Jeder Mensch sieht die Welt durch seine persönliche Brille. Es gibt keine objektive, für alle allgemeingültige, Realität. Mit seinen Erfahrungen und seinem Wissen, die ihm eben zum jeweiligen Zeitpunkt zur Verfügung stehen, erklärt sich der Mensch seine eigene, für sich stimmige Wirklichkeit. Dinge, die sich mit diesem Wissensstand nicht erklären lassen, bleiben unerklärt und werden ausgeblendet.

Durch die zunehmende Modularisierung von Wissen kann ich viele Dinge einfach nicht mehr verstehen; sie sind viel zu spezialisiert und schlicht zu viel in ihrer Menge. Ich muss nun wohl erkennen, dass ich die Einschätzung von Experten brauche und dass diese Recht haben. Das genau hat der Philosoph Theodor W. Adorno in den 1960er-Jahren schon für ein sehr problematisches Phänomen gehalten. Denn ich bin nun nicht nur bereit, einer „Autorität“ Glauben zu schenken, sondern vielmehr noch, dieses Wissen (für mich „Fremdwissen”) einfach zu verbreiten und sogar energisch zu verteidigen, obwohl es nicht mein eigenes Wissen ist.

Ich war gestern bei meiner Nana; sie ist eine schlaue alte Dame. Bei ihr auf dem Boden liegt ein großer runder roter Teppich. Auf ihm befinden sind verschiedene Muster in Form von Kreisen: ein kleiner Kreis in der Mitte und zwei bis drei größere der Mitte entspringend. Seit einiger Zeit schwirrt in meinem Kopf ein Modell herum, das ich nun versuche zu formulieren, wobei der Teppich sich als Hilfe erweist. Ich stehe hier in der Mitte des Teppichs. Der kleine Kreis um meine Füße könnte nach meinem Gedanken-Modell mein Wissen darstellen. Mein direktes und erlebtes Wissen, meine Wirklichkeit. Ich mag Spaghetti, ich liebe meine Freundin, ich stehe gerne früh auf, ich mache leidenschaftlich gerne Musik. Diese Punkte sind nicht diskutierbar. Wenn ich sage „Ich mag Spaghetti“ und jemand anderes sagt „Nein, das tust du nicht“, dann sage ich „Doch!“. Das ist der kleine Kreis meines direkten erlebten Wissens. Jetzt kommt der nächste, viel größere Kreis auf dem Teppich. Dort hinein kommt das ganze angenommene Wissen. Ich nehme an, dass dies oder das so ist, weil ich das mal gehört habe. Ich nehme an, dass deutsches Leitungswasser gut ist. Ich nehme an, dass diese Tabletten für mein Kind unbedenklich sind. Ich nehme an, dass Milch gesund ist. Ich nehme an, dass Sonnencreme auf der Haut unbedenklicher ist als Sonne auf meiner Haut. Ich nehme an, dass Journalist*innen kritisch berichten.

Wenn eine Freundin auf mich trifft und sagt: „Ich habe gerade ein Buch über Strahlenbelastungen in Schlafzimmern gelesen und darin steht, dass ein Mensch besser schläft je weniger Strahlung im Zimmer ist“, dann wäre eine offene, verständnisvolle Reaktion: „Erzähl mir mehr“. Allzu oft wird heute aber schnell gesagt: „Was erzählst du denn da? Wenn es da ein echtes Problem geben würde, wäre es mir bereits bekannt. Die Medien hätten schon längst darüber berichtet und natürlich würden auch die Experten Alarm schlagen!“ Wir wollen festhalten: Meine Freundin hat ein Buch zu diesem Thema gelesen, ich hingegen habe das nicht getan und trotzdem glaube ich, besser informiert zu sein.

Kann ich eigentlich noch unterscheiden, welche meine eigenen mit Verstand und Mühe erschaffenen Vorstellungen sind und welche vielleicht nur Fremdvorstellungen sind?

Wenn ein Mensch z.B. viel von den Themen der Tagesschau redet, richtet dieser Mensch sich nach der Themen-Speisekarte der Nachrichten. Und bildet sich dann aufgrund dieser einen Berichterstattung sein Urteil. Die kritische Vielfalt der Medien als wichtige Einrichtung zwischen der Bevölkerung und den Regierenden hat abgenommen. Wer mit den Nachrichten im Rücken argumentiert, richtet sich eben nach den Nachrichten. Vielleicht heißen sie ja deswegen so, weil du dich nach denen richten sollst.

Das Freund-/Freundin-Phänomen:

Mein bester Freund kommt zu mir und sagt: „Meine Freundin nervt voll ab, die ist fast nicht auszuhalten!“ Ich denke mir nur: „Mein armer bester guter Freund, mit was für einer blöden Ziege ist er doch zusammen, warum muss sie ihn immer so nerven?“ Immer wieder kommt er zu mir und schimpft über seine Freundin. Ich frage mich, warum sie so doof zu ihm ist. Ich erzähle es meiner Freundin. „Weißt du, seine Freundin ist einfach nur doof und sie merkt es nicht einmal, so eine Ziege“ Meine Freundin: „Hast du denn mal mit ihr darüber gesprochen oder nur mit ihm?“ „Wieso?“, frage ich. „Naja, vielleicht ist sie ja ganz anderer Meinung als er! Dafür müsstest du aber auch mit ihr reden.“

Christians Oled TV:

„Ey, Henrik, ich habe mich jetzt über zwölf  Monate in den verschiedensten Magazinen und auf ganz vielen Internetseiten über Fernseher informiert und habe mich nun endlich entschieden. Das Gerät der Marke HellHell ist das Beste.“ Ich denke mir nur: „Unglaublich, wie viel Zeit und Hingabe er in den Kaufentscheid eines Fernsehgerätes steckt.“

Wie kommt es, dass wir bei solchen Themen lange recherchieren, aber bei echt wichtigen Themen wie Gesundheit so oft einfach auf eine Fremdsicht vertrauen?

Die Gameshow „Das Baumhaus“:

Stell dir eine Fernsehsendung vor. Die Idee der Show: Zwei Riesen-Häuser mit jeweils 100 Menschen werden in diesem Spiel gegeneinander antreten. Das Ziel ist es, so gut und schnell wie möglich ein riesiges Baumhaus zu errichten. Die 100 Menschen im Haus A wurden vom Casting so zusammengestellt, dass ihre gegeneinander strebenden Werte und Ansichten sofort für Unruhe und Streit sorgen werden.

Im Haus B wurde darauf geachtet, dass alle zusammenhalten und alle wissen, dass sie im gleichen Haus wohnen und am gleichen Strang ziehen müssen.

Welches dieser beiden Häuser würde nun wohl das Baumhaus schneller und besser errichten können, das zerstrittene oder das Haus mit Bewusstheit und Vertrauen?

Es kann sich sogar ein ganzes Land in eine Art Streit-Szenario begeben. Dafür müssten die Menschen in Gruppen mit gegensätzlichen Werten und Moralvorstellungen eingeteilt werden. Zum Beispiel in einem Parteienmodell. Vielleicht links, eher links, rechts, eher rechts. Ich bin von den Linken, wir sind die Guten. Die anderen sind die Rechten, die sind die Bösen; so in der Art könnte das dann klingen.

Was aber, wenn nun meine Gruppe etwas Böses möchte, wie vielleicht Krieg oder ähnlich schlimme Dinge? Und nun sagt die andere Seite zu allem Übel auch noch etwas Gutes. Am besten einfach immer weiter mit den Guten mitmarschieren. Was soll schon groß schief gehen?

Fremdmoralisch gesteuerte Menschen, die sich nie wirklich tiefer mit ihrer Gruppe auseinandergesetzt haben, glauben oft, dass sie auch der Meinung sind, die in der Gruppe gerade postuliert wird. Selbst wenn eigentlich klar ist, dass es nicht der moralischen Vorstellung dieser Person entspricht.

Eventuell haben wir nicht mehr den Luxus, uns nicht tiefer zu interessieren zu müssen. Uns nicht zu informieren und einfach die Worte und Meinungen der gestrigen Fernsehmeinung zu verbreiten, als wäre es unsere eigene Ansicht.

Ich habe in meinem Leben festgestellt, dass, wenn ich aus meinem Annahmekreis heraustrete und mich selbst tiefer informiere, dass es dort noch ganz andere Sichtweisen gibt, mit denen ich tatsächlich erst dann mein eigenes Weltbild formen kann.

Ich hörte kürzlich: „Ich gehe nicht demonstrieren, da sind Rechte bei.“ Das ist eine ganz knifflige Geschichte, denn ich bin mir sicher, dass da neben den Rechten auch Linke und Personen aus der Mitte bei sind – eben alle zusammen. Alle gehen jetzt auf die Straße, aber weil da Rechte bei sind, können wir da nicht mehr hingehen?

Und ins Fußballstadion können wir auch nicht mehr, da sind auch Rechte unter den Zuschauern. Ach ja, zu Edeka können wir auch nicht mehr, da kaufen auch hin und wieder Rechte ein. Und nicht zu vergessen: Wir sollten jetzt darüber nachdenken, kein Bier mehr zu trinken, denn es ist vermehrt vorgekommen, dass auch Rechte Bier trinken!

Ich für meinen Teil werde nun versuchen, so oft ich kann, alle Arroganz und Ignoranz in meiner Haltung und meinem angenommenen Wissen abzulegen. Die Weiterentwicklung entsteht durch die Aufgabe dieser Schutzfestung. Dann kommt endlich wieder anderes Wissen zu mir durch.

Die Welt ist nicht böse oder schlecht; nur lassen wir durch unsere Ignoranz und Arroganz das Böse leider immer wieder zu. Es braucht tatsächlich unser Einverständnis, damit Böses geschehen kann. Wir denken zu der Zeit nur fatalerweise immer wieder, dass es das Gute sei.

Das Gute ist somit weniger bedroht durch das Böse, vielmehr ist es bedroht durch die Uninformiertheit der Menschen.

Die Fakten kann niemand anders für mich checken, das muss ich leider immer selbst machen. Die echte Meinung kann nur hinter einem mühsamen Informationsbeschaffungsweg liegen. Was ich wichtig finde, ist, dass wir uns kritische Aussagen anschauen müssen, um sie dann entkräften zu können. Wir müssen ausschließen, dass an diesen Theorien etwas dran ist. Dafür müssen wir uns aber mit diesen Dingen auseinandersetzen.

Ich wäre jetzt so gerne auf einer riesigen Goa-Party mit euch, superbesoffen und alle um mich herum trinken aus dem gleichen Becher!

Henrik <3

 

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