2020 haben wir über die Zahlen der FACTS Survey-Studie 2020 des feministischen Netzwerks female:pressure berichtet. Gerade einmal knapp über 20 Prozent aller Bookings auf Festivals gehen der Studie nach an Frauen, nichtmal ein Prozent an nichtbinär zuweisbare Geschlechteridentitäten, Schwule und Lesben. Doch insbesondere in Großstädten wie Berlin sind zunehmend Partys mit dem Label „Queer“ oder „Pan-Friendly“ gekennzeichnet und leisten somit einen wichtigen Beitrag dazu, dass Menschen egal welcher Herkunft, Glauben oder schließlich sexueller Orientierung einen Schutzraum und Ort für freie Auslebung finden können. Auch gibt es zahlreiche Gaypartys, die ganz nebenbei schon immer untrennbar mit der Entstehung und der heutigen Popularität von Housemusik zusammenhängen. Doch was ist mit Partys speziell für lesbische Frauen?

Zwar gibt es auch diese in den verschiedensten Städten, die gleiche Aufmerksamkeit und Anerkennung wie die Events ihrer männlichen Artgenossen scheinen sie jedoch nicht zu bekommen. Aus diesem Grund haben wir ein Interview mit den Gründerinnen der WET geführt. Angefangen im Wiener Opera Club, zuletzt hostiert im Berliner ://About blank, richtet sich die Veranstaltung hauptsächlich an lesbische Frauen. Warum das für die Initiatorinnen wichtig war und welche Eindrücke sie dabei sammeln konnten, haben uns Anna, Saskia und Charlotte folglich beschrieben.

Gebt den Leserinnen und Lesern doch kurz einen Einblick wer ihr seid.

Anna: Ich bin 26 Jahre alt und komme ursprünglich aus Südtirol, lebe und arbeite aber seit 2016 in Wien.

Saskia: Ich bin 27, komme aus Berlin und habe Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Nebenbei mache ich noch die Projektleitung für Sommer-Events im ACUD MACHT NEU und bin seit gefühlt immer schon in Clubs unterwegs – ob zum feiern oder als Barkeeperin im ://About Blank. Bei WET übernehme ich hauptsächlich das Booking.

Lotte: Ich bin Charlotte, 29 Jahre alt und komme gebürtig aus München. Momentan schreibe ich meine Masterarbeit im Fach Psychologie über das Thema „Circumclusion“. Ein Gegenbegriff zu Penetration, der das aktive Umschließen oder Überstülpen jeglicher Körperöffnungen beim Sex beschreibt.

Wie habt ihr drei euch kennengelernt?

Anna: Saskia habe ich beim Feiern kennen gelernt , da haben wir rum gemacht und Lotte hat zugeschaut .. Wir hatten alle den ähnlichen Freundeskreis und uns deshalb öfters beim Feiern gesehen und haben uns angefreundet.

Saskia: Charlotte und ich haben im Radlager, einem Cafe in Wien, zusammen gearbeitet und wurden schließlich Freundinnen und Roomies.

Lotte: Saskia hat mir von der großen queeren Szene in Toronto erzählt, da ist uns aufgefallen, wie verschwindend klein das Ausgeh-Angebot für lesbische und bisexuelle Frauen in Wien ist und um das nicht länger passiv betrauern zu müssen, haben wir uns entschieden aktiv daran etwas zu verändern.

Welchen Bezug hattet Ihr vor WET schon zu Partys für speziell für Lesben und wie kam schließlich der Gedanke zu einer eigenen Veranstaltung auf?

Anna: Wirklichen Bezug hatte ich vorher leider nicht. Meistens haben mich die Partys die es gab, musiktechnisch nicht wirklich angesprochen. Das war auch der Grund weshalb wir WET 2017 ins Leben gerufen haben. Am 10. Juni 2017 fand dann schließlich die erste WET im Opera Club in Wien statt.

Saskia: Davor hab ich noch nie von Lesbenpartys oder FLINT* – Partys gehört. Also nicht speziell von bestimmten Formaten, obwohl es die sicherlich gab. In Wien habe ich oft von Freundinnen eher Beschwerden darüber gehört, dass sonst auf Lesbenpartys eher Trash-Mucke oder Charts laufen aber wenn wir uns das Programm von den typischen, angesagten Technoclubs beispielsweise anschauen, finden wir (wenn es überhaupt queere Partys gibt) fast ausschließlich Partys für schwule Männer. Was es natürlich geben soll. Jedoch ist es schon auffällig, dass Lesbenpartys anscheinend nicht realisiert wurden.

Lotte: Ich war schon als Schülerin bei Lesbenpartys und anfangs sehr aufgeregt dort zu sein, in einem Raum voller lesbischen oder bisexuellen Frauen, doch habe ich mich wie Anna und Saskia musikalisch dort nicht aufgehoben gefühlt. Ich bin dort lediglich aufgrund meines Begehrens hingegangen…

Kam es schon zu Konflikten von Außen aufgrund eurer sexuellen Orientierung?

Anna: Ich hatte auch schon Beziehungen mit Männern habe dann aber ziemlich schnell gemerkt, dass ich mich von Männern sexuell nicht angezogen fühle. Bisher hatte ich zum Glück keine nennenswerten negativen Erfahrungen diesbezüglich. Ich bin in einem 3.000 Einwohner Dorf in Südtirol aufgewachsen, da ist man als homosexuelle Person natürlich in der Minderheit und die Leute reden untereinander aber mittlerweile macht mir das nichts mehr aus und ich gehe mit diesem Thema sehr offen um.

Saskia: Ich empfinde meine Orientierung nicht als den Ursprung oder Antrieb die Party WET zu organisieren. Aber natürlich ist es ein Fakt, dass die sexuelle Orientierung für viele Menschen in der Gesellschaft leider zu Diskriminierung und Konflikten führen kann.

Lotte: Klar kam und kommt es hin und wieder zu Konflikten, wenn zum Beispiel Männer persönlich gekränkt sind, dass ich nicht hetero bin, ganz so als hätte ich ihnen etwas weggenommen, was sie davor vermeintlich besessen haben. Oder wenn ich mit einer Frau in der Öffentlichkeit misstrauisch beäugt oder sexualisiert werden, nur weil wir Händchen halten.

Welche „Defizite“ bergen bisherige Events aus euren Augen?

Anna: Ich würde nicht von Defiziten sprechen, da die Geschmäcker ja verschieden sind und es bestimmt viele Frauen gibt, die mit dem bisherigen Party Angebot für Frauen zufrieden sind. Oft ist die Community untereinander leider auch einfach nicht sonderlich tolerant, was ich schade finde. Auf der WET sind schon öfter Konflikte aufgetreten , weshalb sich Trans-Personen in der Community ausgegrenzt oder zu wenig gesehen gefühlt haben. Natürlich versuchen wir solche Situationen zu vermeiden und wenn möglich zu verhindern deshalb stellen wir bei WET auch ein Awarness-Team zur Verfügung und bitten unsere Gäste darum, sich dort zu melden, sollten sie unangenehme Erfahrungen machen, denn dann können wir als Veranstaltet direkt und aktiv handeln.

Saskia: Im Dezember, als wir unsere erste Party im ://About Blank in Berlin hatten, hatten wir unseren ersten Wet Darkroom. Dieser durfte tatsächlich nur von FLINT* Personen genutzt werden. (Auf der Party sind ansonsten alle Menschen willkommen). Ich glaube das ist eine Besonderheit, die im Allgemeinen doch eher auf anderen Partys zu finden ist. Ich, als Frau, war schon hunderte Male auf Partys oder in Clubs wo es Darkrooms für Männer gab… aber andersherum extrem selten. Und ich denke das ist nur ein Beispiel dafür, für wen viele Partys ausgerichtet werden bzw. wer die Zielgruppe für queere Events am Ende auch sind.

Lotte: Lesbische Partys sind meist weniger lustzentriert, das wollen wir mit der WET ändern, indem wir einen sex-positiven Raum voller weiblicher sexueller Energie schaffen. Seit Jahrhunderten wird Frauen ihre sexuelle Lust abgesprochen, in sublimierter und abgeschwächter Form begegnet uns dieses Vorurteil auch bei unserem Projekt. Doch, der gut besuchte Darkroom bei den Partys in Berlin spricht für sich.

Wie wurde das Event schließlich von der Community aufgenommen?

Anna: Die erste Party war sehr gut besucht und die Stimmung war Bombe. Leider haben wir an dem Abend auch gemerkt, dass viele Frauen mit unserem Konzept nicht einverstanden waren und nicht verstanden haben, wieso auch Cis-Männer da sind. Diese Frauen sind dann bei den nächsten Events ausgeblieben. Davon abgesehen, gibt es immer wieder Feedback von Gästen, ob positiv oder negativ, welches wir beides sehr begrüßen, denn nur mit Kritik können wir uns verbessern.


Saskia: Es ist ehrlich gesagt erstaunlich wie viel Schönes und Positives wir von vielen Seiten hören. Oft haben sich Leute schon bedankt oder fragen auch direkt, wann die nächste Party stattfinden wird. Das tut halt mega gut zu hören und oft spüre ich auch echt ein intensives Community-Feeling während der Veranstaltung. Das ist einfach schön und motiviert mich. Es ist auch krass zu spüren, wie sich die Situation und der Vibe verändert, wenn hauptsächlich FLINT* Menschen da sind. Damit will ich anderen Partys nichts absprechen, sondern sagen, dass es einen Unterschied macht und neue/andere Energie bringt und deshalb besonders wird.

Lotte: Vielen scheint eine solche Lesbenparty gefehlt zu haben. Ein Raum, die eigene Lust und das eigene Begehren schamfrei und vor allem frei von sexueller Belästigung, ausleben zu können. Teilweise bekommen wir auch negatives Feedback, meist aus der eigenen queeren Szene, dies ist aber sehr willkommen damit wir unser Konzept konstruktiv verbessern können.

Zu der Frage haben wir auch eine Besucherin der letzten WET-Ausgabe befragen können. Redgi, 25 beschreibt die Vorteile der Veranstaltung folgendermaßen: Bei WET fühlt man sich sofort zugehörig und sicher, da man sich mit allen anderen Besucherinnen und Besuchern identifizieren kann, was nicht üblich ist. Allein die Existenz des „Girls-Darkrooms“ gibt Mädchen meiner Meinung nach den Anreiz, offener und extrovertierter sein zu können, da keine urteilenden, männlichen Augen zuschauen.

Von welchen Seiten abseits der Community erhaltet ihr Unterstützung?

Anna: Unterstützung erhielten wir anfangs von einem SPÖ-Politiker, der in das Wiener Nachtleben und in junge Leute mit Visionen investieren wollte. Er hat es uns quasi ermöglicht, die erste Party zu realisieren. Alle weiteren Partys haben wir dann von den Einnahmen der letzten Party finanziert und wir machen das bis heute noch so. Alles was wir jemals eingenommen haben, ging direkt in die Planung/Organisation der nächsten Party.

Saskia: Wir würden gerne versuchen Förderungen zu beantragen, das ist aber mit viel Arbeit verbunden und wir alle haben natürlich neben der WET noch unseren Alltag und oft nicht so wirklich die Zeit uns damit zu beschäftigen. Aber es gibt zum Glück Freunde und andere Bekannte in unserem Umkreis, die uns anders unterstützen. Beispielsweise Lisa Lupsin, die viele unserer Plakate zusammen mit Anna designed hat oder Claudio Campo-Garcia, der die Fotos von uns gemacht hat… Ohne solche Freunde wäre vieles für uns bei der Umsetzung von WET oftmals tausend mal schwieriger.


Lotte: Viele Freunde bieten immer wieder ihre Unterstützung bei den Party-Vorbereitungen an und eine Freundin spendet uns sogar alle paar Monate 100 Euro um uns auch finanziell zu unterstützen <3

An welchen Stellen mangelt es eurer Meinung nach an öffentlichem Diskurs zum Thema nichtbinärer Geschlechteridentitäten?

Anna: Ganz deutlich an zwei Punkten! Erstens: Queere Familien. Trotz eines zunehmenden gesellschaftlichen Bewusstseins, bleiben queere Familien in erziehungswissenschaftlichen Debatten und sozialen Kontexten wenig sichtbar. Regenbogenfamilien werden in Diskursen von Politikern in ihrer Familien- und Lebensform gerne ignoriert, an heteronormativen Geschlechter- und Familienvorstellungen gemessen und/oder als „Anders“ dargestellt. Zweitens: Die Lebenssituation vieler junger lesbischer, schwuler, bisexueller, tansidenter oder queerer Menschen. Viele von ihnen machen nach dem Coming-out Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt, was dann natürlich auch Auswirkungen auf ihre psychische und physische Gesundheit hat. Ich glaube wir leben in einer Zeit, in der wir Dinge verändern können und das auch machen müssen!

Saskia: Puh gute Frage… Menschen werden oft in marginalisierten Gruppen gesehen und dementsprechend dann behandelt. Es gibt auf jeglichen Ebenen Nachholbedarf. Ich bin deshalb allen dankbar, die sich dafür einsetzen und etwas tun.

Lotte: Queer-sein scheint „en Vogue“ zu sein, dabei werden wichtige Themen beim öffentlichen Diskurs aber teilweise vernachlässigt, wenn es z.B. um die Verfolgung und Diskriminierung queerer Personen in vielen Teilen dieser Erde geht oder um die alltägliche Gewalt und Diskriminierung, welcher queerer Personen täglich auch in Deutschland und Österreich, ausgesetzt sind. Österreich liegt immerhin auf Platz 4 des ‚Gay Travel Index‘ und ist somit das viert homofreundlichste Land der Welt, was kaum zu glauben ist. Deutschland liegt dabei nur auf Platz 11.

Welche Schritte sind für die lesbische Partyszene in Zukunft von Bedeutung und welche Projekte neben WET verfolgt ihr persönlich?

Anna: Wichtig für die lesbische Partyszene finde ich: Sichtbarer werden und aus dem vermeidlichen Schatten der schwulen Partyszene zu treten!


Saskia: Ich bin nicht sicher, wie die Partysituation in anderen Städten Deutschlands aussieht. Allgemein wäre es schön zu sehen, dass sich überall solche Formate etablieren. Dadurch, dass ich in Clubs arbeite, hab ich sehr oft die Möglichkeit viele nice Artists zu sehen. Aber beispielsweise feier ich das, was das Kollektiv No Shade in Berlin macht, sehr.

Lotte: Mir scheint mehr Sichtbarkeit der lesbischen Liebe und Lust sehr wichtig zu sein, um mit Stolz das eigene Begehren entdecken und ausleben zu können. Wichtig ist auch, dass das binäre Geschlechtersystem abgeschafft wird und lesbische Räume fraglos transinklusiv sind. Bei der letzten Party haben wir die Organisator*innen der Partyreihe Spielraum aus Amsterdam kennen gelernt, da wir deren Resident DJ Afra, gebucht haben. Mit Spielraum machen die eine großartige Sache für die queere Community in Amsterdam.

Welche Projekte stehen bei euch in Zukunft an?

Anna: Geplant war die nächste WET in Wien im Mai und im Sommer ein Open-Air in Berlin. Aber wegen der derzeitigen Lage, müssen wir erstmal abwarten und schauen welche Veranstaltungen realisierbar sind und welche nicht.


Saskia: Wir würden gerne mit anderen Veranstalterinnen aus anderen Städten in Kontakt treten und eventuell über Kollaborationen nachdenken. Aber erstmal sehen wie sich die jetzige Lage entwickelt.


Lotte: Schön wäre es, die WET nach und nach ausbauen zu können und womöglich irgendwann mehr als einen Floor bespielen und tolle Live-Acts buchen zu können. Abwarten…

www.facebook.com/wetVienna

Special Thx to Sabrina from Nachtclubs Berlin!

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