Mit “Der Mückenschwarm” feierte Oliver Koletzki seinen Durchbruch. Ein wahrhaft ikonischer Track, der auf Sven Väths Label Cocoon erschien, durch seinen schrägen Sound brillierte und sich ein unumstrittenes Denkmal in der Techno-Szene gesichert hat. Im Mai 2020 zelebriert die Platte ihren 15. Geburtstag, ebenso wie Stil vor Talent – Koletzkis Label, das er wenige Monate nach dem Release gründete. Mit uns sprach der gebürtige Braunschweiger über die Entstehungsgeschichte des Tracks und erklärt, warum er als “unmixbar” gilt.


Hand aufs Herz, wie bewertest du “Der Mückenschwarm” nach all der Zeit? Würdest du etwas ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Nein, das würde ich nicht. Ich hatte damals meine Gründe, warum ich bestimmte Sachen so gestaltet habe, auch wenn vieles einfach nur Glück oder Zufall war. Aber das (Kunst-)Werk steht für sich.

Kannst du uns einen Einblick geben, in welcher Phase du dich zu dieser Zeit befandest?

Ich war kurz zuvor von Braunschweig nach Berlin gezogen und hatte mein Abitur nachgeholt. Ich hatte sehr wenig Geld, habe nachts in Bars aufgelegt und tagsüber bei Magix (Music Maker) als Hausmeister gearbeitet.

Das Arrangement bricht aus heutiger Sicht immer wieder aus dem gewohnten Beatport-Charts-Korsett heraus. Wie bist du ans Arrangieren herangegangen? Welcher aktuelle Techno-Track begeistert dich aufgrund seines Arrangements?

Das langweilige “Beatport-Erfolgs-Arrangement” gab es ja damals noch nicht. Im Vergleich zu heute waren Arrangements damals noch deutlich ausgefeilter. Mich begeistert jedes Arrangement, das mutig und innovativ ist und sich nicht danach richtet, ob es für einen DJ möglichst gut spielbar ist. Diese Gemeinheit habe ich auch am Ende von “Der Mückenschwarm” eingebaut: Alle Drums, bis auf die Kick, sind um eine 1/8-Note verschoben, sodass der Track theoretisch unmixbar ist.

Welche Tools standen dir damals im Studio zur Verfügung? Wie sah dein Studio damals generell aus? Welche Tools haben die vielen Jahre überlebt und befinden sich noch heute unter deiner Ausstattung?

Ich hatte einen PC mit Cubase, einen Akai S2000, einen Roland D50, den Orbit Dance Planet und die ersten Software-Synthesizer, wie zum Beispiel die Moogs von Arturia. Mein Studio befand sich direkt neben meinem Bett in meinem WG-Zimmer. Ich habe damals schon sehr viel mit Audio-Samples gearbeitet und das tue ich auch heute noch.

Der pulsierende, pluckige Bass ist eines der Aushängeschilder von “Der Mückenschwarm”. Wie entstand er?

Das war der erste Ton eines Audio-E-Bass-Loops. Ich habe ihn herausgeschnitten und gepitcht.

Wie bist du an den Drum-Groove herangegangen? Woher stammen die glitchigen, coolen Hi-Hat- und Percussion-Sounds?

Fast alle Drum- und Percussion-Sounds stammen von Magix-Music-Sample-CDs. Wie gesagt, ich habe damals als Hausmeister in ihrem Headquarter gearbeitet. Und: Ich hatte den Schlüssel zum Lager im Keller. Ich bin dann öfters heimlich heruntergegangen und habe jede erdenkliche Sample-CD geklaut, die ich noch nicht besaß. Der Qualitätsstandard dieser Samples war für damalige Verhältnisse ziemlich hoch. Nachts habe ich in meinem Studio dann die besten Sounds rausgeschnitten und verändert.

Wie entstanden die melancholischen Chords und wie hast du sie programmiert?

Das ist eine Arturia-Fläche, die ich eingespielt und modelliert habe.

Wenn man das Mixing bedenkt, hat sich dein Sound immer wieder verändert. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Mixing gehört leider so gar nicht zu meinen Stärken – bis heute nicht. Deswegen habe ich meine Tracks schon immer von externen Sound-Engineers abmischen lassen. Bei “Der Mückenschwarm” war das lustigerweise ein Mitarbeiter aus der Magix-Audio-Abteilung.

Welche Studio-Tricks hast du dir während der Corona-Quarantäne neu angeeignet? 

Gar keine. Ich arbeite gerade an meinen Gärtner-Skills auf der Terrasse.

Auch dein Label Stil vor Talent feiert in diesem Jahr Geburtstag. Wie sehen die neuen Pläne für eventuelle Feierlichkeiten aus? Die ursprünglich geplante Tour kann aufgrund von Corona leider nicht stattfinden.

Das ist eine gute Frage. Wir hoffen, dass wir im Herbst oder Winter noch die ein oder andere Geburtstagsparty feiern können. Ansonsten verschieben wir die Feierlichkeiten auf 2021. Im Sommer erscheint allerdings eine große Geburtstags-Compilation mit unveröffentlichten Tracks unserer Künstler.

 

 

Noch mehr Track-Checks:
DJ Misjah & DJ Tim – Access (X-Trax)
999999999 – Love 4 Rave (NineTimesNine)
Josh Wink – Higher State Of Consciousness (Strictly Rhythm)
Thomas Schumacher – When I Rock (Bush)

Markus Suckut – Infinity (SCKT)
Len Faki – Robot Evolution (Figure)
Da Hool – Meet Her At The Loveparade

Ian Pooley – Celtic Cross (Force Inc.)
Chopstick & Johnjon – Pining Moon (Suol)
Butch – Countach (Cocoon) 
Isolée – Beaut Mot Plage (Playhouse)
SBTH – Ribolla (Lossless)
Matthias Meyer – November Rain (Watergate)
Axel Boman – Purple Drank (Pampa Records)
Sascha Funke – Mango (BPitch Control)
Format:B – Chunky (Formatik)
CamelPhat & Elderbrook – Cola (Defected)

Justus Köhncke – Timecode (Kompakt Records) 
Frankey & Sandrino – Acamar (Innervisions)

Oxia – Domino (Kompakt)

Andhim – Tosch (Superfriends)
Gabriel Ananda – Ihre persönliche Glücksmelodie (Karmarouge)

Ninetoes – Finder (Kling Klong)
Die Vögel – Blaue Moschee (Pampa Records)

www.soundcloud.com/oliverkoletzki