Novys Welt 10/2011

Ich weiß ja nicht, ob es dem einen oder anderen schon aufgefallen ist, aber Dancemusik ist wieder in aller Munde. Eigentlich macht heute jeder Dance. Also sogar die ach so coolen Britpopper Coldplay klauen mal eben eins zu eins das Piano von „Ritmo De La Noche“. Es darf kopiert und geklaut und vor allem wiederholt werden. Als Fedde Le Grand jetzt „So Much Love To Give“ neu aufgelegt hat, dachte ich wirklich, es geht los … Das Original ist von DJ Falcon und Thomas Bangalter (Daft Punk) und gerade mal zehn Jahre alt. Ist es denn tatsächlich so, dass alles wiederholt werden muss heutzutage? Ich hab ja nichts gegen ein gut gemachtes Cover, aber mal ernsthaft – so langsam geht das doch echt zu weit und mir vor allem tierisch auf die Nerven. Guetta klaut bei Felix und lässt Snoop drüber rappen: Fertig ist der „neue“ Hit?

Alles, aber auch alles wird neu aufgemischt. Nicht, dass es früher nicht auch schon so war. Da wurde gesampelt, was das Zeug hält. Nur hat man eben versucht, etwas Neues zu machen und nicht denselben Song noch ein weiteres Mal auf die selbe Art und Weise. Die Musik ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem es mir schwer fällt, noch zuzuhören. Die Radios trällern mit einer frechen Beständigkeit einen Europop-Dance-Song nach dem anderen. Das grenzt an Körperverletzung. Als hätten sie alle nur darauf gewartet, uns zu foltern. Lady Gaga über Usher bis Lmfao – alles klingt wie aus der Konserve. Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht viel innovativer. Die Undergroundszene langweilt ihre Fans mittlerweile nur allzu gern mit unendlichen Drumloops und einfallslosem Klickklack. Wenn dann ein Luciano einen Edit von „She Drives Me Crazy“ von den Fine Young Cannibals aus den 80ern spielt, geht es ab, als würde er den Song gerade selbst singen. In Wirklichkeit würden alle „Undergoundler“ nämlich viel lieber so etwas hören, dürfen es aber nicht laut sagen.

Das Problem ist aber leider ein ganz anderes und vielleicht sogar die Ursache allen Übels. Die Art und Weise, WIE heute Musik gehört wird. Ich hab neulich vier Teenies am Bahnhof beobachtet, wie sie sich
Musik auf ihrem Handy vorgespielt haben. Kein Song lief länger als 20 Sekunden. Es wurde vor und zurück geskippt. Die Schwester meiner Frau ist 16 und hört Musik auf dem Laptop. Mit Laptopboxen. Am besten gleich über YouTube. Wie soll hier ein Verständnis für Klang und Harmonie entstehen? Hinzu kommt das Wertgefühl. Wenn ich alles umsonst im Internet ziehe, welchen Wert hat es für mich dann noch? Ich erinnere mich noch gut an die Tage und Wochen, die ich in den Plattenläden dieser Welt verbracht und mir Musik angehört habe – immer auf der Suche nach neuen tollen Titeln. Vinyl und CD hatten ihren Preis, und das völlig zu Recht!

Wie entsteht heute also ein Hype um einen Song? Es ist ganz einfach: Marketing! Das hat mit Qualität nichts zu tun. Weder muss es ein Ohrwurmgarant sein, noch eine tolle Hook haben. Wer mir erzählen will, dass ihm „One Night In Ibiza“ unter die Haut geht, der lügt frech. Es ist schlicht und einfach Marketing. Die Plattenfirmen heute haben wenigstens eins erkannt: Sie können die Stars machen. Und so kommt es dann auch dazu, dass im Department Guetta bei der EMI heute bestimmt 50 wenn nicht mehr Leute sitzen, die sich ausschließlich um sein Marketing kümmern. Egal wo, selbst bei Beatport, versuchen alle, die begehrten Features zu bekommen. Ohne ist es so gut wie unmöglich, bei mehr als 1.000 Veröffentlichungen noch Aufmerksamkeit zu erregen. Wie auch?

Selbst ein Paul Kalkbrenner ist nicht von gestern auf heute ein großer Star geworden. Nein, es war ein guter Film, der ihn dazu gemacht hat. So erklärt sich heute das Musikgeschäft am besten, denke ich. Die Musik steht nicht mehr im Vordergrund. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt. Ich will hier auch nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen oder ihm den Erfolg neiden. Ich möchte eher zum Nachdenken darüber anregen, warum Musik heute so ist wie sie ist. Es bringt nämlich nichts, sich darüber aufzuregen, wenn man sich selbst von YouTube-Klicks, Facebook- Fans oder sonstigem Zeug beeindrucken lässt. Dann hat es nämlich schon gewirkt … das Marketing.

Deshalb vielleicht einfach mal wieder in einen Plattenladen gehen, einfach nur Musik hören und selbst entscheiden, was einem gefällt und was nicht. Wie wäre es damit?

Viel Spaß beim Einkaufen – bis zum nächsten Monat!

Tom

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