“The Future Is Ours” (deutsch: “Die Zukunft gehört uns”): das war das Motto der Loveparade im Jahre 1990. 30 Jahre später wissen wir: Pustekuchen. Rund sechs Wochen sind wir mittlerweile eingesperrt – Lockdown und so …

Mental bin ich gerade nicht ganz auf der Höhe, bin oft nachdenklich und traurig. Unsere Welt gibt es nicht mehr. Ich war ein DJ und Musik ist meine große Liebe. Ich bin gerne ausgegangen, habe gerne getanzt und mit Menschen, Freunden und meiner Familie gelacht. Ich könnte euch unzählige Geschichten erzählen, in denen ich Leute zum Tanzen gebracht und erfahren habe, wie die Musik mich mit Menschen aus der ganzen Welt verbindet.

Seit Mitte März ist das alles vorbei. Ein Virus, das unsere Gesellschaft bedroht und vernichten will: Ein Horror-Szenario, das mich zutiefst schockierte.

Die ersten vier Wochen Quarantäne waren gar nicht mal so schlimm. Ich war tatsächlich der Meinung, dass es sinnvoll ist, sich sozial zu isolieren. Ich dachte, man könne sich dadurch Zeit und einen Überblick auf die Gesamtsituation verschaffen.

Ich zehrte von den Erinnerungen meiner letzten Partys. Ich redete mir ein, dass es bald weiter geht und wir zusammen eine Lösung finden. Mittlerweile trifft mich die Realität an manchen Tagen wie eine Faust ins Gesicht. Zweifel plagen mich. Werden wir jemals wieder zusammen tanzen, lachen und feiern können? Werden wir den Menschen in Zukunft in die Augen sehen und nicht wissen, was sich hinter den Masken verbirgt? Wann und wie geht es weiter?

Die Politik in Europa macht sich keine Gedanken über die Menschen. Zu schnell war sie am Start mit all ihren Gesetzen und Maßnahmen. Die politischen Hauptfiguren sind machtbesessen, populistisch und selbstverliebt. Das, was “Krisenmanagement” geschimpft wird, bekommt jede Selbsthilfegruppe besser auf die Kette. Die Helden sind andere als die, die jetzt Entscheidungen treffen. Es ist eine Gleichung entstanden, die nicht aufgehen wird. Der Mensch steht hier nur in Klammern. Leben kann man nicht in Zahlen umwandeln.

Wie viele Menschen werden noch sterben müssen? Wie viele Menschen werden noch alles verlieren müssen? Es sind keine guten Aussichten, so viel ist sicher. Aber wenn ich dem Menschen seine Freiheit nehme und ihn nicht selbst über sein Schicksal entscheiden lasse, dann wird die Identität jedes Einzelnen in Frage gestellt. Wir sind dann nur noch Lemminge, Sklaven oder Bauern auf einem Schachbrett, die geopfert werden.

Wir haben unsere Identität verloren. Obwohl, nein: Sie ist uns genommen worden.
Wovor habt ihr mehr Angst, vor einem Virus oder vor der Exekutive? Ihr solltet euch fragen, ob ihr das wirklich alles so wollt. Wer von euch hält sich noch strikt an alle Maßnahmen?

Viele von uns haben Anfang der Neuziger eine Gesellschaft und Kultur mitbegründet, in der es um Frieden, Freiheit und Toleranz geht. Freiheit heißt aber auch Selbstbestimmung. Und wenn diese Werte verloren gehen, dann geht auch unsere gemeinsame Zukunft flöten.

Ich habe mich in meiner letzten Kolumne über den Streaming-Wahn zu Corona-Zeiten ausgelassen. An dieser Stelle muss ich mich korrigieren: Sofern es gut gemacht ist und die Leute unterhält, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ein exzellentes Beispiel hierfür ist Bob Sinclair. Jeden Tag spielt und streamt er andere Musik – krass, was der alles drauf hat an Genres. Dass viele Clubs jetzt Streams anbieten ist eine gute Sache, um den Kontakt zu den Gästen zu halten. Aber: Ein DJ gehört in einen Club und nicht in seinen Hobbykeller. Mag sein, dass ich da zu konservativ denke, aber DAS kann auf keinen Fall unsere Zukunft sein!

Streaming, die Houseparty-App, Zoom-Partys, Essen zum Mitnehmen oder der derzeitige Bestell-Wahnsinn: All das bitte nur, um sich die Zeit während des Lockdowns zu vertreiben. Danach muss damit Schluss sein! Der Mensch benötigt soziale Kontakte. Erst sie machen unser Leben auch lebenswert.

Kultur, Musik, Kunst, gutes Essen, Clubs, Festivals und so vieles mehr. Wieso lassen wir uns das alles nehmen? Lasst uns lernen, mit dem Virus zu leben und sinnvoll und sicher damit umzugehen. Hygieneregeln und Sicherheit sind von oberster Priorität, aber Respekt und Nächstenliebe ebenso. Wir müssen einen Kompromiss finden, um alte und neue Werte gleichermaßen ausleben zu können. Wir müssen Risikogruppen und alte Menschen schützen, aber wir müssen auch mit der Gefahr leben, dass Menschen sterben. Wir können eben nicht alle retten.

Wenn mich die letzten Wochen eines gelehrt haben, dann, dass nichts selbstverständlich ist und dass wir nur sehr wenig Kontrolle über das haben, was momentan passiert. Trotzdem müssen wir fortfahren und nicht stagnieren. Wenn es mich eines Tages erwischt, egal wie, dann lieber mit dem Wissen, gelebt zu haben, als mit dem Bedauern, mich vor dem Leben versteckt zu haben.

 

Die Zukunft gehört uns, und zwar uns allen!
Euer Tom

 

 

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