Ehrlich

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: „Ehrlich gesagt …“

 

Lasst uns doch mal ehrlich sein. Denn offenbar sind wir das viel zu selten. Doch ist Ehrlichkeit nicht eine Tugend, die wir alle in uns tragen sollten? Ich bekomme häufig Musik von Kollegen geschickt, mit der Bitte um eine ehrliche Meinung und kriege danach auffallend oft zu hören bekommen: „Danke, dass du ehrlich bist.“

Moment mal. Danke fürs ehrlich sein? Nein, dafür nicht.

Ich bin schnell für etwas zu begeistern. Genau so schnell finde ich Sachen aber auch schlecht und scheue mich nicht, sie konstruktiv zu zerreißen. Natürlich ist die persönliche Einschätzung immer zuerst subjektiv, eine Geschmacksfrage. Mag ich den Track oder mag ich ihn nicht? Aber unabhängig von den inneren Antennen dient eine ehrliche Meinung natürlich auch dem Vermeiden von Fehlern. Nämlich wenn selbst das geschulte Ohr Feinheiten überhört, der Aufbau holpert oder die Mische schlichtweg nicht sitzt.

Eine ehrliche Meinung zu geben, heißt schlussendlich auch einmal den Finger in die Wunde zu legen, unabhängig davon ob man die Person gut kennt oder nicht. Jemandem gegenüber ehrlich zu sein erfordert natürlich auch eine dezente Wortwahl, denn nicht jeder möchte gleich ungeschminkt in den Spiegel schauen, der ihm vorgezeigt wird. Stichwort Diplomatie, sprich: Das freundliche „In your face“ ist nicht der Elefant im Porzellanladen. Doch selbst wenn man wahres Taktgefühl nur aus dem Studio kennt, bringt es Niemanden weiter, wenn wir schlechte Produktionen einfach nett weg lächeln. Ein: „Cool track, bro“ oder „Nice stuff, mate“ ist schnell gesagt, wenn man keine Lust auf die folgende Diskussion hat. Denn die folgt zuweilen auf Kritik.

Natürlich will man mit seiner Musik gemocht werden. Kritik fühlt sich nicht so schön an wie Lob. Gerade wenn man viel Zeit und Liebe in einen Track gesteckt hat, stempelt man Kritiker rasch als ahnungslose Hater ab. Man sehnt sich schließlich nach Zuspruch, wenn man sinnbildlich auf dem Thron steht, die Hände wie Gott ausbreitet, um seinen untertänigen Knechten ein neues Meisterwerk zu präsentieren. Klar, das Gefühl kennen wir doch alle.

Aber nimmt sich überhaupt noch jemand Zeit für Konstruktivität? Sagt man seine ehrliche Meinung, auch wenn man lieber weg- statt hinhören will? Es ist wohl ein wenig aus der Mode gekommen, sich wieder tiefer mit den Produktionen anderer Künstler auseinanderzusetzen, sich mit einer kleinen Hilfestellung gegenseitig unter die Arme zu greifen. Viel zu oft wägt man vermutlich ab, welchen Nutzen oder gar Schaden das für einen selber haben könnte.

Natürlich kann man sich gegenseitig die Taschen voll hauen, um bloß nicht schlecht vor dem Gegenüber dazustehen. Denn irgendwann will man ja noch was von ihm. Aus Angst also dem nützlichen Kontakt vor das Schienbein treten? Nein, dann doch mal lieber eine kleine Notlüge einbauen und die wirkliche Meinung im stillen Kämmerlein einschließen. Hauptsache man bringt sein oberflächliches Netzwerk-Puzzle nicht noch aus dem Gleichgewicht.

Will ich nun aber eine ehrliche Meinung oder soll mir nur jemand nach dem Mund reden? Kein nettes Geschwafel, keine Schönrederei bringt uns weiter, wenn doch in Wahrheit noch so viel Luft nach oben ist. Doch auch wenn diese wahren Worte manchmal schmerzen, helfen sie um so mehr sich zu verbessern. Um diesen einen Rückschritt in zwei Schritte nach vorne zu verwandeln.

Wir Künstler wollen uns doch stetig weiter entwickeln, also bringt es uns nur weiter, wenn wir ehrlich zu einander sind. Und ehrlich sollte man in erster Linie immer erst zu sich selber sein. Wenn man mit seinem Latein dann einmal am Ende ist, sollte man eine zweite Meinung nicht scheuen. Wer eine ehrliche Meinung sucht, sollte sie auch bekommen. Alles andere ist schlichtweg Zeitverschwendung.

Öfter also mal wieder Danke sagen, sehr gerne. Aber vor allem sollten wir bedingungslos aufrichtig und zueinander ehrlich sein. Das währt schließlich am längsten. Auch wenn es vermutlich ein Wunschdenken bleibt.

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www.marc-depulse.com 
Grafik: www.facebook.com/ZOVVstoff