Novys Welt 04/2012 – FAZE 002

Ich melde mich mal wieder aus Miami. Es ist Winter Music Conference. Ich bin in diesem Jahr mit gemischten Gefühlen hierher geflogen. Braucht es diese Konferenz noch oder ist das Thema durch? Und wenn doch, dann bestimmt nicht zehn Tage am Stück. Aber Miami ist ja eigentlich immer nett, wenn also schon nicht für‘s Bussiness, dann wenigsten für ein paar Tage Sonne. So haben sicher viele gedacht. 

Und es war bisher auch wieder richtig nett. Ich habe viele alte Leute getroffen und neue kennengelernt. Die Partys sind nicht alle voll, aber wie auch – bei gefühlten 200 Stück am Tag? Es herrscht jedenfalls überall eine seltsame Stimmung. Etwas, das gerade alle beschäfigt, besonders hier in den USA. „Wie lange geht das alles noch so weiter?“ könnte die Schlagzeile lauten. Alle reden nur noch übers Geld und viel zu wenig über Musik. Das ist zumindest mein Eindruck. Meistens geht es darum, wer wie viel wo abgezockt hat und wer von der Plattenfirma wie viel Vorschuss bekommen hat und so weiter. Im Prinzip braucht man für solche Gespräche oder Meetings einen Taschenrechner und keine Promo-CD mehr.

Sehr schade, denn es wird so gar nicht mehr über tolle neue Nummern geredet oder wohin die Reise musikalisch derzeit wohl geht. Es geht nur noch um Geld und Marketing. Und es geht um – in Bayern sagt man dazu – „Speziwirtschaft“. (In Köln heißt es „Klüngel.“ – Anm.d.Redaktion) Das „Du hilfst mir, ich helfe dir“-Prinzip ist weit verbreitet. Jeder große DJ oder Act hat noch dazu einen oder mehrere Protegés in seinem Hintern stecken, die er vermarkten und groß machen möchte. Schließlich kassiert er ja fleißig mit an den Gagen. Und wo wir gerade beim Thema Gagen sind: So manch einer hat schon wirklich ein sehr großes Selbstbewusstsein. Das kann doch alles nicht mehr ernst gemeint sein?! Für einen Avicii wurden noch vor zwei Jahren nicht mehr als 3.000 Euro bezahlt. Und jetzt wollen der Knilch und sein Management schon mehr als 100.000 Euro. Versteht mich nicht falsch, hier spricht nicht der Neid aus mir, denn ich hab ja bereits fünf Supermodels, einen Jet und sieben Lambos. Die Frage ist doch vielmehr, wie lange das alles noch gut geht? Denn, liebe DJs, eins sollte euch klar sein: Mit solchen Gagenvorstellungen zerreißt ihr eine ganze Industrie. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis all das kollabiert und wir wieder bei Null anfangen. So war es fast schon mal, als man zur Jahrtausendwende die ersten fünfstelligen Gagen an DJs bezahlte.

So entsteht eine Kluft, die auch die Promoter nicht mehr tolerieren wollen. Von vielen Clubbetreibern und Partyveranstaltern hört man immer häufiger dasselbe: „Da buche ich lieber meine Residents und spare mir die Kohle.“ Auch das ist leider nicht richtig durchdacht, denn gerade die Danceszene lebt ja vom Turnover. DJs und Live-Acts aller Art müssen spielen, damit ihre Musik draußen gehört wird. Hier wird dem Ganzen quasi der Antrieb genommen. Und weil dem so ist, gehen die kleinen DJs immer mehr mit der Gage runter und die großen immer weiter rauf. Dazwischen ist kaum mehr Platz für irgendwas. Wie bei allen großen Krisen ist das eben der Anfang vom Ende. Und so fragen sich dann alle dieser Tage in Miami, wann es den nun kracht. Was meint ihr?

Ich habe es gestern schon wieder viel zu viel krachen lassen, und deswegen lege ich mich jetzt noch mal hin. Ich freu mich auf den Mai mit euch.

Euer Tom

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