Das dürfte den ein oder anderen von euch doch ganz schön verwundert haben – das Line-up zur MAYDAY 2020. Ist der Grund das Jubliäum, das die Großveranstaltung in diesem Jahr feiert? Möchte man „back to the roots“ gehen? Wollen die Veranstalter ein neues bzw. überarbeitetes Konzept bei einem der traditionsreichsten Events Deutschlands einführen? Sind die rückläufigen Besucherzahlen Anlass dafür, das Rad möglichst neu zu erfinden? Sicher ist: Das Line-up für MAYDAY am 30. April 2020 ist so klar definiert und strukturiert wie seit vielen Jahren nicht mehr. Eine Bestandsaufnahme.

Falls man sich fragt „Warum Jubiläum? MAYDAY wird doch erst nächstes Jahr 30 Jahre alt“ – richtig. Weil die Veranstaltung aber in den Anfangsjahren teils zweimal pro Jahr gefeiert wurde, steigt 2020 die insgesamt 35. Ausgabe. Genug der Verwirrung und zurück zum Hier und Heute: Die Booker im Hause I-Motion besonnen glasklar auf drei Kernbereiche: Techno, Harder Styles, Classics. Kein Trance (gut, ausgenommen auf dem Classic Floor) , kein Anflug – ja, nicht einmal ein Hauch! – von EDM. Wer einen Paul van Dyk, David Guetta oder Tiesto in der Namensaufstellung sucht, sucht vergebens. Stattdessen hat man es sich auf die Fahne geschrieben, hochkarätige Acts aus den drei genannten Sparten einzuladen. Newcomer? Nein. Oder: Jein. Denn weder ein Adam Beyer noch eine Amelie Lens oder ein Kobosil zählen zu den neuesten Shootingstars der Szene. Sie sind seit Jahren – und manche seit vielen Jahren – im Geschäft und führen inoffizielle Rankings der Beliebtheitsskalas an, wenn man sich Umfragen in der Technoszene anguckt. Möchte man einen Fisher, einen Thomas Hoffknecht oder einen Dax J als Newcomer betiteln – bitte sehr. Allerdings sind auch sie nicht erst seit gestern big in business. Auf der anderen Seite sucht man auch einen Sven Väth vergeblich. Der wohl bekannteste und erfolgreichste Techno-Export aus Deutschland war lange Zeit Stammgast im Line-up. Nicht mehr 2020. Fazit: Das Techno-Line-up ist vorzüglich und lässt einen an Awakenings, Connect, Time Warp und DGTL denken.

Kommen wir zu den Harder Styles. Hardcore, Frenchcore, Rawstyle, Hardstyle und wie sie alle heißen: Sie sind seit geraumer Zeit fester Bestandteil bei MAYDAY. Und haben auch seitdem eine eigene Base, einen eigenen Floor. In der FACTORY gibt es den härtesten Sound unserer Szene, geballt auf einer Stage. Mit viel Pyrotechnik, Flame-Jets und allerhand Shouts von den MCs. Was aber nicht heißt, dass die Harder-Styles-Fraktion nicht auch einen Platz in der größten Area bei MAYDAY hätte: der ARENA. Zumindest war dies in den letzten Jahren so im ellipsenförmigen Bereich der Westfalenhallen. Die ARENA hatte seit längerem kein klares Konzept mehr – was sicherlich beabsichtigt war, um die Soundvielfalt zu garantieren. Hier spielten DJs und Artists aus nahezu allen Bereichen. Markus Schulz legte Trance auf, Sven Väth Techno, Wildstylez war für die Harder-Styles-Kombo vor Ort und Talla vs. Taucher übernahmen beim Closing-Set den Soundtrack für die Raving Society. Und 2020 ist alles anders? Abwarten. Noch ist offiziell nicht bekannt, welche Acts auf welchem Floor spielen. Derzeit ist nur klar, dass es vier Areas geben wird. Wir vermuten mal, dass die Namen gleich geblieben sind, mit ARENA, EMPIRE, FACTORY, CLASSIC FLOOR. Letzteren gab es bereits schon einmal. Wenn ich mich nicht irre, 2011 zum letzten Mal, beim 20-jährigen Jubiläum „Twenty Young“. Anschließend wurden die Westfalenhallen – ein riesiges Messegelände – einer Sanierung und diversen Umbaumaßnahmen unterzogen. Und der Classic Floor blieb aus. 2020 also die Rückkehr des so heiß geliebten Bereichs, der nicht nur die alten Hasen anzieht, sondern auch die Youngster, die nur allzu gerne die Anfänge des Raves live miterlebt hätten.

Manch einen mag ebenfalls verwundern, dass es kein Motto zu geben scheint. Nach telefonischer Rücksprache mit dem Veranstalter I-Motion wurde uns mitgeteilt: Es gibt auch 2020 ein Motto, welches man in Kürze bekannt geben wird. Nur stand es eben beim Schreiben des Artikels noch nicht fest. Was dieses Jahr defacto nicht mehr stattfinden wird, sind die „Friends of Mayday“. Das Projekt, das WestBam einst als „Members of Mayday“ einführte, welches sodann durch rechtliche Maßnahmen „umbenannt“ werden musste, hat 2020 möglicherweise keinen Platz mehr. Keine Hymnen-Aneinanderreihung und wehenden Fahnen auf der Bühne also. Dabei spekulierte manch einer in den Social Medias, dass WestBam vielleicht wieder zurückkommen werde, zur deutschen Ausgabe von MAYDAY – spielte er ja bei MAYDAY Polen im vergangenen November.

Werfen wir doch last but not least einen Blick auf den Classic Floor. Natürlich dürfen die Pioniere Talla und Taucher nicht fehlen, die heute stilprägend den „Sound of the 90s“ personifizieren und diesen auf die Tanzflächen portieren. Wer heutzutage eine absolute Hochkonjunktur erlebt, ist Jam. Die eine Hälfte von Jam & Spoon gründete kürzlich sein eigenes Label und feiert mit seinem Fast-Forward-Techtrance große Erfolge. Beim Namen Melanie di Tria werden Erinnerungen geweckt, an eine Zeit, in der sie in alten, stillgelegten Fabriken die Afterhour um 8 Uhr morgens spielte. Ein kleines Schmunzeln entfiel dem ein oder anderen sicher, als er den Namen Aquagen oder Jay Frog (ehemals Scooter) gelesen hat.

Das Line-up für MAYDAY 2020: vielleicht die Reinkarnation der guten alten Zeit, versehen mit den neuen Stars der Underground-Szene. Definitiv aber ein mutiger – und womöglich auch notwendiger – Schritt, um den Namen MAYDAY auf dem heute so hart umkämpften Eventmarkt weiterhin etablieren zu können. Als MAYDAY 1991 geboren wurde, hatte man ein gewisses Alleinstellungsmerkmal aufgrund der vergleichsweise wenigen Events. Doch da Veranstaltungen wie Pilze aus dem Boden schießen, ist manchmal eben Umdenken angesagt.

MAYDAY 2020: 4 gewinnt! 4 Floors, 14 Stunden Party nonstop, 44 Acts. Startschuss ist um 19:00 Uhr, Ende um 09:00 Uhr.

MAYDAY // 30.04.2020 // Westfalenhallen, Dortmund

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