Live und in Farbe5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Live und in Farbe


 

Neulich habe ich einen Artikel gelesen, der an die Partner der Instagram- und YouTube-Influencer gerichtet war. O-Ton: „Ihr tut mir so leid!“ Doch, Moment einmal. Folgen DJs heutzutage nicht genau dem gleichen Prinzip? Im Mittelpunkt stehen, Mehrheiten erzeugen, eine große Fanbase generieren, auffallen um jeden Preis? Sich voller Begeisterung einen Lampenschirm auf die Birne setzen für ein paar Likes? Klar, schließlich geht der größte Kasper am ehesten viral.

Selbst wenn die Homies mal nicht mit auf Tour sind, gibt es zum Glück noch Menschen wie Schaffner, Stewards oder andere Passagiere, denen man mal flink das Smartphone in die Hand drücken kann: „Entschuldigen Sie, können Sie bitte ein Foto von mir machen, wie ich meine Füße auf die Plattenkiste lege, das Sektglas halte und verträumt aus dem Fenster schaue?“ – am besten hat man die Kulisse natürlich vorher schon so inszeniert, dass es sich gut liken lässt.

Doch man muss nicht einmal weit reisen, um mit der Gefolgschaft massenwirksam zu kommunizieren. Ein wenig Lampenfieber kann man selbst daheim erzeugen. Es ist das sogenannte Live-Video, was eine komplette Entourage auf den Plan ruft: Putzkräfte, Stylisten, Kreativköpfe, ein ganzes Kamerateam – und das alles verkörpert der eigene Partner. „Schatz, wir müssen das Set vorbereiten. Ich will gleich live gehen!“

Es ist wie der sich anbahnende Besuch der eigenen Mutter. Endlich hat man mal einen Grund, die Bude auf den Kopf zu stellen und Dinge zu machen, die einem nicht einmal im Traum einfallen würden. Bügeln zum Beispiel. Schließlich will man sich ja nicht zerknittert der Außenwelt zeigen. Immer schön den Schein wahren, also ab in die Maske, Locken richten, Pickel abdecken und die Klamotten farblich mit dem Equipment abstimmen (Schwarz geht immer). Das Hemd bis obenhin zuknöpfen, egal, ob man darin schwitzt. Es ist ja nur für ein paar Minuten. Alles muss sitzen für die perfekte Aufnahme: das Licht, die Deko, der Einfallwinkel. Schnell also noch das Studio herrichten, Staub wischen, Fenster putzen, Wohnung grundsanieren. Ein Vorab-Blick in die Kamera verrät, was alles im Bild steht und was fehlt. Die leeren Schnapsflaschen der Coolness wegen wieder aus dem Altglas holen, Kippe anzünden, auch wenn man Nichtraucher ist. Das komplette Equipment hochfahren. Alles blinkt, der Stromzähler überschlägt sich.

Ein Live-Video kann man nicht editieren, daher muss der erste Take direkt sitzen. Also lieber drei Testläufe machen und final auf Nummer sicher gehen, dass niemand ungeplant durchs Bild rennt, die Nachbarn jetzt nicht Sturm klingeln, Oma nicht auf dem Festnetz anruft. Schnell noch dubiose Tabs im Browser schließen, Rheumasalbe und Magentropfen wegräumen. Das öde Alltagsleben hat in den nächsten paar Minuten auf jeden Fall Pause, denn das Studio soll ja eine gewisse Jugendlichkeit hinterlassen. Die Spannung steigt, die Halsschlagader klopft den obersten Hemdknopf gleich wieder auf. Ein letztes Mal die Stirn abtupfen lassen und los geht’s.

3, 2, 1 und zack: Jetzt bist du live im Internet! Die halbe Welt kann dich jetzt sehen! Na gut, sieben Zuschauer sind auch erst mal ein Anfang. Die Cola Light des kleinen Mannes. Also lässig in die Kamera winken und die Homies begrüßen. Bauch einziehen, Brust raus. Aufpassen: Jetzt bloß keinen mehr fahren lassen! Denn das Mikro deines High-Tech Smartphones erfasst selbst die kleinste Obstfliege.

Wenige Momente später ist der Spuk vorbei. Eine Performance wie nach 10 Kilometer joggen. Das durchgeschwitzte Hemd auswringen und endlich wieder in die Jogger schlüpfen. Blutdrucktabletten einnehmen. Abschminken. Aschenbecher ausleeren, Hustenanfall. Lichtinstallationen abbauen, die Freundin zum Altglas-Container schicken. Alle Staubfänger zurück in den Keller räumen und liebevoll tätscheln: „Bis zum nächsten Live-Video“. Puh, was für ein Stress! Ab auf die Couch, den Sonnenbrand vom Rampenlicht behandeln. Bier soll da gut kühlen, habe ich gehört.

 

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fb.com/marcdepulse
Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig