Tom Novy
Eigentlich wollte ich das ja schreiben lassen. Als ich vor drei Jahren zum alleinerziehenden Papa wurde, veränderten sich Dinge und Blickwinkel auf viele Sachen. Man denkt dann nur noch eine Zeit lang von Pausenbrot bis Sportverein bis Hausaufgeben. Ich denke viele, die hier schon lange dabei sind, wissen, wovon ich rede. Egal, ob alleinerziehend oder nicht. Kinder ändern alles. Ich bin mittlerweile aber auch der jüngste DJ-Opa überhaupt und euch wie immer einen Schritt voraus.


Jetzt ist es genau diese neue Sicht der Dinge, die mich veranlasst hat, mal wieder etwas zum Besten zu geben. Denn auch wenn es viele nicht glauben, ich mache immer noch das Gleiche wie schon seit fast 30 Jahren. Musik, Partys und Feiern. Mittlerweile sind noch Clubs, ein Label, Firmen-Events, PR und viele anderen kleine Dinge dazugekommen, aber die Leidenschaft gilt immer noch der Musik. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich auch gar nichts anderes machen, bis ich mich zu Ruhe setze.

Es ist immer noch diese Feuer in mir, das mich Ende der 80er und Anfang der 90er ergriffen hat. Ein Feuer, das mittlerweile zur Lebensphilosophie geworden ist. Als das damals mit der ganzen elektronischen Musik losging, war alles so schnell – und ich meine die BPM und nicht das, was ihr denkt – und neu. So wild und vor allem so frei. Man war versessen darauf, miteinander zu feiern, Abenteuer zu erleben und neue Musik zu hören. Unsere Musik. Musik, die wir alle zusammen erfunden und getanzt haben und zwar bis heute.

Mittlerweile ist daraus leider ein Milliarden-Geschäft geworden. Leider haben die Wölfe und Gierigen das Ruder übernommen. Und leider geht daran alles kaputt. DJs werden zu Marionetten und von ihren Managements ausgebeutet und ausgepresst, während sie im Privatjet von Festival zu Festival hetzen und entweder komplett auf Allem sind oder schon den Bezug zur Realität komplett verloren haben. Nicht ohne Grund begeht ein Tim Bergling Selbstmord, weil er keinen Ausweg mehr gesehen hat. Wir stampfen immer mehr Festivals aus dem Boden und die Preise werden immer teurer hierfür. Die Besucher aber gehen uns aus. DJs zu astronomischen Gagen, es ist ein Schwanzvergleich vom Feinsten. Wer hat das teuerste Line-up? Größer, höher, weiter und mehr Geld bitte. Künstler werden per Social Media auf die Spitze gehypt. Katzenfotos und Bilder von Privatjets oder vom letzten Festival mit den Händen oben helfen dabei. Echt ist davon gar nichts – weder die Musik noch der Künstler noch der Ruhm.

Es ist heute alles gemacht. Wenn ihr wüsstet, wie viel große neue Künstler wie Amelie Lens oder – gerne aus einem anderen Genre – Don Diablo für Social Media ausgeben, würde euch schlecht werden. Mindestens ein Drittel der viel zu hohen Gagen gehen dafür drauf. Das Fatale daran, ihr nehmt euch selber den Spaß an der Sache. Ihr hatet über alles und jeden im Internet. War das wirklich der Geist unserer Musik und war das wirklich die Message? Toleranz ersetzt Neid und Gemeinschaft wird zu einer pseudo-elitären Ibiza-Mykonos-Kotzbrockengesellschaft. Sorry, jetzt ist ja Tulum das neue Ibiza und wir müssen alle unbedingt zum Burning Man. Echt jetzt? Das ist übrig geblieben vom Spirit?

Ihr nehmt euch den Nährboden für Neues. Die Clubs sterben aus oder ändern das Programm. Ich kenne unzählige Clubbesitzer, die keine elektronische Musik mehr machen, weil keiner mehr kommt – wenn nicht ein großer Act angekündigt wird, der aber für einen Club normaler Größe nicht mehr zu bezahlen ist. Mann macht dann lieber Hip-Hop-Partys oder lässt gar die 90er wieder aufleben. Das lohnt sich nämlich. Früher waren die Clubbesitzer, Promoter und DJs befreundet. Man ging vorher essen und erzählte sich die neuesten Abenteuer. Man feierte zusammen, man freute sich aufeinander. Schon klar, seitdem das Smartphone Einzug gehalten hat in unsere Gesellschaft, kämpfen wir alle gegen einen noch viel größeren Dämon. Aber man kann Dinge eben auch bewusst tun. Ich schreibe euch heute, weil ich euch von einem anderen Bewusstsein erzählen möchte. Eines, bei dem wir zum Beispiel Menschen auf Social Media ermutigen und uns für Erfolg freuen oder dann lieber nichts schreiben, wenn wir etwas scheiße finden. Eines, bei dem DJs mal lieber Fotos mit ihren Fans oder ihrer neuen Musik posten, als Privatjet, das neue Studio oder den neuen Porsche. Wir hatten bereits so ein Bewusstsein und elektronische Musik hat die Welt damals verändert. Das Schlimme ist, dass die Gier nun nicht mehr weiß, wann Schluss ist. So ist das mit der Gier.

Ich kann nur hoffen, dass viele von euch sich ein Herz fassen und zurück zu dem finden, warum diese Bewegung und diese Musik so wundervoll war und ist.

Dazu braucht es keinen Ibiza-Urlaub für 5000 Euro und dazu muss niemand zum Burning Man fahren – auch der Sprit dieses Festivals war übrigens mal ein ganz anderer. Dazu muss jeder bei sich selber anfangen. Dinge einfach nicht verurteilen, sondern tolerieren. Ich bin mittlerweile echt richtig angeekelt von vielen Dingen, die ich jeden Tag lese, sehe oder erlebe in unserem Geschäft. Aber ich denke mir meinen Teil, denn unsere Musik – egal ob House oder Techno, egal ob EDM oder was auch immer – ist größer als alles das.

Solange ich noch Gänsehaut von einem neuen Song bekomme oder dieses Gefühl beim Ausgehen und Auflegen habe, bleibe ich dabei. Denn genau das ist Feuer, das mich vor 30 Jahren ergriffen hat und es brennt noch immer tief in meinem Herzen. Bitte seid so gut und rettet euren Spirit. Bei vielen ist es bitter nötig.

Euer Tom

 

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