Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: First things first

 

First things first. Drei Worte, die ich in den vergangenen Monaten so stark verinnerlicht habe, wie noch nie zuvor. Prioritäten setzen. Den inneren Brummkreisel anhalten. Körper und Geist resetten, ergo: ein Mal nass durchwischen. Ehrlich gesagt hätte ich das ohne die Corona-Vollbremsung nicht gemacht.

Der sonst so viel reisende DJ erkundet dank Arbeitslosigkeit plötzlich seine Wohnumgebung, lernt Nachbarn kennen, treibt Sport und entdeckt neue Hobbys. Mein neues Hobby ist mittlerweile ein Jahr alt und versetzt vorher noch so wichtige Dinge schlagartig auf die hinteren Plätze. „Alles wird anders“, haben sie gesagt. Alles wurde anders.

Ein wenig Angst hatte ich zugegebenermaßen vor dieser neuen Situation. Schließlich will man ja sein buntes Treiben nicht einfach so gegen Windeln und Babygeschrei eintauschen. Doch der warnende Engel auf der Schulter sprach: „Du bist jetzt Vater! Du trägst Verantwortung!“. Schluss also mit Halli-Galli. Tschüss ausschlafen, ade faulenzen. Die “Sich-ohne-Grund-regelmäßig-mal einen-gönnen-Haltung” reduzierte sich auf ein absolutes Minimum. Nachtschichten im Studio sind auch Geschichte. Man ist über jede Minute Schlaf dankbar und ein intakter Biorhythmus wird mehr denn je gebraucht.

Familienvater zu sein ist der ultimative Grund, um auf einer Party zeitig zu verschwinden, denn die beste Ausrede wartet ja nun daheim. Die einstigen Bedenken verschwanden schnell. Kann man Arbeit und neues Leben doch immer noch fantastisch managen, solange man mit sich und seiner Umgebung Kompromisse schließt. Nach kurzer Zeit wuchs bereits die Idee, Elternzeit zu nehmen. Die Bilder im Kopf waren wie gemalt: Urlaub an der See, Handy aus, kein Laptop dabei. Einfach mal nur für die Familie erreichbar sein. Die Zeit rückte näher, der Elterngeldantrag war durch und dank der KSK setzten sogar meine Versicherungsbeiträge aus. Bahn frei also für die ultimative Auszeit.

Soweit zur Theorie. Nur ging es mir dabei wie nach einer Woche Urlaub. Mir juckten die Finger. Ich musste irgendwas machen, kreativ sein. Neue Ideen umsetzen, mal wieder die Anlage aufdrehen, an den Reglern schrauben, ausbrechen. Musik zu fühlen und zu genießen wurde ein immenses Bedürfnis. Abschalten und rein gar nichts tun, konnte ich noch nie. Dafür liebe ich meinen Job zu sehr. Also versank ich in Arbeit – und das nicht zu wenig.

Februar 2020. Ich hatte gerade auf Solomuns Label Diynamic Music veröffentlicht. Die Nummer lief super, Booking-Anfragen flatterten beinahe stündlich herein. Doch dann kam Corona. Lockdown. Alles gecancelt. Und urplötzlich ist sie da, die Elternzeit. Ganz still und leise flüsterte mir das Karma ins Ohr: „Du hast es ja nicht anders gewollt“. Fortan wurde alles anders. Keine Reisen mehr. Daddy ist daheim und immer greifbar, das ändert auch keine geschlossene Tür zum Studiozimmer. 24/7 einfach mal das nachholen, was man ursprünglich machen wollte.

Doch was hat sich wirklich geändert? Hand aufs Herz: Ich komme beim Arbeiten schneller auf den Punkt. Ich hänge nicht mehr ewig im Netz ab, aktualisiere nicht alle zehn Sekunden meine Facebook-Timeline, habe seit Ewigkeiten keine Instagram-Storys mehr angeschaut und auch die Meldung „Du hast alle Beiträge der letzten zwei Tage gesehen“ kam seither nie wieder. Eine Runde zocken? Keine Zeit mehr. Vielmehr noch: keine Lust mehr. Man fokussiert sich auf die wesentlichen Aufgaben und das ist tatsächlich gut so. Ich habe gelernt, in kürzester Zeit Projekte abzuschließen, weil ich meine Zeit effektiver nutze. So komme ich auch öfters mal an die frische Luft.

Und trotz allem bin ich mit Leib und Seele voll dabei. Nur anders: zielgerichteter, selektiver. Hauptsache es staut sich nichts an. Also immer raus mit der positiven Energie, dafür ist man schließlich Künstler geworden. Wenn das Neugeborene für mehr Inspiration sorgt, dann los! Zum Glück sitzt auf meinen Schultern nicht nur ein Engel. Der andere fragt nämlich gerade nach einem kühlen Pils.

 

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Foto: Jörg Singer/Studio Leipzig