Im Banne der Bot- und Repost-Mafia5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Im Banne der Bot- und Repost-Mafia

 

Man muss kein Nerd sein, um sie zu kennen: Bots – die Roboter der digitalen Welt. Ein Programm also, das automatisch wiederkehrende Arbeiten leistet und prinzipiell einem kommerziellen Zweck dient: Kundengewinnung, egal in welcher Branche. Und es müssen nicht mal die nervigen Pornosternchen sein, die nach deiner Facebook-Freundschaft fragen, um dich später zu ihren Inhalten zu locken. Bots werden auch von Menschen aus dem eigenen Dunstkreis eingesetzt: Künstler, Labels, Promoter.

Beispiel Instagram. Organisches Wachstum torpedieren, ohne dabei Karteileichen zu kaufen? Hand aufs Herz: Likes kaufen ist doch sowieso voll 2013. Aber der Traum nach einer schnell wachsenden Fanbase bleibt omnipräsent. Es geht also darum, echte Menschen, echte Fans zu gewinnen. Ein Bot sammelt dafür Informationen wie Zielgruppen verwandte Hashtags, sucht ähnliche Accounts und folgt dieser Schnittmenge automatisch, liked ein paar zufällige Bilder oder Videos, kommentiert sie mit universell einsetzbaren Emojis und entfolgt dir – völlig unbemerkt – ein paar Tage später wieder. Das System ist zur perfekten Täuschung programmiert, arbeitet unauffällig. Es klickt sich nicht einfach in die letzten paar Beiträge, sondern gaukelt möglichst unbemerkt querbeet Interesse an deinem gesamten Tun und Schaffen vor. In der Zwischenzeit hat es dich jedoch längst angefixt, sind es doch meist Personen oder Gruppen, zu denen man aufschaut, die dich da plötzlich mögen. Es ist das: „Wow, krass, die folgen mir?! Hat sich meine langjährige Arbeit und Mühe also endlich bezahlt gemacht?“, was dazu führt, dass man seinem neuen (Schein-)Fan selbstverständlich zurückfolgt, interagiert und schlussendlich konsumiert. Ernüchternd ist es dann, wenn man die Masche aufdeckt. Und das wirft leider kein gutes Licht auf den Initiator.

Vor Jahren noch nicht für möglich gehaltene Startups machen plötzlich einen Reibach mit Geschäftsmodellen, die man nicht einmal seinen Eltern plausibel erklären kann. Für den Like-besessenen Nutzer ist es wiederum eine tolle Betriebsausgabe, bei der man vor Lachen nicht in den Schlaf kommt. Doch warum macht man das? Ist es der Wunsch nach mehr Sales oder Gigs, nur weil man mit einer großen Mehrheit an Followern angesagter ist? Vermutlich, um als DJ auch dem letzten ahnungslosen Veranstalter ins Auge zu stechen, der einfach kein Gefühl für das Standing eines Acts hat und schlussendlich enttäuscht ist, dass der Instagram-Superstar nicht einmal 30 Gäste zieht.

Bots mit echten Menschen gibt es bei SoundCloud. Kann man doch händisch mit einem Klick einem anderen Nutzer zu einer Menge Plays, Likes und neuen Followern verhelfen. Repost heißt das magische Tool, was im Grunde genau wie ein Retweet funktioniert: Fremden Inhalt in der eigenen Timeline teilen. Umso größer die Kanäle, umso größer der Nutzen desjenigen, der den Ursprungsbeitrag inne hat. Sich mit seinen Buddys oder genre-ähnlichen Musikern gegenseitig zu reposten macht durchaus Sinn, denn so kann man auch die Hörer des Kollegen für sich begeistern. Diese Art der Fan-Gewinnung ist eine moderne Form der Promo, die nichts kostet, sehr effektiv ist und auch nicht unbedingt stört, solange man es damit nicht übertreibt. Und doch lässt sich auch mit SoundCloud Geld generieren: Track-Premieren bei bekannten Blogs, dazu Podcasts oder Reposts mit versprochen hoher Reichweite. Wer eine breitere Hörerschaft sucht, darf löhnen. Nur hat man diese weitaus ehrlicher gewonnen, als mit nervigen Bots.

Online-Communitys sind die Werbepartner der Gegenwart und Zukunft. Wer nicht wirbt, stirbt. Doch im Unterschied zu Unternehmen sollten Künstler möglichst authentisch bleiben, organisch wachsen und vor allem ihren Augenmerk auf den eigenen Output richten und weniger auf die Reichweite im sozialen Universum. „Work more on your production than on your Instagram“, hatte Maceo Plex vor nicht all zu langer Zeit einmal getweetet. Und das muss ich doch direkt einmal retweeten.

 

Und hier gibt es noch mehr von Marc DePulse:
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fb.com/marcdepulse
Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig