Marc DePulse – Foto: Jörg Singer/Studio Leipzig

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Wir lagen träumend im Gras


 

Sonntags nach einem langen Wochenende mit den besten Freunden und einem Grübel-Dübel im Gras, die Köpfe voll verrückter Ideen: „Lasst uns doch mal ein eigenes Event auf die Beine stellen. Ich habe da so eine Idee!“ Der süße Geschmack auf der Zunge lässt buntes Blut durchs Hirn schießen. Und schon läuft das Brainstorming auf Hochtouren und man bringt das Konzept direkt auf Papier. Visionen in einer Subkultur, die Freiheit und Liebe mit unendlich multiplizieren.

Nach der ersten kleinen Party mit 30 Freunden im Grünen hallt der Zuspruch noch Wochen später nach. Um der hohen Erwartungshaltung gerecht zu werden, möchte man beim nächsten Mal natürlich direkt noch eine Schippe drauflegen.

Und siehe da: Die Besucherzahl wächst und wächst. Doch um die einst so gemütliche Wiese baut man nun einen Zaun, engagiert Security, stellt Dixis auf, bezahlt Brandschutz und Sanitäter, meldet seine einst so naturbelassenen Klänge sogar bei der GEMA an. Das Ordnungsamt hat seine hochmotivierten Grumpy-Cats geschickt, die dir wie eine Klette am Bein hängen. Verantwortung und Anforderungen wachsen. Du brauchst mehr Platz, mehr Technik, mehr Personal, mehr Deko, einfach mehr von allem. Das Team erweitert sich, die Gedanken verbreitern sich.

Irgendwann ist aus dem kleinen Event von Freunden für Freunde dank Mundpropaganda ein Selbstläufer geworden. Auch wenn man sich zu Schulzeiten geschworen hat, dass man Fächer wie Mathematik, Betriebswirtschaft oder Steuerlehre im Leben nicht braucht, holt einen die Vergangenheit knallhart wieder ein. Schnell stellt man fest, dass der einst so süße Rauch im Gras plötzlich ziemlich bitter schmeckt und der Spaß an der Sache dank bürokratischer Schikanen immer mehr verloren geht.

Träume entwickeln sich zusehends in verschiedenste Richtungen, hat doch jeder Kopf hinter der einst so unkommerziellen Idee seine eigenen Vorstellungen von der Zukunft. Möchte es der eine so klein und privat wie möglich halten, träumt ein anderer schon vom Bestreiten seines Lebensunterhaltes.

Irgendwann kommt man nicht umhin, Acts zu buchen, die auch den letzten Phlegmatiker von der Couch holen. Große Namen ziehen große Mengen. Vor allem aber ziehen sie große Scheine aus deiner Tasche. Also darf man diese Unkosten wiederum auf Eintritt und Gastro umlegen. Möglichst plausibel – denkt man sich – doch Gäste, die dir jahrelang die Treue gehalten haben, entwickeln dazu ihre eigenen Gedanken: „Schon wieder haben sie die Preise erhöht! Schaut sie euch an, die Goldesel mit ihrer Schubkarre. Tonnenweise fahren sie den Schotter raus …“ Vorurteile, die man dem löhnenden Feierfreund nicht so schnell nehmen kann, ist der Blick hinter die Kulissen doch meist nur den wenigsten vergönnt.

Leider wird zu wenig bedacht, welche Lasten auf den Schultern der sogenannten Goldesel liegen. Während der Veranstalter bereits Tage vorher stündlich nervös zig Wetter-Apps studiert, fällt der gebuchte Act bei Absage meist recht weich, denn Künstlergagen sind samt Booking-Fee zumeist komplett fällig. Ganz zu schweigen von Kosten für Logistik, Aufbau, Versorgung, Personal oder Genehmigungen, die bereits gezahlt wurden und auf denen der „Goldesel“ im schlimmsten Fall sitzen bleibt.

Auch wenn Musik und Rahmen nicht immer zu 100 Prozent den persönlichen Geschmack decken, sollte man im Hinterkopf haben, dass da immer wieder jemand bereit ist, diese Risiken auf sich zu nehmen, damit andere Spaß haben. Hegt und pflegt also das zarte Pflänzchen, was euch fruchtbaren Boden zum feiern gibt.

Und aus Promoter-Sicht gilt es irgendwann zu hinterfragen: Hat man die ursprüngliche Philosophie noch auf dem Schirm? Ist der Authentizität noch genüge getan? Lebt man noch seine Träume? Mit etwas Abstand stellt man fest: Aus dem einstigen Team sind nicht mehr viele übrig geblieben. Man hat sich zerstritten, getrennt und dafür Gleichgesinnte installiert. Und dabei war es am Anfang doch alles nur eine Idee. Mit Freunden. Im Gras.

 

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