Schlafen will gelernt sein5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Schlafen will gelernt sein

 

 

DJs haben ja mitunter in Nächten mehr erlebt, als an so manchen Tagen in ihrem Leben. Die Nächte, die DJs über die Jahre gefeiert haben, müssen andere erst einmal überleben. Außerdem: Schlafen kann man, wenn man tot ist. Okay – Sprüche fürs Phrasenschwein. Und doch sind sie nicht weit hergeholt. Beinahe jeder DJ fing einst als kleiner Raver an. Alles mitnehmen, überall dabei sein, nix auslassen. Doch im zunehmenden Alter muss sich irgendwann auch der aktivste Nachtmensch eingestehen, dass man nicht mehr ohne weiteres wach bleibt, bis die Wolken wieder lila sind.

Während nahezu der komplette Freundeskreis Ü35 das Clubbing auf ein Minimum reduziert hat und sich samt Nachwuchs nur noch zu betreuten Nachmittags-Raves im Park trifft, hat der gleichaltrige DJ das wöchentliche Nachleben natürlich längst noch nicht an den Nagel gehangen. Solange man den Großteil seiner monatlichen Taler in den Nachtstunden verdient („Nachts arbeiten nur die Nutten“ – danke, Oma), muss man lernen, wie man die Befindlichkeiten des eigenen Körpers am effizientesten austrickst.

Was anno dazumal auf Knopfdruck funktionierte, bedarf heute einer gewissen Vorbereitung. Ausdauer kommt nicht aus der Dose, Energie nicht aus dem Zapfhahn. Um also eine Playtime um 4:00 Uhr morgens noch halbwegs auf der linken Gesäßbacke absitzen zu können, muss man sich disziplinieren, wenn man danach nicht tagelang durchhängen möchte. Gesunde Ernährung, stressfreies Reisen am Veranstaltungstag und am besten vor der Nachtschicht noch ein kleines Schläfchen. Nicht nur Leistungssportler wissen: Der Kurzschlaf bewirkt wahre Wunder, setzt Kräfte frei, macht frisch zwischen den Ohren. Lerne also deinen Körper kennen und höre auf Signale. Das Geheimnis des Disco-Naps besteht darin, nur so lange zu ruhen, dass man nicht in den Tiefschlaf verfällt. Und wer schon über mehrere Dekaden die Teller dieser Welt dreht, hat – nun ja – ein ganz schön dickes Vorschlafen-Register.

Nun ist der Jahrzehnte lang aktive DJ natürlich keine Pillen fressende Maschine, sondern auch nur ein Mensch. Gerade wenn der Kalender so eng gestrickt ist, dass man tagelang ausschließlich Flughäfen, Bahnhöfe, Taxis, Hotels und Clubs sieht. Man lernt die Effektivität des Schlafes zu nutzen und zu unmöglichsten Zeiten des Tages die Augen zu schließen. Schlafen, wann man kann, wo man kann, so lang man kann. Das ist manchmal auch völlig alternativlos, nämlich wenn man verrückteste Verbindungen und Playtimes irgendwie realisieren möchte. Verspätungen, Ausfälle oder umständliche Umbuchungen mal noch gar nicht bedacht. Denn so entspannt mancher Reiseplan klingen mag, ist er spätestens nach der ersten verpassten Anbindung eine Odyssee. Also: keine Gelegenheit ungenutzt lassen. Kein Flugzeug ist zu laut, kein Gate zu unbequem, kein Zugabteil zu schäbig.

Und immer wieder hört man im Freundeskreis: „Wie du das machst?! Ich könnte das nicht!“ – und du fragst dich selbst: „Ja, wie mache ich das eigentlich?“ Hat man doch sein halbes Leben in Fastfood-Restaurants zugebracht und hätte man das Fach Sport in der Schule damals am liebsten abgewählt. Doch wer sich Vollzeit der Musik verschrieben hat, kann natürlich das tun, was jene Freunde nicht können: sich wochentags richtig schön erholen, den Körper entgiften. Und solange man den Haushalt mit Personen teilt, die zwischen Kernarbeitszeiten und geregelten Essenszeiten jonglieren, ist es also nicht dumm, sich nach langen Raves auch immer mal wieder den Wecker zu stellen und nicht bis Nachmittag zu schlafen. Ein gesunder Nachtmensch braucht schließlich auch einen gesunden Biorhythmus.

Jeder Mensch hat so seine Schlafmythen. Manch einer schläft gern vor, ein anderer schläft mehrmals am Tag kurz, anderen macht der Schlafmangel nicht viel aus. Doch jeder Körper holt sich irgendwann das zurück, was er braucht. Zum Glück gibt es dafür die Wintermonate, wo man in Ruhe die Akkus für den Sommer aufladen kann. In diesem Sinne: gute Nacht!

 

 

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Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig