Ein Leben im Rotlicht5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Ein Leben im Rotlicht


Der Bass muss fi**en, der Brustkorb drücken, die Brillengläser vibrieren. Ein paar Drinks zu viel und plötzlich hat man richtig Bock, es eskalieren zu lassen. Lautstärkebegrenzung? Ach was, ballern! Es soll scheppern im Gesicht! „No-no-limit“ haben schließlich zwei unlimitierte Holländer schon Anfang der 1990er-Jahre gepredigt.

An der Bar versteht man längst sein eigenes Wort nicht mehr, denn die LED-Anzeige am DJ-Pult trägt blutiges rot und der Limiter hat sich aus Angst längst selbst vom Netz genommen. Und kaum wurde der DJ vom Tontechniker mit erhobenem Zeigefinger verwarnt, es heute bitte nicht zu übertreiben, steht schon der obligatorische Dancefloor-Dieter neben ihm: „Ey Digga, mama lauda!“ Schließlich fragt so manch Promille geschwängerte Wahrnehmung: „Warum ist das eigentlich so leise hier?“ Klar, der innere Vernunfts-Wauwau wurde ja an der Garderobe angeleint und nach den ersten paar Kaltgetränken und weiteren Sektlaunenbeschleunigern kann es gerade nicht laut genug sein. Lustig und erschreckend zugleich, wenn man die Dezibel-App auf dem Smartphone öffnet und der symbolische Limit-Luftballon bei jedem Beat aufs Neue zerplatzt. „Haha, zum Glück halten meine Ohren viel mehr aus.“ Nicht.

Nun mal im Ernst, liebe Dauerfeuer-Buddys. Die rote Lavalampe im Mixer impliziert ja so ein dezentes Verbotssignal, was dir liebevoll flüstert: „Bis hierhin und nicht weiter.“ In der Handwerkssprache sagt man: „Nach fest kommt lose.“ Auf die Lautstärke umgemünzt bedeutet dies: „Nach rot kommt durch“ – wahlweise die Speaker oder das eigene Trommelfell. Natürlich haben sich die Macher einer Veranstaltung etwas dabei gedacht, wenn sie die Anlage vor Beginn feinjustieren, sie auf den Raum anpassen. Und zwar nicht, um sich später einer kirschgrünen Feierampel zu erfreuen. Denn schließlich wissen wir ja: „Good DJs don´t do it red!“

Bei einem Punkt sind wir uns natürlich einig: Gute Musik muss man laut hören. Doch ist Lautstärke natürlich immer relativ und liegt ebenso wie gesunder Menschenverstand meist im eigenen – mitunter befremdlichen – Ermessen. Zwitschernde Höhen und kratzende Mitten tragen jedenfalls nicht zum Wohlempfinden der Tanzgemeinschaft bei, geschweige denn zum Bestaunen der vorher so präzise eingestellten Anlage. Und ein krasser Bass erfreut zwar das Herz, kribbelt im Bauchnabel und entflammt die Tanzschuhe, ist aber tatsächlich noch gefährlicher für die Ohren, als die mittleren oder hohen Frequenzen. Eine gute Anlage klingt letztlich nur solange gut, bis man sie überdreht.

Natürlich fühlt es sich als DJ fast wie taub an, wenn man sich in seiner Kanzel stehend noch den Hörschutz samt Filter in beide Ohren stöpselt und dann noch die Kopfhörer draufsetzt. Also: „No pain – rauf mit dem Gain“? Natürlich sind die beispielsweise 15 Dezibel einschränkenden Plugs nicht dafür gedacht, den Rest des Raumes mit dem Anheben der gleichen Summe zu quälen. Ein kurzer roter Ausschlag am Mixer tut sicher nicht weh, aber die gesunde Mitte sollte dich schon im grünen beziehungsweise gelben Bereich anlachen. Manch ein daneben installierter Level-Meter dient als nützliche Rotlichtpolizei.

Es ist nicht immer böse gemeint, wenn man gesagt bekommt: „Du müsstest dich mal reden hören!“. So würde man manchem Act gern einmal wünschen, sich selbst auf dem Floor spielen zu hören. Der Klang hinter dem Pult ist schließlich immer ein anderer als auf dessen Kehrseite und diese Erfahrung durften wir alle schon einmal machen – mit mehr oder minder erstauntem Resultat.

Wir kennen doch alle das Gefühl vom nächsten Tag: „Hätte ich mal nur nicht! (…)“, „Nie wieder! (…)“, „Daraus habe ich jetzt ein für allemal gelernt! (…)“ Klar, der Brummschädel am Tag danach, das Kratzen im Hals, das Herzrasen bis hin zum tagelanger Antriebslosigkeit. Einen Kater überlebt man, Kopfschmerzen sind temporär, die Erkältung nach einem fetten Rave auch. Aber wenn man sich die Ohren einmal zerschossen hat, ist es zu spät.

Hand drauf: „Red lights are for prostitutes“ – und damit überlassen wir die roten Lichter mal den Profis.

 

 

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Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig