Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Geisterstund’ hat Gold im Mund

 

Als DJ bekommt man in diesen Tagen jede Menge Mitleid. Ist doch für den Augenschein vieler die einzige Einnahmequelle versiegt. Aber wir wissen: Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Schließlich verdient man nicht nur mit Gigs sein Geld. Auch eigene Releases und Einnahmen aus dem Labelbetrieb spülen ja bekanntlich ein paar Kröten in die Tasche. Nur reicht dies selten, um über die Runden zu kommen. Also muss ein Plan B für den Fall X her, der uns seit geraumer Zeit beherrscht.

Zugegebenermaßen lebe ich gerade das Leben, was ich jenseits der 50 Lenze führen wollte. Ich bin von Montag bis Sonntag daheim, habe meine Familie um mich herum und verdiene mein Geld mit meiner größten Leidenschaft: Ich produziere Musik – sowohl für mich als auch für andere. Im Fachjargon nennt man das Ghost-Producing. Ein Thema, das Kritiker, aber auch Neider hervorruft und daher gern unter dem Deckmantel des Schweigens gehüllt wird.

Als man Musik noch in die Hand nehmen konnte, war der Produktionsprozess deutlich transparenter. Hatte man zu jeder Kassette, Vinyl oder CD doch immer ein Booklet, das Informationen zum Inhalt offenbarte. Neben dem bürgerlichen Namen des Künstlers tauchten unter „written & produced by“ auch immer wieder Namen auf, bei denen man sich fragte: „Wer zum Teufel ist das eigentlich und was haben die mit meinem Lieblingskünstler zu tun?“

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als Milli Vanilli entlarvt wurden. Als Kiddie habe ich mir die Augen gerieben. Es war die viel zitierte Lüge am Verbraucher, die das Thema so groß machte. Mochte man doch nur zu gern glauben, dass der umschwärmte Act all diese Ausnahmetalente vereint: Komposition, Textdichterei, Gesang und Entertainment. Jene übermenschlichen Fähigkeiten, die einen Künstler überhaupt erst so besonders machen.

Steckt man aber tiefer im Musikgeschäft, dann ist das Thema Ghost-Producing plötzlich eine ganz normale Sache. Es redet nur keiner darüber, weil sich die Geister daran scheiden. Fehlt der künstlerische Aspekt auf der einen Seite, versteht man aus Sicht des Auftraggebers andererseits die Notwendigkeit.

Warum aber lässt man sich produzieren? Es gibt viele sehr gute DJs, die das Produzieren nie gelernt haben, weil ihnen schlichtweg die Zeit oder Möglichkeit dazu fehlte. Auf der anderen Seite gibt es fantastische Produzenten, die die Gunst der großen Bühne nie erfahren haben. Künstler, die wiederum helfen können, Werke mit ihrem Know-How auf das nötige Niveau zu hieven. Wer nach Ghostwriting sucht, pflegt meist eine große Marke, die neben der Auflegerei immer wieder mit Veröffentlichungen gefüttert werden muss. Heutzutage ist jene Auftragsvergabe an Dritte nicht nur im kommerziellen Sektor, sondern längst auch in unseren Gefilden angekommen. Und spätestens dann ist es auch ein lukrativer Job – nämlich für denjenigen Produzenten, der den ehrenvollen Job übernehmen darf. Abseits des Verdienstes ist es doch arg spannend, ein solches Projekt zu entwickeln.

Ich bin seit über 15 Jahren der musikalische Kurschatten für eine ganze Reihe an DJs und mache es wirklich gerne. Wer schon ein Weilchen dabei ist, kann sich vermutlich schnell von dem romantischen Gedanken der künstlerischen Entfaltung befreien. Seine Seele verkaufen? Mitnichten. Schließlich verkauft man nicht seinen eigenen Style, sondern lernt, über den Tellerrand hinaus zu agieren. Auftragsproduzent zu sein bedeutet, auf Wünsche und Ideen anderer einzugehen, umzudenken und auch mal einzulenken. Man probiert neue Herangehensweisen, baut Tracks anders auf, setzt Effekte ganz neu ein. Man benutzt Sounds, die man für sich selbst vermutlich nie verwendet hätte. Man erfindet sich neu und bildet eine völlig neue Peripherie des Produzierens. Kurzum: Geisterstund’ hat nicht nur Gold im Mund, sondern bildet auch noch weiter.

Ich verstehe jeden, der Ghost-Producing kritisch gegenübersteht. Doch bei allem Contra zum Thema sehe ich den Vorgang immer aus beiden Blickwinkeln. Wohl dem, der anno Corona mit solchen Aufträgen gefüttert wird und den Spaß an der Sache nie verliert.

 

 

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