Seit über 15 Jahren ist Markus Suckut als DJ aktiv, sein erstes Release kam vor zehn Jahren raus. Mittlerweile sind es weit über 30, darunter auch die Alben „DNA“ (Figure), „Resist“ (Exile) und „Heaven Is A State Of Mind“ (Rekids). Er betreibt darüber hinaus seit 2012 das Label SCKT, auf dem kürzlich der hier besprochene Track „Infinity“ erschienen ist.


„Infinity“ besteht scheinbar aus nur wenigen Sound-Zutaten, doch diese wenigen haben es in sich. Lass uns den Track erst mal in seine Bestandteile gliedern – was haben wir hier?

Der Track ist sehr stripped down. Die Kick ist aus mehreren Kicks gelayert. Dann gibt es noch eine Tom, die durch ein Delay gejagt wird. Diese beiden Elemente sind der Grund-Loop, der sich durch den gesamten Track zieht. Darüber hinaus gibt es noch diverse Hi-Hats, zwei Shaker und die Clap. Das Pad kommt aus dem Native Instruments „Massive“. That’s it.

Woher stammen die übrigen Sounds? Kaufst du dir gerne neue Sample-Pakete, samplest du von alten Platten noch selbst oder bastelst du dir deine Sounds hauptsächlich mit Synthesizern im Studio?

Ich habe eine sehr große Library an Samples über die Jahre angesammelt, unter anderem auch viele eigene, abgesamplete Sachen aus dem Studio. Von alten Platten habe ich, glaube ich, noch nie gesamplet. Ich denke, ich habe da eine gute Mischung aus One Shots, Plug-ins und Hardware. Aber bevor ich neue Samples kaufe, hole ich mir lieber Hardware für mein Studio oder neue Plug-ins.

Wenn du dann alle Zutaten parat hast, wie gehst du einen solchen Track an?

Das ist komplett unterschiedlich. Früher habe ich immer mit dem Groove angefangen. Wenn ich da etwas Gutes hatte, wurde das ganze Teil ewig geloopt und gehört. Danach habe ich dann nach passenden Elementen gesucht, indem ich im Studio die Hardware angeschmissen und gejamt habe. Mittlerweile erwische ich mich immer öfter dabei, wie ich erst ein Thema erarbeite und dann den Groove dazu baue. Deswegen sind meine Sachen zurzeit auch eher melodiös und nicht mehr so toolig.

Mit welchen Effekten und Plug-ins hast du die Sounds bei „Infinity“ manipuliert?

Ich nutze in fast jedem Track das Guitar Rig von Native Instruments, das liegt in Ableton auf einem Return-Kanal, damit ich mit mehreren Sounds reingehen kann. Das spart auf jeden Fall Rechenleistung. Guitar Rig ist einfach klasse, es ermöglicht nahezu unendliche Variationen an Effektreihungen. Die Kick, und alles was im Sub-Bereich passiert, gruppiere ich und benutze dann das Satin Tape, ein Plug-in von U-HE. Das bringt etwas Dreck in das Ganze und klebt den Sound dezent zusammen. Das Gleiche mache ich mit den Hi-Hats und Shakern. Als Delay habe ich ein weiteres Plug-in von U-HE genutzt: ColourCopy, ein sehr umfangreiches und tolles Echo. Als Filter nutze ich hingegen oft den internen Autofilter von Ableton. Extern habe ich den DP4 genutzt, um dem Ganzen noch etwas mehr Leben einzuhauchen. Und zum Schluss wird alles durch meinen analogen Mixer gejagt.

Viele Produzenten sagen, die Nummern, die sie in kurzer Zeit fertigstellen konnten, sind meistens auch die besten. Wie lange hast du an „Infinity“ gearbeitet? Lässt sich das in Stunden zusammenfassen?

Dem kann ich nur zustimmen! Ich habe mir angewöhnt und auch als Ziel gesetzt, nicht lange an einem einzelnen Track zu arbeiten. Wenn ich merke, dass ich zu lange an einem Stück sitze, killt es total meinen Vibe. Aus diesem Grund versuche ich zumindest das Hauptthema und ein grobes Arrangement innerhalb von drei bis vier Stunden fertig zu stellen. Meist lege ich das Projekt dann zur Seite und höre erst nach ein paar Wochen wieder rein. Und wenn es sich dann immer noch gut anfühlt, dann kümmere ich mich um den Feinschliff. Bei „Infinity“ ging es wirklich ungewöhnlich schnell. Das komplette Thema, inklusive Drumming, entstand innerhalb von 15 bis 30 Minuten morgens mit Laptop im Bett. Das war genau ein Jahr, nachdem meine Mutter gestorben war. Gegen Mittag habe ich mich dann auf den Weg ins Studio gemacht und an das erste Arrangement gesetzt. Ich habe insgesamt drei Versionen gebaut: eine mit einem gesampleten Vocal, die ich ab und zu spiele, eine Version mit einem anderen Ende und die Version, die veröffentlicht wurde. Ich habe also alles in allem einen Tag an dem Track gearbeitet.

So sollte es immer sein, oder? Wie viel Zeit verbringst du allgemein im Studio?

Das ist total unterschiedlich. Ich habe Phasen, da bin ich sehr oft und lang im Studio, da bekomme ich dann meistens sehr viel geschafft und arbeite auch viele Skizzen und Ideen weiter aus. Aber es gibt auch die Phasen, in denen man einfach nicht kreativ ist. Das ist aber ganz natürlich. Ich denke, dass ist eine Sache, die jeder kennt, aber es können vielleicht nicht alle damit umgehen. Ich habe auch sehr lange gebraucht, um das einfach zu akzeptieren. Wenn ich merke, dass es im Studio einfach nicht klappen will, dann mache ich schnell alles wieder aus, anstatt es zu erzwingen. Dann mache ich andere Sachen, gehe neue Platten durch, digitalisiere die neuen Scheiben oder gehe nach Hause und verbringe den Tag anders.

„Infinity“ ist ein wirklich sehr emotionaler Track, der tief greift und einen ganz zarten, sanften, gar zerbrechlichen Vibe kreiert. Wie kam es zu dieser Produktion? Was hat dich dazu inspiriert und selbst in dieses Mind-Set versetzt?

Wie gerade schon erwähnt, ist der Track genau ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter zustande gekommen. Ich denke und glaube, dass mich das unterbewusst in diesen Mood versetzt hat, und dass dies auch der Grund dafür war, weshalb der Track auf diese Art entstanden und letztendlich geworden ist.

Wann kommt diese Nummer im Club am besten an, wann kann sie sich voll entfalten?

Es ist auf keinen Fall eine Peak-Time-Nummer. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass „Infinity“ am besten funktioniert, wenn man lange Sets spielt und die Nummer dann zu sehr später Stunde bringt – also eigentlich, wenn es draußen wieder hell wird, die Leute dann wie in Trance sind und sich für solche Sounds öffnen. Die Nummer hat mir schon viele tolle Gänsehautmomente im Club beschert – das hat man nicht alle Tage. Aber das hängt wohl auch mit der Geschichte zusammen, die ich mit dem Track verbinde.

Die Nummer ist Teil einer Platte, die den Startschuss einer neuen Serie darstellt. Wie heißt diese Serie und welche Idee verfolgst du hier?

Die Serie heißt „Portal“. Ich habe Anfang dieses Jahres meine Podcastreihe mit dem selbigen Namen gestartet. Das Konzept: Sachen aus meiner Plattensammlung zu präsentieren, die ich in der Regel nicht im Club spielen kann, da es die Situation nicht hergibt – also deepere Sachen, die nicht so nach vorn gehen.
Das Konzept lässt sich meiner Meinung nach ganz gut auf Releases übertragen, also auch hier deepere Sachen zu veröffentlichen – anstatt auf SCKT, die die Grundidee des Labels sonst verwässern würden. Lange, verspulte, verspielte Trips, sowas wird heute kaum noch veröffentlicht, habe ich das Gefühl. Ich würde gerne immer zwei Tracks veröffentlichen, damit man ausreichend Platz auf dem Vinyl für eine gute Soundqualität hat und genug Lautstärke beim Cut.

Schnelle, harte Rhythmen und Acid sind in der Techno-Szene im Moment viel eher präsent. Wie stehst du zu Trends und wie wichtig ist dir der eigene Sound?

Only dead fish go with the flow! Ich bin absolut kein Fan von Trends, ich habe eher das Gefühl, dass ich mich irgendwie immer gegen den Trend bewege – klingt etwas komisch, aber es ist einfach so. Ich kann mit dem harten und schnellen Sound nichts anfangen, der zurzeit so durch die Decke geht. Die Sachen sind oft so ideen- und inhaltslos, da triggert mich einfach nichts. Verstehe mich bitte nicht falsch, es ist okay, wenn es mal härter wird, aber nicht die komplette Nacht. Die Dynamik in einem DJ-Set ist so wichtig, aber ich habe das Gefühl, dass das kaum noch jemand beherrscht oder Wert darauf legt. Aber klar, wo sollen die Leute das auch lernen? Wo gibt es noch richtige Residents, die jede Woche in ein und demselben Club spielen und das auch länger als zwei Stunden? Anders lernt man aber nicht eine Crowd zu lesen oder den Mut zusammenzunehmen die Leute mal hinzuhalten, um sie dann zu schicken. Die haben alle ihre 120 Minutes of Fame und denken, sie spielen das Set ihres Lebens. Es kommt so oft vor, dass ich mal ein bis zwei Stunden vor meinem Set in den Club komme und der DJ vor mir einfach schon total brettert – um Mitternacht schon 135 bpm schnellen und harten Techno zu spielen macht keinen Sinn. Wo soll die Reise da noch hingehen in der Nacht? Das Opening ist das wichtigste Set des Abends – wenn das schon scheiße ist, dann wird der ganze Abend nichts. Das ist auch einer der Gründe, warum ich gerne länger als zwei Stunden spiele, gerne vier oder mehr! Und was die Produktionen angeht, da brauche ich Groove und Elemente, die einen wegschicken und kein stupides Gehämmer. Acid zum Beispiel liebe ich total, aber nicht in der Form, wie er zurzeit überall gespielt wird, das hat nichts Trippiges, in dem man sich verlieren kann. Bei dem ganzen neuen Zeug gibt es so gut wie nie eine richtig geil programmierte Sequenz, einfach nur einmal angetriggert und loopen, was ist daran geil? Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich älter und privat auch ruhiger geworden bin.

Hast du einen abschließenden Tipp?

Ich finde, es ist heute um so wichtiger geworden, seinen eigenen Sound zu finden und zu diesem zu stehen. Anfangs habe ich mich nie getraut, meine eigenen Produktionen im Club zu spielen, vielleicht weil ich Angst hatte, meine Sachen im direkten Vergleich mit anderen Produktionen zu hören. Mittlerweile spiele ich um die 30 bis 40 Prozent oder sogar mehr an eigenen Sachen in meinen DJ-Sets, auch vieles, was einfach nie rauskommen wird. Es gibt nichts Langweiligeres als andere Leute zu kopieren, deswegen gibt es auch einfach so viel Kram der gleich klingt. Aber Copycats sind Eintagsfliegen, und die vergisst man ganz schnell!

 


 

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Foto: Sebastian F. Morgner
www.markussuckut.com